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Roman: Candy Haus von Jennifer Egan

„Weißt du, wonach ich mich sehne?“, fragte Bix, während er, wie üblich vor dem Schlafengehen, neben dem Bett Schultern und Wirbelsäule dehnte.

Der erste Satz aus Candy Haus

Vor zehn Jahren habe ich mein erstes Buch von Jennifer Egan gelesen, A visit from the goon squad. Ich war begeistert damals, von den Geschichten und der Art, wie Jennifer Egan sie erzählt. Jetzt ist Candy Haus draußen, quasi eine Fortsetzung. Was aber bei dieser Art von Buch nicht so einfach zu sagen ist. Wie schon beim Goon Squad geht es nicht um eine Geschichte, sondern um einen ganzen Haufen Charaktere und wie ihre Leben miteinander verwoben sind. Dabei gibt Egan jeder ihrer Figuren eine eigene Stimme, eine eigene Art, ihre Geschichte zu erzählen. Manchmal fühlt es sich mehr an, eine Sammlung an Kurzgeschichten zu lesen statt eines Romanes. Manche Kapitel taugen mir mehr als andere, aber alle sind miteinander verwoben. Was bedeutet, ich lese nicht nur ein Buch, ich muss die Story in meinem Kopf zusammenpuzzeln, immer auf der Suche, nach dem nächsten Teil und wo es hinpasst.

Candy Haus ist kein Spaziergang und schon gar keine Rolltreppe. Dieses Buch ist gewundener Pfad, dessen Boden sich immer wieder ändert und mich ein paar Mal herausgefordert hat. Es ist manchmal anstrengend, dran zu bleiben, aber es lohnt sich. Manche Kapitel sind relativ klar und simpel geschrieben, an die Erzählformen anderer musste ich mich erst gewöhnen. Und die wunderbare Kurzgeschichte Black Box, die Jennifer Egan zuerst auf Twitter veröffentlicht hatte, ist hier ein Kapitel zwischen den anderen und webt sich genauso in diese Welt ein. Auch wenn man A visit from the goon squad nicht gelesen hat, ist Candy Haus ein wunderbares, verzweigtes Universum, in das wir aus verschiedenen Winkeln hineinschauen dürfen. Das hätte ich gern noch viel länger gemacht.

Candy Haus von Jennifer Egan wurde übersetzt von Henning Ahrens und erschien bei S.Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörspiel: Black Box von Jennifer Egan, gesprochen von Luise Helm

Menschen sehen selten so aus wie man es erwartet, selbst, wenn man Fotos von ihnen kennt.

Der erste Satz aus Black Box

Vor zehn Jahren habe ich mein erstes Buch von Jennifer Egan gelesen, A visit from the goon squad. Seitdem tauche ich immer wieder gern in ihre Geschichten und ihre Gedankenwelten. Schon damals wusste ich von ihrer Geschichte „Black Box“, die Egan zuerst als Tweets veröffentlicht hat, jeder Satz also kürzer als 140 Zeichen. Beim New Yorker kann man die ganze Geschichte lesen, aber ich bin damals an diesem poetischen und verdichteten Englisch gescheitert. Dass es dann irgendwann eine deutsche Fassung bei Schöffling gab, habe ich nicht mitbekommen, vor kurzem aber diese Hörspielfassung entdeckt.

Hörspiel ist in diesem Fall nicht ganz richtig. Eher ein mit Geräuschen und Musik versetztes Hörbuch. Luise Helm erzählt diese mit der Distanz, die Egan schon im Roman aufbaut, der Soundtrack tut sein Übriges.

Das Hörspiel geht nur 78 Minuten, quasi kaum mehr als eine Stunde. Sehr kurz also. Aber Jennifer Egan hat eine Geschichte verfasst, die so dicht und poetisch ist, die in ihren Lücken so viel Raum lässt, dass sich mir eine ganze Welt erschließt, die sehr lange nachhallt.

Black Box von Jennifer Egan wurde übersetzt von Brigitte Walitzek, gesprochen von Luise Helm und erschien bei Buch Funk.

Hörbuch: Manhattan Beach von Jennifer Egan, gelesen von Nina Kunzendorf

Anna merkte erst, wie nervös ihr Vater war, als sie das Haus von Mr Styles erreichten.

Der erste Satz aus Manhattan Beach

Anna wächst im New York der 1930er auf, ohne Vater und mit dem großen Drang, Dinge zu tun, die damals Männer vorbehalten sind. Und sie setzt mit Tränen, Schweiß und Herzblut ihren Kopf durch.

