Hörbuch: Mortal Engines – Krieg der Städte von Philip Reeve, gesprochen von Robert Frank

Es war ein dunkler, böiger Nachmittag im Frühling, und im ausgetrockneten Bett der Nordsee eröffnete London die Jagd auf eine kleine Schürferstadt.

Der erste Satz aus Mortal Engines – Krieg der Städte

In einer dystopischen Zukunft bewegen sich die Städte und Ortschaften auf riesigen Ketten und Rädern durch die zerstörte Natur, auf der Suche nach kleineren Städten, die sie sich einverleiben können.

In dieser Welt kommt Tom einer Verschwörung auf die Spur, die seine Heimatstadt London samt seiner Helden in einem ganz anderem Licht zeigt.

Ich sah den Trailer zum dazugehörigen Film, mochte das Setting und diese gezeigte Welt sehr und erfuhr, dass es eine ganze Buchreihe gibt, samt Hörbüchern.

Mortal Engines ist einfach, manchmal sogar plump geschrieben. Besonders der Anfang hat es mir schwer getan. Auch, weil ich mich erst an die Spreche von Robert Frank gewöhnen musste. Frank hat anfangs einen stakkatoartigen, distanzierten Duktus drauf. Vielleicht hatte auch er es noch mit dem Text schwer. Im Laufe des Buches wird er immer flüssiger und zeigt auch sein Talent, Figuren eine eigene Stimme und eigenen Charakter zu geben.

Nachdem ich mich an die Sprache von Reeve gewöhnt hatte, nachdem die Welt und das Setting eingeführt waren und die Geschichte an Fahrt aufnahm, war ich drin. Über neun Stunden folge ich Tom und seiner Gefährtin Esther durch diese steampunkige Welt, treffe Heldinnen und skurrile Gestalten, täusche mich in Menschen und sehe ihnen zu, wie sie über sich hinauswachsen. Und als es vorbei ist, weiß ich, dass es im nächsten Band weitergeht.

Die Sprache ist einfach und manche Momente sind ein wenig plump, aber Reeve hat eine phantastische Welt geschaffen und ich reise gern mit seinen Bewohnern.

Mortal Engines – Krieg der Städte von Philip Reeve, übersetzt von Gesine Schröder und Nadine Püschel, wurde gesprochen von Robert Frank und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Dodgers von Bill Beverly

Die Jungs kannten nur The Boxes, für sie gab es nichts anderes.

Der erste Satz aus Dodgers

Vor einem Jahr las ich zum ersten Mal über dieses Buch, über die vier Jungs, die ihr Viertel in Los Angeles noch nie verlassen hatten und nun auf einen Road Trip durch die USA aufbrachen, um einen Auftrag zu erledigen. Der Plot explodierte in meinem Kopf. Geile Idee und so viele Möglichkeiten, an die allein ich dachte. Ich war ziemlich gespannt und freute mich darauf, das Buch endlich in die Hände zu bekommen.

Jetzt ist es da, das Cover ganz anders als sonst auf der Welt, und ich bin nach dem Lesen enttäuscht. Weil, ja, es geht um diese vier Jungs und ihren Trip. Und es ist auch leicht zu lesen. Aber Bill Beverly kommt vollkommen ohne Emotionalität aus, was dem ganzen Roman eine kühle Distanz verleiht, die mich auch immer wieder fragen lässt, wie es den Protagonisten eigentlich geht.

Zusätzlich habe ich das Gefühl, dass Beverly mit seiner Idee unglaublich viele Dinge hätte machen können. Er aber kaum was damit macht. Dafür, dass die Jungs noch nie aus L.A. draußen waren, interessiert oder verwundert sie kaum etwas, als sie unterwegs sind. Sie reagieren kaum auf die Welt, was die ganze Reise irgendwie unnötig macht. Und dann baut der deutsche Klappentext auch noch Erwartungen auf, die eigentlich als Twist im letzten Drittel gedacht waren.

Dodgers ist kein schlechtes Buch. Ganz viele andere finden es sogar großartig. Ich habe es schnell lesen können und ich war auch in einer Realität, die karg und düster und ganz weit weg von meiner ist, glücklicherweise. Aber es ist nicht das Buch, die Road Novel, die Coming Of Age Geschichte, auf die ich mich gefreut habe. Schade.

Dodgers von Bill Beverly wurde übersetzt von Hans M. Herzog und erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Der Fall von Gondolin von J.R.R. Tolkien, herausgegeben von Christopher Tolkien

Endlich wieder Mittelerde! Und dann auch noch Illustriert von Alan Lee. „Der Fall von Gondolin“ ist das wahrscheinlich letzte von Christopher Tolkien herausgebrachte Werk seines Vaters, der Mann ist mittlerweile 94 Jahre alt, und erzählt die Geschichte des Menschen Tuor auf seiner Suche nach der geheimen Elbenstadt Gondolin.

Bekannt ist dieses Epos schon aus dem „Silmarillion“ und den „Nachrichten aus Mittelerde“, jedoch werden uns im vorliegenden Band alle Fassungen der Geschichte präsentiert, kommentiert und in Tolkiens Lebensgeschichte eingeordnet.

