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Roman: Mittnachtstraße von Frank Rudkoffsky

Mit sieben passten seine Beine noch quer unter den Tisch, und er konnte gerade so aufrecht sitzen, es war zwar höllisch unbequem, aber immerhin ein sicheres Versteck.

Der erste Satz aus Mittnachtstraße

Sein Job macht ihn fertig, seine Familie ist gerade nur Ballast und keine Freude mehr und jetzt kommt raus, dass sein cholerischer Vater demenzkrank ist. Und Malte muss da irgendwie durch. Was bedeutet, ziemlich weit zurück in die Vergangenheit zu gehen, um ganz alte Dinge endlich zu klären. Was nie leicht ist.

Frank Rudkoffsky erzählt mit Mittnachtstraße eine Geschichte über Familie und Väter und toxische Beziehungen und Dinge, die alte Menschen gern „Tradition“ nennen. Und das ganze in einem Schrebergarten, was mich erstmal ziemlich abgeschreckt hat, weil das so gar nicht meine Szene ist. Aber Rudkoffsky erzählt frisch und modern, post-pandemisch mit so vielen kleinen Details, bei denen ich denke, „ja, ich auch!“, sodass das Setting für mich dann doch ziemlich gut funktioniert. Es ist ein Kammerspiel zwischen Schrebergarten und Klimawandel, zwischen Vater sein und immer im Schatten des eigenen stehen, klar und eindrücklich erzählt.

Mittnachtstraße von Frank Rudkoffsky erschien bei Voland & Quist. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Frank und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Bericht: „Brüchige Männlichkeit“ im Literaturhaus Stuttgart am 16.11.22

Ein Mittwochabend, diese drei Männer zusammen mit Carolin Callies auf der Bühne und zwischen den Besucher:innen ziemlich viele leere Stühle. Komisch eigentlich, sagt auch Stefanie Stegmann, Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses. Im Vorfeld sei diese Veranstaltung die gewesen, auf die sie am häufigsten angesprochen worden ist. Und im Livestream sähe das auch nochmal anders aus. Hier im Saal gehöre ich zu den jüngsten und und bin mit wenigen anderen Männern weit in der Unterzahl.

Joachim Zelter, Heinz Helle und Frank Rudkoffsky haben mit „Professor Lear„, „Wellen“ und „Mittnachtstraße“ jeweils einen Roman geschrieben, der sich unter anderem mit dem Motiv brüchiger Männlichkeit auseinandersetzt, mit der Dekonstruktion dessen, was wir als „Mann“ und „männlich“ sehen.

Die drei lesen einen Ausschnitt, eine Ahnung dieser Dekonstruktion und reden danach mit Carolin und miteinander. Keine Diskussion, weil die Leute auf der Bühne sich einig sind, mehr ein sich ergänzendes Gespräch. Das ist schön, die vier funktionieren gut auf der Bühne, machen Spaß und sind sympathisch. Aber bei den Menschen, die zu dieser Veranstaltung kommen, rennen sie natürlich offene Türen ein. Hier sind alle der Meinung, dass Männer auch weinen dürfen. Dass Männer ihren Anteil leisten müssen, Frauen nicht nur Raum zu geben, sondern sie auch darin zu unterstützen. Und dass es noch viel zu tun gibt.

Spannend wird es, als Fragen aus dem Publikum kommen. Wir sind nämlich so wenige, dass sich das zu einer Diskussion im ganzen Raum ausspinnt, nicht nur zu einem Hin und Her zwischen Bühne und Publikum. Warum also sitzen selbst bei diesem Thema nur Männer auf der Bühne? Und wem genau erzählen Männer was von Schmerz und Wut und Tränen? Und wie soll es jetzt weitergehen?

Heinz Helle gibt auf die Frage, warum Männer solche Dinge erzählen und hinterfragen sollten, eine Antwort, die ich zuerst von Chimamanda Ngozi Adichie gehört habe und die seitdem sehr in mir nachklingt: Noch sind lange nicht alle Männer auf dem Stand der drei auf der Bühne und einige hören leider nur anderen Männern zu. Deshalb müssen besonders Männer Feministen werden.

Ich habe oft genickt an diesem Abend und habe neue tolle Menschen kennengelernt, aber ich bin in vielen Fragen genauso ratlos, wie vorher auch noch. Ist noch viel zu tun. Und ich freue mich auf den nächsten Abend dieser Art, der vielleicht ein paar Antworten liefert.

Roman: Fake von Frank Rudkoffsky

Eine Katze!

Der erste Satz aus Fake

Sophia und Jan haben jeweils ihre Träume, jeweils die Dinge, die sie noch erreichen wollen und sie haben Max, ein gemeinsames Kind, das alles ändert. Und dann findet jede und jeder für sich heraus, wie toll es ist, dass man im Internet anonym sein kann.

Sophia und Jan sind abwechselnd Protagonistin und Protagonist und ich weiß nicht, ob oder wann ich je eine so schmerzhafte und sich real anfühlende Beschreibung einer jungen Mutter gelesen habe. Der Körper nach der Tortur der Geburt und den Bedürfnissen eines Babys, die Angst vor dem Leben, dass jetzt (erstmal?) nichtmehr zu leben ist. Krass.

Und dann ihre Entscheidung, über das Internet Wut und Frust abzulassen. Nicht meine Entscheidung und auch keine, die ich gut finde, aber ich kann sie nachahnen.

Jan hat andere Gründe und ähnlich nachvollziebare Handlungen. Frank Rudkoffsky spielt das Paar so gegeneinander aus, dass ich bei beiden Seiten mitfühlen kann, sie am liebsten anschreien möchte, bitte miteinander zu reden. Und sehr gespannt bin, wie die unausweichliche Tragödie ihren Lauf nimmt.

Tatsächlich lässt Frank es gar nicht zum großen Knall kommen, sondern schafft eine Wende zu einem schalen Happy End, das mich zuerst frustriert, dann noch lange über das Ende grübeln lässt. Weil es weniger Geschichte als Realität abbildet. Es erinnert mich an das Ende von „Die Reifeprüfung“.

Rudkoffsky schreibt nüchtern, greifbar und so, dass ich berührt werde. Schafft es, dass ich mir über manche Dinge und Verhaltensweisen nochmal Gedanken machen muss, weil ich durch ihn an die Grenzen meiner bisherigen Vorurteile komme. Ich bin gespannt, welchem Thema sich Frank in seinem nächsten Buch annehmen wird.

Fake von Frank Rudkoffsky erschien bei Voland & Quist. Der Autor hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.