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Roman: Auftrag für Moving Kings von Joshua Cohen

An ihren Fahrzeugen sollt ihr sie erkennen: die blauen Laster, die Sie auf dem Weg zum Flughafen immer schneiden, an der Seite eine schmuddelige weiße Krone, auf den verbeulten Stoßstangen der Aufkleber PROBLEM MIT MEINEM FAHRSTIL? RUFNUMMER 1-800-212-KING!

Der erste Satz aus Auftrag für Moving Kings

David King ist Umzugsunternehmer in New York und allein sein Geschäft, seine Familie und seine Vergangenheit sind Geschichte genug. Dann holt er auch noch seinen Neffen nach dessen Militärdienst in Israel nach Amerika.

Ich mochte Joshua Cohens Buch der Zahlen sehr und habe mich auf ein neues von ihm gefreut. Aber Auftrag für Moving Kings verliert sich für mich in zu vielen Storylines, die nicht durchgezogen werden. Während das beim Buch der Zahlen Teil des Konzeptes war und immer noch in sich gegriffen hat, kann ich mich bei Moving Kings auf keine Geschichte richtig einlassen. Was ich ziemlich schade finde, weil allein die Geschichte dieses Umzugsunternehmens – das mich immer wieder an den Pizza-Lieferdienst aus Miami Punk erinnert hat – hätte ich gern gelesen. Oder die des vom Militär traumatisierten Israeli, der irgendwie in Amerika klarkommen muss. Aber in dieser Melange an Geschichten konnte ich immer nur ahnen und in keine so richtig eintauchen.

Ich mag, wie Joshua Cohen schreibt und ich mag sein Denken und seine Geschichten. Ich freue mich auf mehr von ihm, leider ist dieses Buch für mich eines seiner schwächeren.

Auftrag für Moving Kings von Joshua Cohen wurde übersetzt von Ingo Herzke und erschien bei Schöffling. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Sachbuch: Tiere essen von Jonathan Safran Foer

Als ich klein war, verbrachte ich das Wochenende oft bei meiner Großmutter.

Der erste Satz aus Tiere Essen.
Eine Anekdote: Ein befreundetes Ehepaar, etwa zwei Jahrzehnte älter, erzählt vor kurzem, dass sie nun Vegetarisch leben. Jahrelang hatten wir Gespräche über dieses Thema gehabt und ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Ich frage überrascht, wie es kommt und sie erklären, dass sie auf Netflix eine Doku gesehen haben und das nicht mehr verantworten können. (Leider konnte ich nicht rekonstruieren, welche genau.)
Beim nächsten Besuch erzählen sie, dass sie nun auch keine Milch mehr trinken und auf Hafer umgestiegen sind. Ich frage, warum und sie sagen, dass sie eine Doku gesehen haben. Ich nicke und lächele und frage, was als nächstes passiert und sie sagen: "Nichts. Wir gucken keine Dokus mehr."

Als Tiere essen vor 9 Jahren veröffentlicht wurde, habe ich das zwar mitbekommen, hatte aber bis dahin nichts von Jonathan Safran Foer gelesen. Und ich dachte, nicht noch mehr Kritik an Fleischkonsum. Die Ironie ist: Zwei Monate nach Veröffentlichung des Buches wurde ich Vegetarier. Und damit hatte sich die Lektüre dieses Buches auch irgendwie erledigt.

Vor ein paar Monaten landete das Buch dann doch in unserem Haushalt und wurde mir von meiner Freundin immer wieder und verstärkt ans Herz gelegt. Mittlerweile kenne ich ein paar Werke von Foer, Hier bin ich hat einen wirren, aber doch bleibenden Eindruck hinterlassen.

Und dann ist dieses Buch doch ganz anders, als erwartet. Kein Roman, aber auch kein Sachbuch, wie ich Sachbücher kenne. Mehr eine Art Biographie eines bestimmten Lebensaspektes: Als Jonathan Safran Foer Vater wird, fragt er sich, was für eine Welt er hinterlassen will und nach welchen Werten er seine Kinder erziehen will.

Diese Frage und all seine Recherchen zum Thema Tiere essen erzählt er, als würden wir gemeinsam am Tisch sitzen. Foer ist mir nah und menschlich, mit all seinen Fragen und Zweifeln, aber auch mit seinen Versuchen und seinem Scheitern auf dem Weg zu diesem Buch.

Er beginnt die Geschichte mit seiner jüdischen Großmutter, die aus Deutschland fliehen musste und fast verhungert wäre und die auf seine Frage, warum sie selbst damals kein Schweinefleisch gegessen hat, antwortet: Wenn nichts mehr heilig ist, wofür lohnt es sich zu leben?

Dann beschreibt Foer 400 Seiten lang sehr anschaulich, was es heutzutage für die Umwelt, für uns Menschen, aber vor allem für die Tiere bedeutet, wenn wir Tiere essen. So anschaulich, dass mir Stellenweise übel wird. Sehr eindrücklich und anhand vieler eigener Beispiele (und Quellen, die mir aber gar nicht so wichtig sind) macht er deutlich, dass der Verzehr von Tier nach den üblichen Produktionsarten heutzutage weder gesundheitlich, moralisch und auch nicht ökologisch zu vertreten ist. Fleischgenuss ist keine Frage des Müssens. Es ist eine Frage des Wollens. Purer Luxus. Aber darf Luxus diesen Preis haben, fragt Foer. Denn, wenn nichts mehr heilig ist, wofür lohnt es sich zu leben?

Für mich war das Buch eine eindrückliche Bestätigung und ein weiterer Schritt Richtung Veganismus. Gleichzeitig ist für mich hier aber auch das Problem. Ich glaube, viele können dieses Buch als Bestätigung ihrer Sichtweise nehmen. Aber die Menschen, bei denen Bücher (und Dokus) wie dieses die größte Veränderung und Bereicherung bringen könnten, werden sich wohl hüten, es zu lesen.

Tiere essen ist ein großartiges und wichtiges und sehr aktuelles Buch, nur weiß ich nicht, wie ich die richtigen Leute dazu bringe, es zu lesen.

Tiere essen von Jonathan Safran Foer wurde übersetzt von Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit und erschien bei KiWi.