Die Idee ist nicht neu, Christopher Tolkien hat schon bei „Die Kinder Húrins“ und „Beren und Lúthien“ diese Art der Veröffentlichung angewandt. Sie funktioniert. Wissenschaftlich fundiert und liebevoll werden die unterschiedlichen Texte in ihren  Mittelerdekontext eingeordnet und ergeben in ganz unterschiedlicher Sprachqualität ein detailliertes Bild von Tolkiens Arbeit und dessen schriftstellerischer Entwicklung.

Kann man dieses Buch als Mittelerdeneuling genießen? Nein! 

Durchgängige Querverweise auf weitere Werke des Autors, selbstverständliches Erwähnen von etablierten Charakteren und die selbe Geschichte in acht Fassungen und ihren unterschiedlichen Enden sind nur für Tolkienfans ein Genuss.

Für alle, die Spaß am „Silmarillion“ hatten und die sich gern mit Literaturanalyse beschäftigen, ist „Der Fall von Gondolin“ aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Gerade durch die unterschiedlichen Fassungen taucht man in Tolkiens Phantasie ein und fühlt, wie sehr ihm die Figuren mit jeder Version mehr ans Herz wachsen.

Solltet ihr nur durch das Schauen der Herr der Ringe Filme bewogen worden sein, das Buch zu kaufen, dann probiert euch aus, lasst euch anlocken von Tolkiens Welt und freut euch, dass Legolas einen kurzen, aber typischen Auftritt hinlegen wird.

Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien, herausgebracht von Christopher Tolkien, illustriert von Alan Lee und übersetzt von Helmut W. Pesch, erschien bei der Hobbit Presse von Klett-Cotta. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Gastrezension von Felix Heller, Dauerbahnfahrer und dadurch Vielleser. In völligem Größenwahn gründete ein Orchester und singt nun Pop und Schlager auf japanisch oder türkisch. Hauptberuflich bringt er Opernsängerinnen und -sängern Bühnendeutsch bei, spielt Musicals und moderiert sich durch die Republik. 

Hörbuch: Lovecraft Country von Matt Ruff, gelesen von Simon Jäger

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Atticus war schon beinahe zu Hause, als der State Trooper ihn rechts heranfahren ließ.

Der erste Satz aus Lovecraft Country

Diese Geschichte spielt in den 1950ern in Amerika, einer Zeit voller Rassismus und vorgeheuchelter Moral, sie erzählt von Atticus und seiner Familie, von ihrem für mich unvorstellbarem Alltag. Und der Magie, die plötzlich in ihr Leben tritt. Denn in dieser Realität existieren die Paralleldimensionen, die Monster und die magischen Kräfte aus H.P. Lovecrafts Geschichten tatsächlich. 

Urban Fantasy in den 1950ern, voller schwarzem Humor, der mir ein paar Mal Gänsehaut macht. Es ist eine ganz komische Mischung, die den Umgang mit Schwarzen damals viel krasser darstellt, als ich gedacht habe.

Neben einer grandiosen und schön erzählten Geschichte (die Serie dazu soll 2019 anlaufen) und Simon Jäger fasziniert mich die Art, wie die Protagonisten mit Unglaublichem umgehen.

Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass es mir in Büchern, Serien und Filmen mittlerweile zu lange dauert, bis die Charaktere in den Geschichten akzeptieren, dass es Vampire/Zeitreisen/den Teufel/Zombies/was auch immer gibt. Oft gehe ich ja mit der Prämisse in die Geschichte und meine Fähigkeit, meinen Unglauben willentlich auszusetzen, ermöglicht mir, den Fakt „Vampire/Zeitreisen/Teufel/Zombies/was auch immer“ als gegeben anzusehen. Und da es in der Geschichte darum geht, werden auch die Protagonisten irgendwann daran glauben. Warum muss ich mir dann mehrere Seiten/Minuten durchlesen/anhören/ansehen, bis sie auch irgendwann dran glauben.

In diesem Fall ist diese Zeit der Akzeptanz sehr sehr kurz. Die Personen in der Geschichte brauchen zwar auch einen Moment, dieser ist aber erfrischend kurz gehalten, was die Erzählweise beschleunigt und mehr Zeit für interessantere Sachen gibt, als da langsame Anerkennen der Magie.

Lovecraft Country ist einerseits ein schmerzhaftes Abbild des Rassismus in Amerika, der bis heute auch bei uns zu spüren ist, andererseits eine Geschichte voller Magie und schwarzem Humor. Simon Jäger synchronisiert Matt Damon und vertont vornehmlich Thriller, seine Stärke sind aber Komödien wie diese. Großer Spaß und Gänsehautfaktor in einem. Das war mein erstes Buch von Matt Ruff, es kommen weitere.

„Lovecraft Country“ von Matt Ruff, gelesen von Simon Jäger, übersetzt von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube, erschien bei Argon. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Mein Herz zwischen zwei Welten von Jojo Moyes, gelesen von Luise Helm

Jojo Moyes hatte mit Ein ganzes halbes Jahr ihren internationalen, aber auch ihren deutschen Durchbruch, seitdem werden nicht nur all ihre anderen Romane mit ähnlichem Cover neu aufgelegt, sondern das Buch wurde verfilmt und Moyes schrieb Teil 2, Ein ganz neues Leben, und dieses Jahr erschien Mein Herz in zwei Welten.

