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Hörbuch: Der Junge aus dem Wald von Harlan Coben, gelesen von Detlef Bierstedt

Vor mehr als 30 Jahren wird Wilde als kleiner Junge im Wald gefunden und niemand weiß, wohin er gehört. Mittlerweile ist er privater Ermittler, immer noch sehr zurückgezogen und auf der Suche nach einem verschwundenen High-School-Mädchen.

Es ist schwer, die Geschichte von Der Junge aus dem Wald zusammenzufassen, weil da zu viele Sachen gleichzeitig passieren. Erstmal auch gar nicht so gut, weil ich als Hörer ziemlich verwirrt bin. Der Titel bezieht sich auf Wilde, den Ermittler, die Story aber nur zum Teil, weil es ja um das verschwundene Mädchen geht. Und dann sind da noch all die Geheimnisse, die wegen dieses Verschwindens ans Licht kommen. Aber ich lasse mich sowieso drauf ein, weil ich vor ein paar Jahren ein paar Bücher von Coben gehört habe und seine Schreibe mag. Und Wilde (der mich an Christopher Knight erinnert) ist ein Charakter, der mich interessiert.

Anfangs bin ich auch ein wenig irritiert von der Art, wie Detlef Bierstedt diesen Roman vorliest. Einerseits sind Frauenrollen nicht seine Stärke, andererseits fühlt es sich an, als ob Bierstedt keine Kraft hat oder krank ist oder so. Vor ein paar Jahren habe ich ihn auf einer Lesung gesehen und ich habe ihn schon in ein paar Hörbüchern gehört, ich mag ihn sehr, aber diesmal ist irgendwas komisch. Aber sobald ich mich daran gewöhnt habe und an den Fakt, dass in diesem Buch so viele Stränge laufen, dass man es kaum zusammenfassen kann, bin ich ziemlich fasziniert.

Mir fällt auf, dass Cobens Thriller gar nicht so sehr über die Spannung getrieben werden, sondern über seine handwerklichen Fähigkeiten als Autor. Harlan Coben kann richtig gut schreiben. Ich höre mir beispielsweise auch gern einen Fitzek an, weil das leichte und spannende Unterhaltung ist, aber Coben spielt sprachlich auf einem ganz anderen Niveau. Und handelt fast nebenher seine Haltung zu Trump, zum Wahlkampf in Zeiten von Social Media und Fake News ab.

Trump kommt gar nicht vor. Aber es gibt eine Figur, ein Präsidentschaftskandidat, der sehr viele Züge von ihm aufzeigt. Anhand dieser erklärt Coben sehr kurz und einleuchtend die Hufeisen-Theorie (ob sie stimmen mag, ist eine andere Frage) und zeigt, warum es für eine politisch wichtige Figur von Vorteil sein kann, verschiedene Lager gegeneinander aufzuwiegeln.

Irgendwann ist der Fall, mit dem dieses Buch startet, nur noch Beiwerk und es wird inhaltlich größer, als ich gedacht hätte. Es geht um Politik, um den Druck, Menschen gefallen zu wollen, um Liebe im Alter und um die Frage, ob wir unsere Wurzeln kennen müssen, um zu wissen, wer wir sind. Am Ende ist dann auch klar, dass nicht nur ich den Jungen aus dem Wald spannend finde. Dies scheint der Auftakt einer neuen Buchserie zu sein und einige Geheimnisse wurden nur angedeutet, aber lange nicht gelöst.

Ein überraschend politisches und gut geschriebenes Buch, das weit über „Wird der Fall gelöst?“ hinausgeht. Ich bin gespannt auf die weiteren Bände.

Der Junge aus dem Wald von Harlan Coben, gesprochen von Detlef Bierstedt, wurde übersetzt von Gunnar Kwisinski und erschien bei der Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, gelesen von Sascha Rotermund

Der erste Satz aus Die Tyrannei des Schmetterlings:

Afrika.
Die durchweichte Zeit.

Ich mochte „Der Schwarm“. Ich habe auch eine okaye Erinnerung an „Limit“. Und Schätzing ist einer der präsentesten Autoren, die ich kenne. Ich kenne keinen anderen schreibenden Menschen, den ich so oft auf Plakaten in der Stadt gesehen habe. Schätzing weiß sich zu verkaufen. Und das ist das Problem.

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein Science-Fiction-Zukunfs-Philosophie-Krimi-Thriller plus Liebesgeschichte, der ganz klein beginnt und anfangs noch extrem spannend ist. Dann irgendwann erst ein großes und dann ein unendlich weites Bild entwirft, in dem sich jeder Handlungsfaden, jede Struktur und auch jede Ordnung in meinem Kopf verliert. 

Schätzing kann grundsätzlich schreiben. Ganz viele Momente sind schöne kleine Edelsteine, die für sich toll funktionieren. Aber innerhalb eines Buches ist das, was Schätzing versucht, nicht möglich. Leider kommt es mir vor, als ob Schätzing sich gern schreiben sieht und innerhalb eines Buches alles an Fähigkeiten und Infos und Möglichkeiten reinquetscht, was ihm in dem Moment einfällt. In so einem Extrem, dass Schätzing streckenweise nur noch Information ohne jede prosaische Form hinklotzt und selbst das Ende sich nur rangeklatscht anfühlt, ohne jede Anstrengung, nur damit das Buch zu Ende geht. Vom Ende einer Geschichte kann ich gar nicht sprechen, jede seiner Geschichte hat Schätzing auf dem Weg verloren. Was total schade ist.

Denn in diesem Buch stecken viele gute Ideen und Momente und Geschichten. Aber nicht so, wie Schätzing sie zusammenquetscht. Wenn Schätzing nicht Schätzing wäre und so bekannt wäre, hätte ihm kein Verlag das durchgehen lassen, was er hier veröffentlicht hat.

So weiß ich nicht, was genau ich da in der Hand halte und was ich damit anfangen soll. Und ich glaube, Sascha Rotermund ging es genauso. Als ob er nicht weiß, was genau er da liest, kämpft er sich besonders durch den Anfang und legt eine klischeehafte Actionstimme über Stellen, in denen gar keine Action passiert. Das macht das Zuhören streckenweise ziemlich anstrengend. Es wird im Laufe der Stunden viel besser und an den meisten Stellen mag ich, was Rotermund macht, aber der Anfang war holprig.

Ich bleibe ratlos zurück, weil ich in diesem Buch viel Schönes erfahren habe, viel Spaß hatte, aber es nicht so richtig gut finden kann oder es gar empfehlen kann. Schade.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing erschien bei Kiepenheuer und Witsch. Das Hörbuch wurde gesprochen von Sascha Rotermund und erschien beim Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.