Schlagwort: Heyne (Seite 2 von 5)

Roman: Fireman von Joe Hill

Der erste Satz aus Fireman:

Wie jeder hatte auch Harper Grayson im Fernsehen schon viele brennende Menschen gesehen, doch das erste Mal, dass jemand direkt vor ihren Augen in Flammen aufging, war auf dem Pausenhof der Schule.

Eine Pandemie hat die ganze Welt verseucht. Jeder der sich mit diesen Pilzsporen ansteckt, bekommt Feuermale am Körper und die Infizierten leben in der andauernden Gefahr, in Flammen aufzugehen. Deswegen werden die Infizierten ausgestoßen und verjagt. Harper ist infiziert und trifft bei ihrer Flucht auf eine kleine Gemeinschaft, die einen Weg gefunden hat, mit der Infektionen nicht nur zu leben, sondern sie für sich zu nutzen. Aber jede Gemeinschaft wird problematisch, wenn sie extrem wird.

Auf knapp 1000 Seiten erzählt Joe Hill diese Geschichte, in einer Welt, die unsere Vergangenheit hat. Die Facebook und Mary Poppins und selbst Präsident Trump kennt. Erzählt voll Popkulutur und auf eine Art, dass diese 1000 Seiten schnell runtergelesen sind und ich im Nachhinein irritiert bin, weil ich gern mehr Story gehabt hätte. Ich hätte die Protagonisten gern noch eine Weile begleitet. Gewusst, wie diese Welt sich entwickelt. Hier bleibt mir Joe Hill zu nah am Anfang der Katastrophe. Und ich habe genügend Geschichten gelesen / gesehen / gehört, die sich mit dem Umsturz der Gesellschaft nach einer Katastrophe / Apokalypse / Pandemie befassen. Was mich mehr interessiert, ist, wie es auf Dauer in einer solchen Welt ist. Wenn die Katastrophe zum Alltag wird. Das liefert Joe Hill nicht. Dennoch liefert er einen spannenden Roman, der sehr genau aufzeigt, wie aus einer Gemeinschaft eine Sekte wird und wie Gut und Böse bald nicht mehr eindeutig sind. Und das in einer Sprache, die mir wirklich Spaß macht.

Neben der nicht ganz so weiten Story ist mein größter Wermutstropfen die deutsche Übersetzung. Je mehr ich mich mit Sprache und Übersetzungen beschäftige, desto mehr fallen mir Schnitzer und Kanten darin auf. Und in diesem Roman sind einige davon drin. Ein Beispiel, es heißt im englischen Original bei der Beschreibung eines überlebensgroßen Xylofons auf einem Spielplatz:

Privately Harper referred to these last as the Xylophone of the Damned.

Im Deutschen steht dort:

Harper nannte das Gerät klammheimlich das Xylofon der Verdammten.

Das ist zwar wörtlich richtig übersetzt, aber in der feinen Bedeutungsebene müsste es insgeheim heißen, nicht klammheimlich. Ich weiß, das ist pingelig und aus dem Elfenbeinturm der Sprachkunst gesprochen, aber mir sind ein paar solcher Schnitzer aufgefallen, die nicht hätten sein sollen und mich jedes Mal aus dem Geschichtenfluss gerissen haben. Und ich gehe soweit, dass das vielleicht nicht jedem auffällt und die wenigsten den Finger drauf legen können, was sie genau stört, aber ich werde nicht der Einzige sein, der darüber stolpert. Ich habe sonst noch nie eine Übersetzung von Ronald Gutberlet gelesen, kann mir also kein Urteil erlauben. Aber hier bin ich eben immer wieder hängen geblieben, was ich schade fand.

Trotz allem, ich lese Joe Hill sehr gerne und bin gespannt, was da sonst noch kommt. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Fireman zu einer ganz guten Serie interpretiert werden könnte.

Fireman von Joe Hill wurde übersetzt von Ronald Gutberlet und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro

Der erste Satz aus Der begrabene Riese:

Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht.

