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Roman: Sprich mit mir von T.C. Boyle

Sam ist ein Schimpanse, der von Menschen aufgezogen und dabei sehr genau beobachtet wird. Aimee ist eine introvertierte Studentin, aber Sam und sie, das ist Liebe auf den ersten Blick. Sie wird Teil des Forschungsteams um Sam, geleitet von Professor Schermerhorn und verliert sich vollkommen in dieser Aufgabe. Ich war zugegebenermaßen ziemlich kritisch.

Das Thema hat mich an „Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ von Karen Joy Fowler erinnert, der mich damals beeindruckt und eine gute Messlatte für Geschichten in diesem Metier gelegt hat. Und Boyle hat zwar ein großartiges Geschick, Geschichten zu erzählen und Spannung zu erzeugen, da er sich selbst aber von den Geschichten leiten lässt, kommt es immer wieder (beispielsweise bei Das Licht und einigen der Stories aus dem letzten Kurzgeschichtenband) vor, dass sie kein Ende haben, sondern einfach ausplätschern. Ob 10 Seiten früher oder 50 später, hätte keinen Unterschied gemacht. Und zumindest bei Geschichten bin ich bei Neil Young: Its better to burn out than to fade away. Das Überthema „Menschen, die sich vollkommen in einer Sache verlieren“ bearbeitet Boyle auch oft, gepaart mit dem ausplätschern hätte mich das ermüdet.

Mit dieser Skepsis habe ich den Roman begonnen und dann auch noch bestürzt festgestellt, dass er zum Teil aus der Sicht des Schimpansen Sam geschrieben ist, glaubwürdig einfach in den Bildern und Umschreibungen, und mit den Worten, die Sam in Gebärdensprache kennt, GROSS geschrieben. Das kam mir die ersten paar Mal ziemlich plump vor und ich überlegte, ob ich die die Teile nicht einfach überspringen sollte. Aber dann hatten wir diesen gemeinsamen Abend mit T.C. Bolye und er las genau so eine Stelle vor, ganz anders, als sie in meinem Kopf klang.

Also gab ich ihnen nochmal eine Chance. Immer noch: Das ist T.C. Boyle und er ist ein extrem guter Handwerker, was Geschichten anbelangt. Ich bin schnell in der Story und gut gefangen, bis dann auch noch die Wendungen und die Emanzipation kommen, die ich nicht erwartet, aber mir erhofft hatte. Der Rest des Buches geht ziemlich schnell und mit jeder neuen Szene aus der Sicht von Sam wird diese Perspektive greifbarer und gibt Boyle sehr schön die Möglichkeit, uns mit Sam zu identifizieren. Im Nachhinein sind sie vielleicht die spannendsten Stellen. Und dann setzt Boyle ein paar Schläge ans Ende, die mich im besten Sinn erschüttert zurücklassen.

Schon die Schwestern Cooke haben mein Verständnis Tieren gegenüber verändert. „Sprich mit mir“ hat diesen Effekt nochmal um einiges verstärkt. Ich bin erleichtert und dankbar für diesen Roman. Sprich mit mir ist eine sehr schöne Geschichte mit großem Sog, mehr Nachdenken meinerseits, als ich gedacht habe, und einem Schluss, wo er hingehört.

Sprich mit mir von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Stories: Sind wir nicht Menschen von T.C. Boyle

Um Viertel nach sieben saß er im Lehrerzimmer, nippte an dem Latte, den er sich auf dem dem Weg zur Arbeit geholt hatte, und las seine E-Mails, bevor er den Unterricht anfing.

der erste Satz aus „The Way you look tonight“ aus „Sind wir nicht Menschen von T.C. Boyle

Good Home, die letzte Kurzgeschichtensammlung von T.C. Boyle, war ein schneller Wechsel zwischen verschiedenen Fernsehkanälen, die immer Einblicke in die Beziehungen zwischen Menschen geben. Bei Sind wir nicht Menschen ist das ähnlich, aber nicht ganz so konsistent. T.C. Boyle ist sehr gut darin, ein Dilemma in eine Alltagssituation zu packen. Meist ist auf der ersten Seite klar, was das Problem ist und warum ich weiterlesen will. Und erzählen kann Boyle sowieso.

