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Schlagwort: Dirk van Gunsteren

Roman: Das Licht von T.C. Boyle

War es ein Gift?

Der erste Satz aus Das Licht.

Fitz ist wissenschaftlicher Assistent von Timothy Leary, als dieser gerade das „Wundermittel LSD“ entdeckt. Fitz will bei dieser Entdeckung mit dabei sein und hofft, seine Karriere damit nach vorne zu bringen. Es wäre keine gute Geschichte, wenn das so einfach wäre.

Wie schon bei vielen Romanen vorher greift sich Boyle ein historisches Thema oder eine Person und erzählt die Geschichte nicht aus dem Mittelpunkt, sondern aus der Sicht einer Randfigur. So macht er das bei Dr. Sex, bei Die Frauen und auch bei Die Terranauten. Was er macht, funktioniert: Wir folgen einer gut geschriebenen Geschichte, die die Wünsche und Träume von Menschen langsam an den jeweiligen Realitäten zerschellen lässt. Das kriegt Boyle auch hier wieder hin.

Ich lese ihn gerne, Boyle bleibt unterhaltsam und berührend und bringt mir Dinge näher. Und er schafft auch immer Bilder, die bleiben.

Aber wie schon im letzten Roman führt Boyles Stil – sich treiben zu lassen und zu sehen, wohin ihn die Geschichte bringt – dazu, dass es zwar einen sauberen Anfang gibt, die Geschichte am Ende aber einfach so ausplätschert. Fand ich schon damals schade, finde ich diesmal noch schlimmer.

Dazu kommt, dass ich anderes erwartet hatte. Auf seiner Lesetour zum letzten Roman erzählte Boyle schon von diesem, wie er daran arbeitete und erzählte hauptsächlich von Albert Hofmann, dem Entdecker von LSD. Während ich auch gerne diesen Roman über Leary gelesen habe, fand ich die Vorstellung, einen über Hofmann und seine Erfahrungen mit LSD zu lesen, die eigentlich viel spannenderen. Tatsächlich beginnt dieser Roman sogar mit einem Kapitel in der Schweiz, ganz typisch erzählt aus der Sicht einer Assistentin. Dann wechseln wir in der Zeit und im Ort und das folgende ist ganz nett. Aber dem nicht geschriebenen Roman trauere ich nach.

Dennoch, eine gut lesbare, witzige und berührende Geschichte, wenn auch nicht die beste von T.C. Boyle.

Das Licht von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Stories: Good Home von T.C. Boyle

Der erste Satz aus Good Home:

Es gab zwei Arten von Wahrheiten: gute und schmerzhafte.

T.C. Boyle ist optimaler Alleinunterhalter. Jede Lesung ein Spaß, ähnlich die Romane. Good Stories kondensiert dies, 20 Einblicke in 420 Seiten. Boyle umgeht dabei oft das deutsche Prinzip einer Kurzgeschichte, gibt mehr einen Einblick in menschlicher Lebensumstände, die meinem sehr fern sind, als einen überraschenden Twist oder eine unerhörte Neuigkeit. Es ist Auffächern des Alltags.

Good Home ist wie ein Fernseher der regelmäßig und unkontrolliert den Kanal wechselt. Meist dann, wenn ich diesen Ausschnitt der Welt, die Motivation der Figuren und ihr Handeln, wenn schon nicht gutheißen, dann zumindest nachvollziehen konnte, wechselte der Sender. Mehr als einmal blätterte ich um, entrüstet, dass es nicht weitergeht. Nur um mich dann in die neue Situation einzufinden.

Nicht alle Geschichten haben mir getaugt, nicht alle Situationen fand ich interessant. Aber selbst sie sind Teil dieser Möglichkeit, in menschliches Handeln, meist in ihre Abgründe zu blicken. Dass ich nach den meisten Geschichten mehr wollte, quasi mitten im Ritt rausgeworfen wurde, war in den Momenten zwar ärgerlich, erhält die Erinnerungen aber umso leuchtender. Treibt die Fantasie umso weiter an.

Und, Hanser hat ein ziemlich schönes Cover und wertig gemachtes Buch hingelegt. Nicht nur wegen des Inhalts habe ich dieses Buch sehr gerne in der Hand.

Good Home von T.C. Boyle wurde übersetzt von Anette Grube und Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Roman: Die Terranauten von T.C. Boyle

Der erste Satz aus Die Terranauten:

Man hatte uns von Haustieren abgeraten, desgleichen von Ehemännern oder festen Freunden, und dasselbe galt natürlich für die Männer, von denen, soviel man wusste, keiner verheiratet war.

T.C. Boyle macht, was er am besten kann: Er nimmt eine historische Fogur oder ein historisches Ereignis und spinnt davon ausgehend eine Geschichte, die Fiktion und Tatsachen so sehr miteinander verwebt, dass man nicht so genau weiß, was nun wahr ist und was Boyle. Diesmal lehnt er sich an die Biosphäre 2 Experimente in den 1990ern und erzählt die Geschichte von acht Terranauten, die zwei Jahre in dieser künstlichen Welt verbringen, erzählt aus drei Ich-Perspektiven.

Während die Basis und der Anfang noch der Realität entsprechen, erforscht Boyle, was hätte passieren können, wenn die Experimente so lange gemacht wären, wie es geplant war. Tatsächlich wurden die Experimente wegen Geldmangels sehr schnell abgebrochen, in Boyles Roman nicht. Also verfolgt man aus drei Sichten – zwei innerhalb der Kuppel, eine außerhalb – das Geschehen. T.C. Boyle weiß, wie er unterhaltsam erzählen kann, immer nah an der Komik, auch in den ernsten Momenten. So führt er uns durch zwei Jahre in der Kuppel, bei denen schnell klar wird, dass das, wenn auch simulierte, Leben in einer Atmosphäre nicht leicht ist, manchmal sogar fast tödlich.

Ich lese schnell, lerne viel Neues und will wissen, wie es weiter geht, ich genieße die Zeit im Roman, all die 600 Seiten. Die Prämisse, mit der T.C. Boyle aber schreibt – ein Grundszenario entwickeln und dann gucken, wo es uns hinführt – führt aber auch zu dem Problem, dass es keine eindeutigen Bögen und Abschlüsse in manch seinen Geschichten gibt. So auch hier. Der Schluss des Romanes ist nicht der Schluss der Geschichte, wenn es sowas überhaupt gibt. Deshalb fühlt sich aber der gewählte Schluss ein wenig beliebig an. Es hätte schon 100 Seiten früher zu Ende sein können, aber auch 100 Seiten mehr. Aber 600 Seiten sind auch Brett. Nun bin ich gespannt auf den kommenden Roman, laut Boyles Aussage auf der Lesung wird es um Albert Hofmann und die Entdeckung von LSD gehen.

Die Terranauten von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Ich habe über den Roman auch im Literaturcafé-Podcast geredet. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.