Band 1 war ‚Ziemlich beste Freunde‘ plus Liebe und sauber konsequentem Ende und ist eine gute Geschichte, emotional erzählt und von Luise Helm wunderbar gelesen. Band 2 hinterließ einen ziemlich bitteren Geschmack, weil Moyes, damit Band 2 funktionieren konnte, das bittersüße Ende des ersten Buches im Auftakt des zweiten quasi aufheben musste.

Ich habe noch nie ein offensichtlicheres Beispiel erlebt, in dem ein zweiter Teil den ersten im Nachhinein schlechter macht. Dementsprechend war ich ziemlich skeptisch über den dritten. Aber konsequenterweise wollte ich ihn hören. Ein Glück.

Mein Herz in zwei Welten lässt Louisa einen Neuanfang in Amerika machen, mit allem Stolpern und aller Faszination, aber auch mit den Fäden in die Vergangenheit, die sich nicht so leicht kappen lassen. Und natürlich ist da die Liebe. 

Es funktioniert. Als Geschichte, als nächster Teil in Louisas Leben. Aber auch als eigenständige Story. Sehr visuell erzählt, gibt es einige Szenen, die schon jetzt nach Film schreien. Der Soundtrack schwang die ganze Zeit in meinem Kopf mit.

Luise Helm tut den Rest. Ich mag die Stimme, die Art, wie sie eine Geschichte erzählt und sie mir als Zuhörer näher bringt, ohne es zu übertreiben.

Wem ‚Ein ganzes halbes Jahr‘, kommt auch hier auf seine Kosten. Den zweiten Teil könnt ihr überspringen. Dieser hier lohnt dafür wieder.

Mein Herz in zwei Welten von Jojo Moyes wurde übersetzt von Karolina Fell und erschien bei Wunderlich, das Hörbuch wurde gelesen von Luise Helm und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Carter von Ally Klein

„Seit wann bist du zurück?“

Der erste Satz aus Carter

Da ist ein namenloses, geschlechtsloses, fast körperloses Ich. Und da ist Carter, das Gegenteil. Körperlich, offen für alles, süchtig nach der Berührung, nach dem Spaß. Die Beiden treffen aufeinander und der Ich-Erzähler kommt ins Straucheln.

Ally Klein geht es nicht um die Geschichte, ihr geht es um die Atmosphäre, um das Erkunden des Gefühls und blinden Tasten nach dem eigenen Sein. Die Geschichte selbst ist für sie dabei nur Mittel, schmuckloses Beiwerk. Ich strebe aber nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert, wie es passiert, warum es passiert. Dieses Ich macht es mir schwer, aber nachdem ich über die ersten paar Seiten bin, nachdem ich mich auf ihn (oder sie) eingestellt habe, bin ich drin.

Ich mag die Sprache, das Suchen der Worte, die Art, Dinge zu beschreiben. In meinem ersten Roman gibt es einen bisschen sonderbaren Charakter, der kaum mit Leuten spricht, aber extrem viel liest und ganz anders mit der Sprache umgeht:

Ich konnte zwar Deutsch sprechen, doch Alex spielte mit den Worten. Er wählte jedes seiner Worte bewusst aus, er war wie ein Mönch der Worte. Machte lange Pausen, nur um unter zehn möglichen das einzig wirklich passende herauszupicken. Nahm sie zurück, wenn sie nicht passten, und spuckte ein weiteres aus. Er ließ sie durch seine Finger gleiten, wie Stoff, den man auf seine Qualität hin überprüft. Er ließ keine unbewusste Zweideutigkeit in seinen Redewendungen aufkeimen.

aus ‚Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen‘

Daran musste ich denken, als ich Carter las. Und obwohl ich mehr auf Story, als auf Atmosphäre stehe, konnte ich hier beides genießen. Ich kam mir manchmal vor wie auf einem Trip und war die ganze Zeit auf der Suche nach Hinweisen, Konkretem. Wollte wissen, was wirklich passiert und was nur in seinem Kopf (für mich ist es eindeutig ein Er). Und dass ich am Ende wieder am Anfang bin, hat mich erst geärgert und dann sehr gefreut.

Transparenz: Ally und ich sind befreundet. Ich kannte frühere Ausschnitte aus Carter, sie kennt Rohversionen meiner Texte. Gerade deshalb bin ich überrascht. Weil ich ‚weiß‘, dass wir ganz unterschiedlich arbeiten, ganz unterschiedlich lesen. Ich dachte, ich lese ihren Roman mit der zugewandten Haltung eines Freundes. Ich war aber unvoreingenommener, gefangener Leser. Dafür: Danke!

Carter ist ein dichtes Buch, ein fast absatzloser Trip voller Eindrücke, der viel Platz für die eigene Interpretation lässt. Viel Platz zum Nachdenken.