Während aber bei Good Home die Geschichten einigermaßen rund sind, habe ich diesmal zu oft das Gefühl, einen Romananfang zu lesen, der für Boyle nicht gut genug war, um ihn weiterzuverfolgen. Es gibt immer noch ein paar gute Geschichten in diesem Band, die mich nachdenken lassen und auch der Rest ist zumindest noch ziemlich gute Unterhaltung. Aber es kommt nicht ganz an die Qualität ran, die ich von Boyle gewohnt bin. Dafür sind die meisten Geschichten zu schnell wieder aus der Erinnerung verschwunden. Ein Glück gibt’s kommendes Jahr schon wieder den nächsten Roman.

Sind wir nicht Menschen von T.C. Boyle wurde übersetzt von Anette Grube und Dirk Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Vater Unser von Angela Lehner

Man hat mir die Hände auf dem Rücken verbunden.

Der erste Satz aus Vater Unser

Eva wird in einem Polizeiwagen in die Psychiatrie gebracht und von Anfang an ist klar, dass ich Eva nicht alles glauben kann. Sie erzählt ihre Version einer Wahrheit, schnoddrig kommentiert und inkonsequent, sodass ich mit ihr auf die Reise gehen und um jedes Stück Wahrheit ringen muss.

Anfangs bin ich von dieser Erzählweise, diesem Spiel ziemlich begeistert und folge Angela Lehner durch ihren Roman, versuche Wahrheit von Wahn zu unterscheiden und mich immer tiefer in ihrer Familiengeschichte zu verstricken. Aber leider ging das Buch für mich nicht darüber hinaus. Irgendwann konnte mich die Sprache allein nicht halten und die Geschichte dahinter (wie ich sie gesehen habe) hat mich nicht genügend gepackt.

Als dann am Ende die Wahrheit einigermaßen klar auslag, hatte ich sie schon so lange geahnt, dass sie mich nicht mehr berührt hat, wie es die Sprache am Anfang gemacht hat.

Angela Lehner hat mit ihrem Debüt eindrücklich gezeigt, wie schön sie erzählen und mit Worten umgehen kann. Beim nächsten Buch freue ich mich auf eine ebenso starke Geschichte.

Vater Unser von Angela Lehner erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir im Rahmen meiner Juryarbeit für Das Debüt 2019 ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Das Licht von T.C. Boyle

War es ein Gift?

Der erste Satz aus Das Licht.

Fitz ist wissenschaftlicher Assistent von Timothy Leary, als dieser gerade das „Wundermittel LSD“ entdeckt. Fitz will bei dieser Entdeckung mit dabei sein und hofft, seine Karriere damit nach vorne zu bringen. Es wäre keine gute Geschichte, wenn das so einfach wäre.

Wie schon bei vielen Romanen vorher greift sich Boyle ein historisches Thema oder eine Person und erzählt die Geschichte nicht aus dem Mittelpunkt, sondern aus der Sicht einer Randfigur. So macht er das bei Dr. Sex, bei Die Frauen und auch bei Die Terranauten. Was er macht, funktioniert: Wir folgen einer gut geschriebenen Geschichte, die die Wünsche und Träume von Menschen langsam an den jeweiligen Realitäten zerschellen lässt. Das kriegt Boyle auch hier wieder hin.

Ich lese ihn gerne, Boyle bleibt unterhaltsam und berührend und bringt mir Dinge näher. Und er schafft auch immer Bilder, die bleiben.

Aber wie schon im letzten Roman führt Boyles Stil – sich treiben zu lassen und zu sehen, wohin ihn die Geschichte bringt – dazu, dass es zwar einen sauberen Anfang gibt, die Geschichte am Ende aber einfach so ausplätschert. Fand ich schon damals schade, finde ich diesmal noch schlimmer.

