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Roman: Unsere anarchistischen Herzen von Lisa Krusche

Papa rennt nackt durch Charlottenburg.

Der erste Satz aus Unsere anarchistischen Herzen

Charles Eltern scheitern am Leben und ziehen von Berlin nach Hildesheim. Natürlich gegen den Willen von Charles, die ihr Leben hinter sich lassen muss. Gwens Eltern scheitern an ihrem Menschsein und gleichen das durch ihren Reichtum aus. Was Gwen auch nichts bringt. Diese beiden jungen Frauen erzählen abwechselnd ihre Geschichte und ihr Zusammentreffen, und alles was dann noch passiert.

Lisa Krusche schreibt schnelle und lebendige Szenen, überbordend an Emotion und Spielerei. Ich muss mich an ein paar Sachen gewöhnen und muss über die Szenebeschreibungen a lá Bret Easton Ellis hinwegkommen, dann bin ich für die restlichen 400 Seiten vollkommen drin. Ich verliebe mich vor allem in Charles und wenn das Herz von Gwen durch die Seiten scheint, berührt es mich.

Lisa legt einen krassen ersten Roman hin, mit eigener Sprache und Witz und tollen Bildern, die es mir nicht immer einfach machen, es aber wert sind.

Unsere anarchistischen Herzen ist ein Pro-Kleinstadt-Roman, eine Liebeserklärung an Freundschaften (zu Mensch und Tier und Natur und sowieso) und großartigstes Kopfkino.

Unsere anarchistischen Herzen von Lisa Krusche erschien bei S.Fischer. Ich habe ein Exemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Transparenz: Lisa und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Hörbuch: Manhattan Beach von Jennifer Egan, gelesen von Nina Kunzendorf

Anna merkte erst, wie nervös ihr Vater war, als sie das Haus von Mr Styles erreichten.

Der erste Satz aus Manhattan Beach

Anna wächst im New York der 1930er auf, ohne Vater und mit dem großen Drang, Dinge zu tun, die damals Männer vorbehalten sind. Und sie setzt mit Tränen, Schweiß und Herzblut ihren Kopf durch.

Seit A visit from the Goon Squad („Der größere Teil der Welt„) hat Jennifer Egan bei mir einen Stein im Brett. Ich war damals ziemlich beeindruckt von ihrer Schreibe.

Manhattan Beach hat eine ähnlich gute Schreibe, funktioniert aber ganz anders. Weniger experimentell, dafür sehr eindringlich beschreibt Egan, wie Anna sich durch die Männerwelt am Hafen New Yorks kämpfen muss, wie sie sich aus aus ihren und den gesellschaftlichen Zwängen befreit und versucht, ihren Weg zu finden. Und dann kommen noch die Erzählstränge von Annas Vater und des Gangsterbosses Dexter dazu. Vielleicht auch wegen der Lesung von Nina Kunzendorf, die mich im besten Sinne an Luise Helm erinnert, muss ich während des Buches immer wieder an ein paar Romane von Jojo Moyes denken, als ob dies die rauere, blutigere und nicht ganz so romantische Version wäre.

Ich mag Anna und die Geschichte, ich folge ihr gern und leide mit ihr. Aber am Ende bleibe ich nicht ganz befriedigt zurück. Ein gutes Porträt, eine starke Frau, aber kein, nichtmal ein offenes Ende. Schade.

Manhattan Beach von Jennifer Egan wurde übersetzt von Henning Ahrens und gesprochen von Nina Kunzendorf. Der Roman erschien bei Fischer, das Hörbuch bei Argon. Argon hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Oktober und wer wir selbst sind von Peter Kurzeck

Der erste Satz aus Oktober und wer wir selbst sind:

Dass also auch dieser wie jeder Sommer, sagst du dir.

Kurzeck erzählt keine Geschichten, Kurzeck erzählt Leben. Schreibt nieder, was passiert und was er denkt und was ihn an was erinnert. Dabei erinnert mich seine Schreibe daran, wie Araber schreiben. Die Vokale werden nicht geschrieben, und dennoch versteht man jedes Wort aus dem Kontext. Ähnlich ist es bei Kurzeck. Er lässt viele Worte weg, weil klar ist, welche es sein müssen. Schreibt extrem elliptisch und überlässt dem Leser das denken.

Man kann nicht wirklich runterlesen, diese Gedanken. Man muss aktiv lesen, sich aktiv in den Kanal Kurzeck schalten, der einfach durchgehend läuft. Es gibt keine Absätze, keine Ruhepause.

Es gibt viele schöne Gedanken, mein Exemplar des Buches ist voller Eselsohren und unterstrichenen Sätzen. Es gibt viel Atmosphäre, viele Bilder. Aber keine Geschichte. Kein Plot. Man das Buch irgendwo anfangen und irgendwo aufhören. Das Buch selbst fängt irgendwo an und hört irgendwo auf. Die erste Hälfte macht das Spaß. Tolle Bilder, schöne Sätze, angenehmes Gefühl. Aber irgendwann ist es mir wirklich anstrengend, dabeizubleiben. Und ich weiß, es gibt noch ein halbes Dutzend weiterer Bücher, die genau so funktionieren.

Man kann das schon machen, dieses Einschalten von Kanal Kurzeck. Aber ich brauche das nicht nochmal. Da lese ich lieber Geschichten, habe genug eigenes Leben in mir.

Oktober und wer wir selbst sind von Peter Kurzeck erschien bei Fischer.