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Schlagwort: Kritik (Seite 1 von 22)

Roman: Miami Punk von Juan S. Guse

Erleuchtet sind die Straßenzüge der einsamen Stadt, gewaltsam errichtet auf tropischem Sumpf.

der erste Satz aus Miami Punk

Als ich das Cover sah und den Klappentext las, dachte ich, will ich lesen. Besonders ohne Schutzumschlag strahlt das Buch samt Titel etwas sehr verführerisches aus.

Das Meer zieht sich von Miami zurück und die Stadt liegt auf dem Trockenen. Ein halbes Dutzend Protagonisten kämpfen sich durch ihre eigene Version der Realität und Guse schreibt sie nieder. Manchmal ineinander verzweigt, manchmal fragmentarisch und unabhängig. Juan S. Guse macht es mir nicht leicht und obwohl ich das Buch in knapp einer Woche am Stück lese, muss ich zurückblättern und gucken, ob ich irgendwas überlesen habe, weil manche Dinge ganz komisch zum ersten Mal auftauchen.

Ich muss an David Foster Wallace denken und an Joshua Cohen und was für die beiden gilt, greift auch hier: Es ist ein anstrengendes Buch und nicht immer weiß ich, wo ich bin oder was ich davon halten soll, aber ich werde belohnt: Mit Unterhaltung, mit Ideen, mit Schmunzeln und Trauer und mit neuem Wissen. Wobei ich immer wieder nachschlagen muss, was so auch bei Wikipedia steht und was Guse sich ausgedacht hat. (Was nicht bedeutet, dass diese Sachen ein und dasselbe sein könnten.) Ich bin sehr gerne in dieser Welt.

Ich bin ziemlich froh, dass Verlage wie S. Fischer heute noch solche Bücher machen, die garantiert kein großes Publikum erreichen. Aber die es erreicht, die sind dankbar drum.

Leider nur, mal abgesehen vom Design, wird Haptik des Buches nicht dem Inhalt gerecht. Der Einband und auch die Klebebindung fühlen sich an wie die Club Bertelsmann Lizenzausgaben von vor 20 Jahren. Das ist schade. Ich hätte dem Buch mehr gegönnt.

Miami Punk von Juan S. Guse erschien bei S. Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Film: Fritzi – eine Wendewundergeschichte

Fritzi ist 12 und soll sich im Sommer 1989 eigentlich nur über den Sommer um den Hund ihrer Freundin kümmern. Aber die kommt mit ihren Eltern nicht mehr aus Ungarn nach Leipzig zurück, sondern versuchen, in den Westen zu kommen. Fritzi setzt sich in den Kopf, ihrer Freundin den Hund zu bringen und rutscht direkt in den deutsch-deutschen Konflikt.

Fritzi ist eigentlich ein illustriertes Kinderbuch für Menschen ab 8 Jahren und der Film versucht, die Erzählart und die Zielgruppe anzusprechen. Ich liege leicht daneben und so fühlt es sich leider auch an.

Einerseits ist Fritzi wirklich schön gemacht. Viele Szenenbilder könnte man direkt in ein Kinderbuch packen, besonders die Landschaftsbilder von Leipzig. Da steckt extrem viel Liebe im Detail, die wirklich zu schätzen weiß. Gleichzeitig fühlt es sich aber an, als ob die Produktionsfirma knapp dran war. Mehrere Animationsstudios haben am Film gearbeitet und das sieht man. Besonders die Fahrzeuge haben einen ganz anderen Stil, als der Hintergrund und die Figuren erinnern mich an Bibi und Tina. Für sich genommen wäre jeder Stil in Ordnung, zusammen fühlt es sich an wie ein Puzzle, das nicht zusammengehört.

Weiter habe ich bei einigen Charakteren das Gefühl, dass sie sehr eindimensional erzählt werden. Die Mitarbeiter der Stasi, wie auch die Lehrerin sind sehr plump, fast schon märchenhaft böse.

Vielleicht braucht es diese Vereinfachung für das Zielpublikum, das kann ich nicht einschätzen. Die deutsche Film- und Medienbewertung hat Fritzi das Prädikat Besonders Wertvoll gegeben, trotz ähnlicher Kritik. Und ja, am Ende war auch ich ergriffen von den Bildern und den Geschehnissen von 1989. Aber so richtig zufrieden war ich am Ende des Films nicht.

Fritzi – eine Wendewundergeschichte läuft ab dem 9. Oktober im Kino.

Roman: Wer fürchtet den Tod von Nnedi Okorafor

Mein Leben brach auseinander, als ich sechzehn war.

der erste Satz aus Wer fürchtet den Tod

Ich habe von Nnedi Okorafor noch nie etwas gehört, kenne keines ihrer Bücher, aber die Cover ihrer deutschen Ausgaben (erschienen bei Cross Cult, illustriert von Greg Ruth) sind großartig, besonders nebeneinander. Dies ist ihr erster Roman, also fing ich damit an.