Carter von Ally Klein erschien bei Droschl. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Exit-Game: Escape Dysturbia – Mörderischer Maskenball

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Dysturbia ist ein Moloch, eine Stadt voller Gangster und korrupter Polizisten, eine Stadt direkt aus einem Film Noir. Dyscover ist eine Detektei, die letzte Bastion des Guten – und euer Team. 

Mörderischer Maskenball ist der Auftakt einer hoffentlich ganzen Reihe von Exit Games, die in Dysturbia angesiedelt sind. Bisher habe ich die EXIT-Reihe von Kosmos gespielt und die auch sehr gerne, aber fast alle Fälle sind gleich aufgebaut: Du und deine Gruppe kommen irgendwie in eine Hütte / ein Schloß / eine Station / eine Burg und jemand / etwas sperrt euch ein. Du hast 60 Minuten, um wieder rauszukommen. Je mehr man davon spielt, desto schneller versteht man die Rätsel und die Möglichkeiten. Sie sind immer noch gut, aber es ist keine Geschichte, die erzählt wird.

Die Leute hinter Dysturbia sind Verlagsmenschen von homunculus, Geschichtenerzähler. Dysturbia baut genau darauf auf. Alle Rätsel sind um die Geschichte des Ermittlerteams gebaut und geben dem Spiel einen guten Rahmen und die Möglichkeit, mehr als einen Raum zu bespielen. Das erinnert mich immer wieder an T.I.M.E. Stories.

Das Film Noir Klischee samt passender Charaktere passt gut in das Spielerleben, wenn man sich darauf einlässt. Wir sind zu dritt und brauchen knapp 75 Minuten. Manche Rätsel sind fast beleidigend einfach, einige andere dagegen Machen uns staunen. Besonders das immer weiter fortführen der Handlung gibt dem Spiel einen neuen Dreh. Zusätzlich haben sich Leute von homunculus ein paar sehr schöne Kniffe einfallen lassen, sodass das Spiel über sich hinauswächst und auch schon vorausgreift auf den hoffentlich bald erscheinenden nächsten Teil.

Wir hatten Spaß und ein schönes Gemeinschaftsgefühl, aber ich glaube, man sollte nicht mehr als vier Leute sein, sonst könnte es für den ein oder anderen langweilig werden. Dazu gibt es in der App, aber auch im Spiel ein paar kleine Kinderkrankheiten, die sich hoffentlich bald ausmerzen. So fände ich es beispielsweise schön, wenn die App gleich auch einen Soundtrack liefert und uns als Spieler noch tiefer in die Welt holt. Aber es gibt eben ganz viel, das richtig gemacht wurde, unter anderem auch die Möglichkeit, alle Dinge, die während des Spiels zerstört werden, zu ersetzen, sodass andere Menschen noch Spaß am Spiel haben können.

Escape Dysturbia: Mörderischer Maskenball ist ein tolles Spiel, eine sehr schöne Abwechslung zu den existierenden Exit-Games, die kleinen Ungereimtheiten und Fehler sind verzeihbar, sofern sie gelöst werden.

Escape Dysturbia: Mörderischer Maskenball erschien beim homunculus verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexeplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Scharfstellung von Heike Melzer

In meiner Praxis für Paar- und Sexualtherapie bekam ich vor ein paar Monaten einen Anruf mit unterdrückter Rufnummer.

Der erste Satz aus Scharfstellung

Heike Melzer tritt selbstsicher und imposant auf und sie braucht es mir nicht sagen, ich verstehe, dass sie weiß, wovon sie redet. Vor Kurzem hat sie bei TEDxStuttgart einen Talk gehalten, eine Kurzfassung dessen, was sie in ihrem Buch beschreibt: Die Abspaltung der Lust von der Liebe, angeheizt und ermöglicht durch Internet, Pornografie und Sexspielzeuge, samt der Gefahren, die damit einhergehen.

Es geht um Sex und es geht uns alle an und die Infos, die Heike Melzer in ihrem Buch liefert, sind spannend, keine Frage. Es sind auch Dinge, über die wir reden sollten. Ich finde dieses Buch aber leider nicht den besten Weg dafür.

  • Heike Melzer schreibt zum ersten Mal ein Buch und ist unsicher darüber, wie man einen Leser anspricht. Ich verstehe, dass man dieses Thema weder beschämt, noch zu ernst angehen will und Humor mit reinnimmt. Über diesen stolpere ich in diesem Buch. Er nimmt mich immer wieder aus dem Thema. 
  • Heike Melzer sagt zwar immer wieder, dass sie die Entwicklungen und all die Themen, die sie anspricht, nicht bewerten will, sondern nur beobachtend beschreiben will, ihre Sprache ist aber durchweg wertend. So gibt es Sätze wie „Sinnvoll eingesetzt kann Pornografie auch eine Partnerschaft bereichern […]“ (S.49).
    Ich finde eine Wertung und die Sensibilisierung, die Heike Melzer vornehmen will, nicht problematisch. Dann brauche ich aber auch nicht lesen, dass sie nicht werten will.
  • Wie schon gesagt, Heike Melzer erzählt extrem spannende Dinge und wirft dabei auch sehr sehr viele Zahlen in den Raum. Manchmal wird die Quelle im Text erwähnt, aber ich hätte mehrmals gern ein Verzeichnis gehabt, eine Sammlung aller Belege. Es gibt einen kurzen Anhang mit weiterführenden Büchern und Seiten und dann gibt es eine ziemlich ausführliche Literaturliste online. Aber es gibt nicht ein ‚diese Zahl kommt daher‘.
  • Und als letztes: Das Buch hätte mindestens einen weiteren Korrekturdurchgang gebraucht. Neben dem unsicheren Stil sind ganz viele Textpatzer drin, sich viel zu oft wiederholende Wörter und Bilder, die nicht stimmig sind. Keine Rechtschreibfehler, aber Unsauberkeiten, die für mich einen ähnlichen Effekt haben. Sie verwässern den Inhalt des Buches.