Dazu kommt, dass ich anderes erwartet hatte. Auf seiner Lesetour zum letzten Roman erzählte Boyle schon von diesem, wie er daran arbeitete und erzählte hauptsächlich von Albert Hofmann, dem Entdecker von LSD. Während ich auch gerne diesen Roman über Leary gelesen habe, fand ich die Vorstellung, einen über Hofmann und seine Erfahrungen mit LSD zu lesen, die eigentlich viel spannenderen. Tatsächlich beginnt dieser Roman sogar mit einem Kapitel in der Schweiz, ganz typisch erzählt aus der Sicht einer Assistentin. Dann wechseln wir in der Zeit und im Ort und das folgende ist ganz nett. Aber dem nicht geschriebenen Roman trauere ich nach.

Dennoch, eine gut lesbare, witzige und berührende Geschichte, wenn auch nicht die beste von T.C. Boyle.

Das Licht von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.

Der erste Satz aus Unter der Drachenwand

Veit wird im zweiten Weltkrieg verwundet und kommt nach Mondsee (unter der Drachenwand), um zu gesunden und vom Krieg eine Auszeit zu haben.

Dort trifft er auf die kauzigen Individuen einer Gemeinschaft, die auf ihre eigene Art vom Krieg betroffen sind: Seine Quartiersfrau, der Gärtner, den alle nur den Brasilianer nennen, und sein Onkel, der Kommandant im Ort. Veit ist nicht der Einzige, der hier Schutz und Ruhe sucht, im Dorf sind auch eine Gruppe an Schülerinnen aus Wien und die Darmstädterin mit ihrem frisch geborenen Kind, die ihm Zimmer neben ihm wohnt.

In diesen Umständen zimmert er sich ein Leben zurecht, aus dem er nicht so schnell wieder wegwill. Aber der Krieg lässt niemanden los.

Arno Geiger erzählt nicht nur das Schicksal von Veit, sondern webt mit Briefen noch weitere Geschehnisse mit ein: Das Leben im Luftschutzkeller in Darmstadt, ein exemplarisches Schicksal einer jüdischen Familie oder die junge Liebe einer Schülerin.

Ich brauchte eine Weile, bis ich in der Sprache war, bis ich Veit folgen konnte. Irgendwann kannte ich ihn, konnte mit Veit zumindest bis zu einem gewissen Grad mitfühlen, verstand seine Motivation und wieso er tat, was er tat. Und irgendwann mochte ich auch die Sprache und die Bilder.

Aber bis zum Ende blieb der Roman über große Strecken zäh. Und so beklemmend die Briefe aus dem Luftschutzbunker oder aus der Sicht der jüdischen Familie beschrieben werden, leider ist das die Art, wie sehr oft über diese Zeit berichtet wird. Was es nicht schlechter macht, aber bei mir Ermüdungserscheinungen hervorgerufen hat.

Was mich tatsächlich aufgeregt hat, war die gefühlt verzweifelte Anstrengung, zu verbergen, dass Veit ja eigentlich ein Nazi ist. Begriffe wie Hitler und der Führer werden vermieden und nicht ausgeschrieben, der Hitlergruß wird nie so genannt und bis fast zum Ende enthält sich Veit einer Positionierung.

Ich verstehe, dass dies damals vielleicht die realistischste Art war, mit Nazis umzugehen, wenn man nicht ganz auf ihrer Seite war, aber sich nicht traute, sich offen gegen sie zu stellen. Aber in einem Roman aus der Ich-Perspektive will ich dann nicht nur die Handlungen und nach außen getragenen Haltungen interpretieren müssen, ich will wissen, wie Veit darüber denkt. Und das verbietet er mir.

Ich mochte einige Momente und Stellen in diesem Roman, aber ich musste viel Energie aufbringen, um sie herauszuarbeiten. Ich kann nicht abschätzen, ob sich das gelohnt hat.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger erschien bei Hanser. Mir wurde im Rahmen von Stuttgart liest ein Buch ein Exemplar zur Verfügung gestellt.