Eine nicht allzu ferne Zukunft, ein Paralleluniversum, ein postapokalyptisches Afrika mit Computerresten und Magie. Die hellhäutigen Nuru unterdrücken die dunkelhäutigen Okeke. Onyesonwu ist ein Mischlingskind, überall Außenseiterin und durch Gewalt entstanden. Aber die Magie ist stark in ihr und sie lernt, damit umzugehen. Eines Tages wird sie ihren Vater, einen mächtigen Zauberer, töten.

Nnedi Okorafor verbindet afrikanische Tradition mit Fantasy und Endzeitszenario, gibt mir so viel Bekanntes, dass ich einsteigen kann und flutet mich dann mit so viel Neuem, dass ich bis zum Ende fasziniert bleibe.

Manchmal machen es mir die Schreibart und auch der Inhalt schwer, dranzubleiben, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es ist nicht nur Fantasy, sondern afrikanische, weibliche Weltsicht, die in mir aufgeht und dass ist mir vollkommen neu.

Besonders im deutschsprachigen Raum ist Okorafor ungerechtfertigterweise noch kaum bekannt, HBO hat die Verfilmungsrechte. Der Stoff soll unter der Führung von „Game of Thrones“-Schöpfer George R. R. Martin als Serie umgesetzt werden. Bis dahin lese ich das nächste Buch von ihr.

Wer fürchtet den Tod von Nnedi Okorafor wurde übersetzt von Claudia Kern und erschien bei Cross Cult. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Ich habe das Buch auch bei Tor Online und im Podcast von literaturcafe.de erwähnt.

Roman: Der die Träume hört von Selim Özdogan

Abstand zu Menschen. Ich dachte, es würde helfen. Es hat geholfen, jahrelang hat es geholfen.

der erste Absatz aus Der die Träume hört.

Nizar hat sich sein eigenes Geschäft aufgebaut, er arbeitet als Privatermittler für Onlineverbrechen, was so okay funktioniert. Bis er einerseits erfährt, dass er einen 17jährigen Sohn hat und andererseits einen Auftrag annimmt, bei dem ein Junge an einer Überdosis gestorben ist.

Selim Özdogan ist einer der Autoren, die ich nicht lese, weil sie immer ein Genre abdecken, sondern weil ich ihn wegen seiner Schreibe mag. Mal ist es dann eine Drogenutopie, mal ein Pamphlet für Identität, mal ein Migrationsstück. Jetzt ist es ein Krimi, dem ich den Autor anmerke, weil er, egal, wie die Gesichte läuft, seine ganz persönlichen Themen immer wieder reinbringt. Themen wie Identität, Herkunft und auch Drogen, diesmal erweitert durch das Darknet und die Straße.

Ich brauche am Anfang ein wenig, bis ich in der Geschichte bin, komme auf die Denkart von Nizar anfangs nicht klar. Aber dann, als ich im Rhythmus bin und die Grundrichtung des Romanes verstanden habe, bin ich drin.

Auch wenn ich nicht immer Nizars Meinung bin, verbringe ich gern Zeit mit ihm und seinen Sohn. Und ich bin mir sehr sicher, dass die Geschichte mit dem Buch noch nicht zu Ende ist. Da könnte eine Reihe draus werden.

Der die Träume hört ist entweder ein Krimi mit einer guten Portion Lebensrealität, Philosophie und Familie. Oder ein typischer Özdogan plus Krimielementen.

Der die Träume hört von Selim Özdogan erschien bei der Edition Nautilus. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Fabian von Erich Kästner

War ja klar, dass ich irgendwann Fabian lesen musste. Und war auch klar, dass es in der ‚alten‘ Fassung mit eben diesem Namen sein musste.

Dr. Jakob Fabian lebt im Berlin der 1920er und muss sich durch die Facetten des Unmoralischen schlagen, was für ihn als Moralisten sehr schwer ist. Berlin ist geprägt durch die sexuelle Offenheit der beiden ‚goldenen‘ Jahrzehnte und auch durch das langsam rechtsradikaler werdende politische Klima. Und dann kommt da noch die Liebe dazu.

Für einen fast 90 Jahre alten Roman kann ich Fabian sehr gut runterlesen, fühle mich oft mit dem Protagonisten und seiner sachlichen Erzählart verbunden und bleibe am Ende mit einem tumben, fast schalen Gefühl zurück. Im besten Sinne ein Buch, das mich berührt, in dem ich mich oder die Welt immer mal wieder reflektiert sehe und das immer noch seinen Zweck hat.

Fabian von Erich Kästner erscheint im Atrium Verlag.