Ich habe mich ein paar Mal mit Heike Melzer über ihr Thema unterhalten und ich finde es wichtig und erzählenswert. Aber dieses Buch ist für mich nicht so stark, wie es sein könnte und sollte. Und das finde ich schade. Tatsächlich sind viele Menschen anderer Meinung. Das ist ja das Schöne an Meinungen.

Scharfstellung von Heike Melzer erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Walkaway von Cory Doctorow

Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund EliWiley Marvin Ellis Espinoza war zu alt, um auf einer kommunistischen Party zu sein.

Der erste Satz aus Walkaway

In einer Welt, in der man fast alles mit Sonnen- und Windenergie, einem 3D-Drucker und den richtigen Plänen ausdrucken kann, sind Programme, Pläne und Lizenzen das große Geschäft. Ein paar wenige verdienen daran richtig gut, alle anderen krebsen herum.

Hubert, Seth und Natalie beschließen, diese Gesellschaft hinter sich zu lassen und wegzugehen (‚Walkaways‘). Aber die Gesellschaft findet das gar nicht so cool.

Eigentlich ist es egal, worum es geht. Seit knapp zehn Jahren inspirieren und unterhalten mich Cory Doctorow und seine Romane. Er schreibt keine literarischen Meisterwerke, aber unterhaltsame, intelligente Geschichten, die sehr nah an unserer Realität liegen und oft sowas wie Bedienungsanleitungen für unser digital geprägtes Leben sind.

Homeland geht ein paar Jahre weiter in die Zukunft, eine Weiterentwicklung der Gedanken in Little Brother und besonders in Makers.

Doctorow schreibt einfach und spaßig, sodass ich schnell durch die 700 Seiten komme. Dennoch ist der Inhalt extrem komplex und regt zum Denken an. Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Möglichkeiten geben uns all die Dinge, die sich immer weiter in unseren Alltag drängen? Und wie gehen wir mit ihnen um? Zwischen zwei Serien kann man dieses Buch sehr gut konsumieren, sich Gedanken machen und sich unterhalten lassen.

Eigentlich schon genug gesagt über dieses Buch. Aber Doctorow macht in diesem nebenbei eine ziemlich spannende Sache: Der Aufbruch jeglicher Heteronormativität. Junge trifft auf Mädchen trifft auf Mädchen trifft auf Hermaphrodit und wieder zurück. Dass eine der Hauptfiguren schwarz ist, wird nach Dreiviertel des Romanes im Nebensatz erwähnt. All diese Vielfalt geschieht ohne Kommentar und ist so selbstverständlich, dass es mir – in unserem Alltag und unserer aktuellen Gesellschaft – auffällt. In einer ganz skurrilen Art. Weil ich nicht will, dass diese Vielfalt, diese Pannormativität irgendetwas anderes ist, als Normalität. Wir als Gesellschaft aber noch nicht so weit sind.

Ähnliches macht Doctorow auch mit Genussmitteln. Die Protagonisten des Buches rauchen immer mal wieder Meth und ich zucke beim Lesen zurück und warte auf irgendeine Erläuterung, irgendeine Erklärung oder Warnung oder sonst was, die aber nie kommt.

Noch eine andere Sache muss ich erwähnen, weil sie mich extrem, wirklich extrem genervt hat: Die deutsche Ausgabe des Romans hat einen riesigen Patzer im Klappentext. Es gibt drei oben genannte Hauptfiguren in diesem Roman: Natalie, Seth und Hubert. Hubert hat 20 Vornamen und wird deshalb Hubert Ecetera genannt. Im englischen Klappentext steht also:

In a world wrecked by climate change, in a society owned by the ultra-rich, in a city hollowed out by industrial flight, Hubert, Etc, Seth and Natalie have nowhere else to be and nothing better to do. (…)

Auf der deutschen Ausgabe steht:

(…) Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. (…)

Ich habe 700 Seiten gelesen, immer irritiert und in der Erwartung, wann endlich diese vierte Person auftaucht. Nur um danach zu verstehen, dass dies schlicht falsch ist. Das hat eigentlich nichts mit dem Roman zu tun, beeinflusst das Leseerlebnis aber extrem. Auf eine Art, die nicht sein muss. 

Walkaway ist eine spannende Zukunftsvision, utopisch und dystopisch zugleich, die leicht zu lesen und schwer zu verdauen ist. Ein Buch, dass seine Sache richtig gut macht, mal vom deutschen Klappentext abgesehen.