Seit A visit from the Goon Squad („Der größere Teil der Welt„) hat Jennifer Egan bei mir einen Stein im Brett. Ich war damals ziemlich beeindruckt von ihrer Schreibe.

Manhattan Beach hat eine ähnlich gute Schreibe, funktioniert aber ganz anders. Weniger experimentell, dafür sehr eindringlich beschreibt Egan, wie Anna sich durch die Männerwelt am Hafen New Yorks kämpfen muss, wie sie sich aus aus ihren und den gesellschaftlichen Zwängen befreit und versucht, ihren Weg zu finden. Und dann kommen noch die Erzählstränge von Annas Vater und des Gangsterbosses Dexter dazu. Vielleicht auch wegen der Lesung von Nina Kunzendorf, die mich im besten Sinne an Luise Helm erinnert, muss ich während des Buches immer wieder an ein paar Romane von Jojo Moyes denken, als ob dies die rauere, blutigere und nicht ganz so romantische Version wäre.

Ich mag Anna und die Geschichte, ich folge ihr gern und leide mit ihr. Aber am Ende bleibe ich nicht ganz befriedigt zurück. Ein gutes Porträt, eine starke Frau, aber kein, nichtmal ein offenes Ende. Schade.

Manhattan Beach von Jennifer Egan wurde übersetzt von Henning Ahrens und gesprochen von Nina Kunzendorf. Der Roman erschien bei Fischer, das Hörbuch bei Argon. Argon hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Jennifer Egan – Im Bann

Nachdem A visit from the goon squad so gut war und ich im Laden Im Bann von Jennifer Egan liegen sah, war grundsätzlich egal, was auf der Rückseite stand, es wurde direkt mitgenommen.

Die Story ist, nach vielen Jahren treffen sich zwei Cousins wieder, der eine Reich und will diese Burg, die er gekauft hat, zu einem Hotel ausbauen. Der Andere weiß nicht so genau, warum er helfen soll und was er tun soll. Und dann ist da noch diese Rahmenhandlung mit dem Insassen eines Gefängnisses, der genau diese Geschichte über die Cousins und die Burg innerhalb des Schreibkurses schreibt.

Wie auch bei A visit from the goon squad nutzt Egan keine Anführungszeichen, um wörtliche Rede zu kennzeichnen. Und sie wechselt zwischen verschiedenen Ebenen nahtlos. Ich brauchte diesmal eine Weile, um in die Geschichte reinzukommen. Vielleicht auch, weil im Klappentext der Fokus auf ein paar andere Sachen gelegt wird, als ich ihn in diesem Buch gesehen habe. Aber wenn man dann drin ist und sich auf die Geschichte einlässt, dann ist sie toll. Und das Ende wirft nochmal viel Licht auf das Buch. Am Ende dachte ich, ach komm, jetzt könnte es noch eine Weile weiter gehen.

Im Bann ist ganz anders als A visit from the goon squad und meiner Meinung nach kommt es auch nicht ganz an ihn heran, aber es ist dennoch gut lesbar und macht viel Spaß.

Im Bann (The Keep) von Jennifer Egan wurde übersetzt von Gabriele Haefs und erschien im Aufbau Verlag. 

Buch: Jennifer Egan – A visit from the goon squad

Seit langem endlich mal wieder ein englisches Buch. A Visit from the Goon Squad von Jennifer Egan ist ein Buch, das man ganz schlecht in wenigen Worten zusammenfassen kann. Ähnlich wie bei Der ganz normale Wahnsinn von Matt Beaumont ist das Buch nicht eine Geschichte, die erzählt wird, sondern Dutzende kleine Einblicke in die Lebenswelten verschiedener Personen gibt, die irgendwie alle etwas miteinander zu tun haben.

Egan hat mit diesem Roman den Pulitzer Preis 2011 gewonnen. Muss generell nicht viel über die Qualität einer Sache aussagen, tut es aber in diesem Moment. Die Schreibe ändert sich von Person zu Person und macht unglaublich Spaß, zu lesen.

Es geht um Musik, um Liebe, um Sex und Zwischenmenschliches. Und vieles mehr. A Visit from the Goon Squadist, um es in einem Wort zu sagen, rock’n’roll. Und keine Angst, es ist wirklich locker lesbar im Englischen. Auch für ungeübtere Leser.

Die Übersetzung namens Der größere Teil der Welt, übersetzt von Heide Zeltmann, erschien bei Schöffling, leider kenne ich diese nicht.

A Visit from the Goon Squad von Jennifer Egan erschien bei Constable & Robinson.