Dieses wunderbare Cover, dieser schöne Titel und meine Begeisterung für Alles, was wir geben mussten, mehr brauchte ich nicht, um diesen Roman lesen zu wollen. Es gibt keinen Klappentext und das ist auch kein Wunder, weil die Geschichte tatsächlich extrem schwer in Worte fassbar ist. Es geht um die Reise eines Ehepaares durch England im fünften Jahrhundert, auf der Suche nach ihrem Sohn. Dabei verpasst Ishiguro seiner Geschichte einen spirituellen Anstrich, gibt seiner Geschichte das plus X, welches ich in Geschichten sonst sehr mag. Hier funktioniert es für mich nicht. Über den Großteil des Romanes quäle ich mich durch undurchdringliche Dialoge und eine ebenso wirre Geschichte, die gleichzeitig extrem zäh ist. Der titelgebende Riese kommt dabei nur am Rande vor.

Zwar zieht die Geschichte, das gesamte Buch im letzten Drittel sehr an und insgesamt lässt sie mich doch mit einigen schönen Bildern und Gedanken zurück, aber der Weg dahin ist sehr sehr anstrengend und er ist auch nicht mit toller Atmosphäre oder ausgeschmückter Landschaft versehen. Es ist wirr und langatmig und undurchschaubar. Die erste Hälfte hätte gestrichen werden können, der Roman hätte mindestens so gut funktioniert, wie er es jetzt tut.

Das ist schade, denn es ist mein zweiter Roman von Kazuo Ishiguro und nachdem ich vom ersten extrem begeistert war, weiß ich nach diesem nicht, ob ich das nächste Mal genauso begeistert wieder nach einem seiner Bücher greifen werde.

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro wurde übersetzt von Barbara Schaden und erschien bei Blessing. Der Verlag hart mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Roman: Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Der erste Satz aus Fahrenheit 451:

Es war eine Lust, Feuer zu legen.

Eines der Bücher, die ich immer als „das sollte ich irgendwann noch lesen“ abgespeichert hatte, aber nie dazu gekommen bin. Dann auf einer der Fahrten, die länger dauern, als gedacht, war das Buch, das ich eigentlich dabei hatte, ausgelesen und in einem Bücherschrank fand ich dieses.

Also setzte ich mich in die Bahn und las es durch, in einem Zug. Haha.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/144494761014/nein-nein-es-sind-nicht-bücher-was-sie-suchen

Mehr als 50 Jahre alt, aber der Sog beginnt auf der ersten Seite und hört nicht mehr auf. Bradbury konnte schreiben, konnte in Worten die Faszination, die Begierde, die Probleme seiner Charaktere einfangen.

Heute würden wir die Geschichte anders bauen, manche Ereignisse verändern, um die Geschichte noch spannender zu bauen, wahrscheinlich auch das Ende eindeutiger machen.

Aber das ist nicht wichtig, die Geschichte ist auch so gut genug und die Sprache bleibt es sowieso. Ich bin, froh, es endlich gelesen zu haben. Ich sollte noch mehr alten Lesestoff konsumieren.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, wurde übersetzt von Fritz Güttinger und erschien bei Heyne.

 

Roman: Red Rising von Pierce Brown

Der erste Absatz aus Red Rising:

Ich hätte in Frieden leben können. Aber meine Feinde brachten mir den Krieg.

Darrow lebt unter der Oberfläche des Mars, er weiß, sein Volk muss in den Minen leben und sterben, damit der Mars irgendwann bewohnbar ist. Ein Dienst an die Menschheit. Bis er bemerkt, dass der Mars schon längst erschlossen ist und sein Volk, die Roten, durch diese Lüge unterdrückt gehalten werden. Darrows Auftrag wird es, die Oberschicht zu infiltrieren und eine Revolution anzuzetteln.

Red Rising steht in der Tradition zu den Hunger Games und der Divergent Serie, diesmal geht es um ganze Planeten und die Unterscheidungen werden über Farben getroffen. Dazu kommt eine gut geplottete Story, die aber leider extrem plump erzählt wird. Dafür finde ich auch die Schreibe nicht gut genug, um das zu überdecken. Zu offensichtlich gibt es die Stellen, die die Story legitimieren und vorantreiben. Der Roman ist ja knapp 600 Seiten lang und diese habe ich relativ schnell gelesen. Aber die beiden Fortsetzungen werde ich nicht mehr lesen.