Walkaway von Cory Doctorow wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Der erste Satz aus Vom Ende der Einsamkeit

Jules wacht nach einem Unfall im Krankenhaus auf und rekapituliert sein Leben, seine Kindheit mit seinen Geschwistern und ohne Eltern, da sie früh ums Leben kommen. Beleuchtet Momente und holt Erinnerungen hoch, die sich verloren angefühlt haben. 

Dies ist mein erster Roman von Benedict Wells. Immer nur knapp zwei Jahre älter als ich, konnte ich an seinem Lebensweg den ablesen, den ich nicht eingeschlagen, aber immer beneidet habe. Weil ich mich nicht traute. Vielleicht auch, weil ich es nicht gekonnt hätte.

Deshalb wollte ich lange Zeit nicht in seine Bücher eintauchen, deshalb las ich dieses wohl auch mit einem überkritischem Blick, der mich im ersten Drittel des Romanes noch auf ein paar Kleinigkeiten aufmerksam machte. Zwei, drei Vorahnungen im Sinne von ‚wenn ich damals schon gewusst hätte, dann…‘, die unnötig sind. Auch gibt es ein Kapitel in dem die Erzählperspektive wechselt und für einen kurzen Moment nicht mehr ein Mann in Gedanken sein Leben abspielt und wir in seinem Kopf dabei sein, alles miterleben dürfen, schambefreit und unzensiert, sondern wir als existenter Leser angesprochen werden und für dieses Kapitel dem Erzähler klar ist, dass wir da sind und ich mir für diese Passage nicht mehr sicher bin, ob er mir vielleicht doch Dinge verschweigt.

Alles Kleinigkeiten, die mir nur auffielen, weil ich einerseits nach solchen Dingen gesucht habe und andererseits, weil die Geschichte sonst großartig erzählt ist.

Wells braucht keinen großen Plot erzählen, er schafft Atmosphäre und so ein Gefühl, dass ich in der Geschichte bin, in ihr bleiben will und von ihr berührt werde. Immer wieder neu identifiziere ich mich, vergleiche mein Leben, meine Gedanken, meine Träume und hänge auch nach dem Ende der Geschichte den Figuren nach. Vom Ende der Einsamkeit hat mich unterhalten, mich berührt, mich zum Nachdenken gebracht. Was will man von einem Roman mehr?

Für mich heißt das nun, ganz viele Romane nachholen. Ein Glück stehen schon alle im Bücherregal.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Blumensammler von David Whitehouse

Der erste Satz aus Der Blumensammler:

Dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel ächzen die Knochen unter der Last der Einsamkeit.

Der erste Roman von David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, hatte mich ernüchtert und irgendwie enttäuscht zurückgelassen. Aber ich sah dieses Cover, den Titel und den Klappentext und dachte, ich will es nochmal probieren.

Drei Männer und drei Geschichten, von denen nur eine die des Blumensammlers ist, wunderbar skurril und mit feinen Worten und Bildern erzählt. Das konnte David Whitehouse schon im Roman zuvor, das Ding mit den Worten und den Bildern.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/174529397672/es-taucht-aus-dem-nichts-auf-wie-es-erinnerungen

Diesmal aber fühle ich mich aber auch in der Geschichte und mit den Figuren wohl. Mit dem ehemaligen Waisenkind, das in der Londoner Notrufzentrale arbeitet. Mit dem alten Professor, der eigentlich nur mit seiner Frau zusammen sein will. Und natürlich mit Peter, dem Tatortreiniger, der in der Bibliothek in einem alten Buch einen Liebesbrief mit den Namen von sechs seltenen Blumen findet. Er beschließt, diese zu finden.

Whitehouse fädelt die Geschichten ineinander und ich ahne, dass alles irgendwie zusammengehört. Was es natürlich auch tut. Trotzdem und gerade deshalb lese ich mich ziemlich schnell durch das Buch, stets mit dem Smartphone in der Hand, weil ich die Blumen nachschlagen will, um die es geht. In ein paar Tagen habe ich die knapp 400 Seiten durch, lächelnd und gut gelaunt, weil es dann doch nochmal überraschend ist.

Es gibt zwei Dinge, die mich an der Geschichte wundern, die ich gern noch erörtert hätte. Bei einem Roman, der von Anfang bis Ende sauber geknüpft ist, stellen sich mir diese beiden Fragen (,die ich hier nicht stellen kann, ohne zu spoilern).  Aber ich kann sie auch als Interpretationsfreiraum sehen, welcher dem Leser gelassen wird.

Der Blumensammler ist ein innerlich und äußerlich schönes Buch, voller Liebe für die Natur und die losen Fäden des Lebens, mit einem besonderen Blick auf Charaktere und das Schicksal jedes Einzelnen.

Das erste Kapitel ist eine gute Leseprobe. Wenn man die Erlebnisse dort annehmen kann, dann kann man sich auf den Rest des Romanes freuen. Wenn man dort abgeschreckt wird, liest man lieber was anderes.

Der Blumensammler von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, gelesen von Sascha Rotermund

Der erste Satz aus Die Tyrannei des Schmetterlings:

Afrika.
Die durchweichte Zeit.

Ich mochte „Der Schwarm“. Ich habe auch eine okaye Erinnerung an „Limit“. Und Schätzing ist einer der präsentesten Autoren, die ich kenne. Ich kenne keinen anderen schreibenden Menschen, den ich so oft auf Plakaten in der Stadt gesehen habe. Schätzing weiß sich zu verkaufen. Und das ist das Problem.

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein Science-Fiction-Zukunfs-Philosophie-Krimi-Thriller plus Liebesgeschichte, der ganz klein beginnt und anfangs noch extrem spannend ist. Dann irgendwann erst ein großes und dann ein unendlich weites Bild entwirft, in dem sich jeder Handlungsfaden, jede Struktur und auch jede Ordnung in meinem Kopf verliert. 

Schätzing kann grundsätzlich schreiben. Ganz viele Momente sind schöne kleine Edelsteine, die für sich toll funktionieren. Aber innerhalb eines Buches ist das, was Schätzing versucht, nicht möglich. Leider kommt es mir vor, als ob Schätzing sich gern schreiben sieht und innerhalb eines Buches alles an Fähigkeiten und Infos und Möglichkeiten reinquetscht, was ihm in dem Moment einfällt. In so einem Extrem, dass Schätzing streckenweise nur noch Information ohne jede prosaische Form hinklotzt und selbst das Ende sich nur rangeklatscht anfühlt, ohne jede Anstrengung, nur damit das Buch zu Ende geht. Vom Ende einer Geschichte kann ich gar nicht sprechen, jede seiner Geschichte hat Schätzing auf dem Weg verloren. Was total schade ist.

Denn in diesem Buch stecken viele gute Ideen und Momente und Geschichten. Aber nicht so, wie Schätzing sie zusammenquetscht. Wenn Schätzing nicht Schätzing wäre und so bekannt wäre, hätte ihm kein Verlag das durchgehen lassen, was er hier veröffentlicht hat.

So weiß ich nicht, was genau ich da in der Hand halte und was ich damit anfangen soll. Und ich glaube, Sascha Rotermund ging es genauso. Als ob er nicht weiß, was genau er da liest, kämpft er sich besonders durch den Anfang und legt eine klischeehafte Actionstimme über Stellen, in denen gar keine Action passiert. Das macht das Zuhören streckenweise ziemlich anstrengend. Es wird im Laufe der Stunden viel besser und an den meisten Stellen mag ich, was Rotermund macht, aber der Anfang war holprig.

Ich bleibe ratlos zurück, weil ich in diesem Buch viel Schönes erfahren habe, viel Spaß hatte, aber es nicht so richtig gut finden kann oder es gar empfehlen kann. Schade.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing erschien bei Kiepenheuer und Witsch. Das Hörbuch wurde gesprochen von Sascha Rotermund und erschien beim Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Stories: Good Home von T.C. Boyle

Der erste Satz aus Good Home:

Es gab zwei Arten von Wahrheiten: gute und schmerzhafte.

T.C. Boyle ist optimaler Alleinunterhalter. Jede Lesung ein Spaß, ähnlich die Romane. Good Stories kondensiert dies, 20 Einblicke in 420 Seiten. Boyle umgeht dabei oft das deutsche Prinzip einer Kurzgeschichte, gibt mehr einen Einblick in menschlicher Lebensumstände, die meinem sehr fern sind, als einen überraschenden Twist oder eine unerhörte Neuigkeit. Es ist Auffächern des Alltags.

Good Home ist wie ein Fernseher der regelmäßig und unkontrolliert den Kanal wechselt. Meist dann, wenn ich diesen Ausschnitt der Welt, die Motivation der Figuren und ihr Handeln, wenn schon nicht gutheißen, dann zumindest nachvollziehen konnte, wechselte der Sender. Mehr als einmal blätterte ich um, entrüstet, dass es nicht weitergeht. Nur um mich dann in die neue Situation einzufinden.

Nicht alle Geschichten haben mir getaugt, nicht alle Situationen fand ich interessant. Aber selbst sie sind Teil dieser Möglichkeit, in menschliches Handeln, meist in ihre Abgründe zu blicken. Dass ich nach den meisten Geschichten mehr wollte, quasi mitten im Ritt rausgeworfen wurde, war in den Momenten zwar ärgerlich, erhält die Erinnerungen aber umso leuchtender. Treibt die Fantasie umso weiter an.

Und, Hanser hat ein ziemlich schönes Cover und wertig gemachtes Buch hingelegt. Nicht nur wegen des Inhalts habe ich dieses Buch sehr gerne in der Hand.

Good Home von T.C. Boyle wurde übersetzt von Anette Grube und Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Theater: Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt

Vor knapp drei Wochen waren Hannes Wittmer und Finn-Ole Heinrich mit ihrem Programm im JES, war ein sehr schöner Abend und eine gute Motivation, die Produktion von Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt des JES nach der Romantrilogie von Finn-Ole Heinrich und der Theaterfassung, die er zusammen mit seiner Frau Dita Zipfel produziert hat, anzusehen. Ohne zu wissen, was eigentlich passiert.