Dann lese ich lieber nochmal die Sten-Chroniken, die sich um Sten drehen, der zu einem ausgebeuteten Volk gehört und ausgewählt wurde, um eine Revolution anzuzetteln … Ist schon mehr als 10 Jahre her, dass ich diese Reihe gelesen habe, ich musste sehr oft daran denken und zumindest in meiner Erinnerung war diese Reihe besser.

Red Rising von Pierce Brown wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsverlag zur Verfügung gestellt.

Roman: Das Syndrom von John Scalzi

Der erste Satz aus Das Syndrom:

Zufällig fiel mein erster Arbeitstag auf den ersten Tag des Haden-Streiks, und ich gebe ehrlich zu, dass es ein ungünstiges Timing war.

Erinnert ihr euch an Schmetterling und Taucherglocke? An das Locked-In-Syndrom? Stellt euch vor, ein Grippevirus sperrt die Bewusstseine eines signifikanten Anteils der Menschheit in ihre Körper, sodass sie sich nicht mehr bewegen können. Wenn das genügend wichtige Leute betrifft, wird auch etwas dagegen gemacht. In Scalzis Version wird den eingesperrten Menschen, die Haden genannt werden, ein Roboter zur Verfügung gestellt, den sie anstatt ihres eigenes Körpers verwenden, um Teil der Gesellschaft zu sein. Chris ist ein Haden und fängt beim FBI an.

Scalzi baut ein spannendes Science-Fiction-Szenario und lässt darin einen klassischen Krimi spielen Mit Mord und Komplott und Verschwörung. Samt Partnerin, die ihn auf Trab hält. Nur eben ein Stückchen in der Zukunft.

Ich lese Krimis nicht so häufig. Und wenn, dann nicht des Krimis, sondern des Settings wegen. Wie bei William Shaw, dessen Bücher in den 1960ern in London spielen. Bei bei Lauren Beukes, deren Realität immer noch ein gewisses Extra haben. Bei Scalzi ist es genauso. Und dazu kommt, dass Scalzi sehr unterhaltsam, sehr filmisch erzählt: Schnelle Schnitte, gute Dialoge und eine gut verfilmbare Story. Ich habe den Roman in zwei Zugfahren runtergelesen und hatte meinen Spaß dabei, auch wenn es mir manchmal zu viele Namen und Personen auf einmal waren. Zeitweise war ich verwirrt, wer nun wer ist.

Und eine Sache, die Scalzi sich hätte sparen können: Bevor der Roman beginnt, findet man sowas wie einen Wikipedia-Eintrag, der die ganze Sache mit dem Locked-In-Syndrom und den Robotern erklärt. Das bräuchte er nicht. Innerhalb der ersten Seiten der Geschichte versteht man sowieso, wo wir uns befinden und worum es geht. Der Lexikoneintrag macht den Leser dümmer, als er ist. Schade drum.

Die größten Sachen, die mich stören, betreffen aber nicht Scalzi, sondern die deutsche Umsetzung: Das Cover kommt überhaupt nicht an die Geschichte ran und verprellt mögliche Leser. Schlimmer noch, der Titel: Der englische Titel, „Lock In“, konnte wohl nicht verwendet werden, weil der Verlag ein halbes Jahr später einen Roman mit dem Titel „Locked In“ veröffentlicht hat. Dieser heißt im Original „Try Not To Breathe“. Was sind das denn für Überlegungen, so ein Titelchaos anzurichten, das ja nur noch mehr Probleme anrichtet?

Während „Lock In“ schon ziemlich genau sagt, worum es im Roman geht, ist „Das Syndrom“ ein so offener Titel, dass sich niemand etwas drunter vorstellen kann, besonders in Verbindung mit dem Cover. Wenn man also Scalzi nicht kennt, wird man hier leider nicht anfangen ihn zu lesen. Was schade ist, mir hat’s Spaß gemacht. Und ich ahne, dass es noch weitere Geschichten in diesem Setting geben wird. Dafür macht diese Welt zu viel Spaß. Wer nach diesem Roman gleich weiterlesen will, der amerikanische Originalverlag, Tor, hat auf ihrer Homepage eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die zum Roman gehört, die die Entstehung der Welt noch besser erklärt: „Unlocked

Achja, und: lest nicht den Klappentext. Er stimmt nicht. Wer hätte das gedacht.

Das Syndrom von John Scalzi wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Heyne. Der Roman hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.