Gestern also die Premiere. Schon beim Betreten des Saals sind alle Schauspieler auf der Bühne und das bleibt bis zum Ende so. Niemals geht jemand ab. Stattdessen geht es irgendwann laut und chaotisch los und ich brauche ein paar Minuten, bis ich Anna-Lena Hitzfeld die Rolle der 12jährigen Paulina abnehme, die nach der Trennung ihrer Eltern zusammen mit ihrer Mutter (Sarah-Ann Kempin) in eine kleine Wohnung ziehen muss und damit ihren Rachfeldzug gegen ihren Vater (Milan Gather) einleitet.

Dafür bekommt sie Hilfe von Klassenkamerad Paul – knuffig tölpelhaft und glaubwürdig verkörpert von Sebastian Brummer – und eine gewisse Art seelischen Beistands durch ihren Opa, gespielt von Gerd Ritter. Und dann ist da noch Ludmilla – Sabine Zeiniger – die im neuen Zuhause für Ordnung sorgt.

Sobald die Geschichte läuft und klar ist, dass es um viel mehr geht, als nur diesen Auszug und dass auch Paul nicht nur der nette Schuljunge von nebenan ist, sondern sein eigenes Leben mit Problemen hat, bin ich drin. Es gibt kaum klar voneinander abgegrenzte Szenen, alles verschwimmt ineinander und selbst wenn der Fokus links auf der Bühne liegt, bleiben die Akteure rechts auf der Bühne in ihren Rollen und Aktionen, bis sie plötzlich eingebunden werden.

Das gibt dem ganzen Stück einen guten Zug, der durch musikalische Untermalung nochmal verstärkt wird. Im Film werden mit Musik unterlegte Montagen gemacht, um in wenig Zeit viel Fortschritt zu zeigen, das Stück kriegt hier das gleiche hin, aber auf einer weiteren Ebene, weil in diesen Momenten verschiedene Aktionen gleichzeitig passieren und alle Schauspieler immer eingebunden sind. Das macht extrem Spaß, zuzugucken und gibt dem ganzen Stück einen sehr filmartigen Charakter.

Knapp 80 Minuten bin ich vollkommen in der Welt, lache und leide mit, spüre die Wut der Maulina Schmitt, aber auch die Liebe und die Wunder des Lebens, herzwarm und Tränen in den Augen, mit ganz vielen kleinen wundersamen Einfällen, die das gesamte Werk so schön machen.

Ein wenig leid tut es mir um Milan Gather und den von ihm gespielten Vater, weil er im Gegensatz zu allen anderen Figuren blass und flach bleibt und Gather sich nie richtig ausspielen kann.

Und dann gibt es ganz kurz vor dem Schluss eine Sequenz, die mich leider vollkommen aus der Geschichte und Welt reisst. Ein Stolpern, dass mich so aus dem Takt bringt, dass ich danach leider nicht mehr reinkomme und ein wenig verdattert aus dem Theater komme. Mehr will ich gar nicht sagen, weil ich nichts vorwegnehmen muss. Dennoch:

Eine wunderschöne Geschichte, wunderbar erzählt, grandiose Bilder, tolles Spiel und ganz viele kleine Wunder und Eigenheiten, die es glänzen machen und mich mehr als froh.

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt, jetzt im JES, alle Infos gibt’s auf der Seite.

Hörbuch: Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinian, gelesen von Luise Helm

Der erste Satz aus Wir sehen uns am Meer:

Jemand war an der Tür.

Es ist kurz nach dem 11. September 2001 in New York und die Stimmung ist sowieso angespannt. Liat ist Studentin aus Israel und für ein halbes Jahr in der Stadt, als sie den Künstler Chilmi kennenlernt. Chilmi ist gutaussehend und charmant, aber vor allem ist er Palästinenser.

Dorit Rabinian erzählt nicht nur eine klassische Boy meets Girl – Geschichte, sondern verwendet sie, um daran den Konflikt Israel – Palästina anzureissen. In Israel schlug der Roman hohe Wellen, galt als zu gefährlich, um ihn in Gymnasien zu empfehlen.

Ich kenne mich viel zu wenig mit der Geschichte und dem Leid dieses Konfliktes aus und kann deshalb nur ahnen, um was es wirklich geht. Aber ich kann es nicht spüren. Mir fehlt das Wissen, um die Größe der Tragik zu verstehen.

Bleibt eine Liebesgeschichte mit Deadline, poetisch geschrieben und einfühlsam erzählt von Luise Helm. Irgendwas stört mich an der Art, wie sie dieses Buch spricht, bis ich ans Ende komme und es Licht über den ganzen Roman wirft.

Ich glaube, Romane wie dieser sind wichtig, weil sie gesellschaftliche Themen in neues Licht rücken und auch Menschen wie mich auf Konflikte aufmerksam macht, die mir bisher im Dunkeln lagen. Aber die Geschichte selbst ist leider nur nett. Es gibt gute und auch gut geschriebene Szenen. Aber alles in allem berührt mich die Geschichte nicht, wie ich glaube, dass sie es sollte.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinian wurde übersetzt von Helene Seidler und gesprochen von Luise Helm. Das Taschenbuch erschien bei Droemer, das Hörbuch bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.