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Schlagwort: Kritik (Seite 1 von 21)

Buch: Frontal von John Scalzi

Fast hätte ich den Tod von Duane Chapman verpasst.

Der erste Satz aus Frontal.

Was Fischer Tor auf ihrer eigenen Seite komplett verschweigt und auf Amazon nur im vorletzten Halbsatz streift: Frontal ist das Sequel zu Das Syndrom, in Deutschland bei Heyne erschienen.

Stellt euch vor, ein Grippevirus sperrt die Bewusstseine eines signifikanten Anteils der Menschheit in ihre Körper, sodass sie sich nicht mehr bewegen können: Das Locked-in-Syndrom. Wenn das genügend wichtige Leute betrifft, wird auch etwas dagegen gemacht. In Scalzis Version wird den eingesperrten Menschen, die Haden genannt werden, ein Roboter zur Verfügung gestellt, den sie anstatt ihres Körpers verwenden, um Teil der Gesellschaft zu sein. Chris ist ein Haden und beim FBI.

Im ersten Band beginnt Chris ganz neu beim FBI und muss sich nicht nur mit dem ersten Fall, sondern auch mit seiner Kollegin beschäftigen, die anfangs (natürlich) nichts mit ihm anfangen kann. Ich mochte das Buch, diesen Krimi in der Zukunft und habe mich gefreut, als es ein Sequel gab.

In Frontal spinnt Scalzi die Welt, die er in Das Syndrom aufbaut, weiter. Wie ist eine Welt, die sich langsam daran gewöhnt, dass Menschen, die nicht anders an der Weilt teilnehmen können, Roboteranzüge haben? Welche Sportarten entwickeln sich neu? Welche Proteste könnte es gegen Menschen in Roboterkörpern geben? Und wann wollen die ersten Menschen solche Körper, einfach, weil sie besser sind, als Fleisch und Blut?

All das spielt Scalzi in Frontal durch, schickt Chris und seine Kollegin Vann in einen neuen Fall, neue Verschwörungen, neue Probleme.

Ich mag Scalzis leichte Art, mag, wie die Welt immer größer wird und trotzdem in ganz vielen Belangen unserer gleich bleibt. Was mich, ähnlich zum ersten Band, stört, ist der „Zeitungsartikel“, der dem Roman vorgestellt ist und den Leserïnnen die Welt erklären soll. Brauchte es schon beim ersten Buch nicht, braucht es auch hier nicht. Man muss auch nicht den ersten Band lesen, aber die Größe und Vielfalt dieser Welt geht auf, wenn man ihn kennt.

Scalzi hat ganz viele Erzählwelten, ich hoffe, er bleibt dieser noch eine Weile treu. Das ist keine große Literatur, aber es ist mehr als nur Unterhaltung und ich bin gern dort.

Frontal von John Scalzi wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Fischer Tor. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörspiel: Tyll von Daniel Kehlmann

Der WDR hat aus Daniel Kehlmanns letztem Roman ein Hörspiel von dreieinhalb Stunden gemacht. Ich kenne bisher nur Ausschnitte aus Ruhm und habe ein paar seiner Romane im Regal stehen, aber noch keinen gelesen. Und Tyll hatte mich erstmal überhaupt nicht interessiert.

Aber ich mag die Hörspiele, die der WDR produziert, und dreieinhalb Stunden kann ich schnell mal weghören.

Ich weiß nicht, wie das im Roman ist, aber das Hörspiel schickt mich auf eine Reise durch den 30jährigen Krieg, mal mehr, mal weniger an Till Eulenspiegel dran. Ich mochte schon immer die Figur und die Funktion des Narren, als Spiegel der Gesellschaft, als Underdog und geheimer Lenker der Großen und Mächtigen. Dieser Tyll aber geht darüber hinaus und wird im Laufe seines Lebens, in dem ich ihn immer wieder eine kurze Weile begleiten darf, immer mehr Mensch, samt all dem Leiden, der Liebe und dem ‚am Leben zerrieben werden‘.

Ich mag diesen Tyll (und seine Gefährtin Nele), ich mag die Art, wie Kehlmann und der WDR die Armut und das Leid dieser Zeit herausarbeiten und tatsächlich mag ich es, Lars Rudolph als Tyll auf den Ohren zu haben. Ich muss den Roman immer noch nicht unbedingt lesen, aber in diese Hörwelt tauche ich sehr gerne ein.

Tyll von Daniel Kehlmann erschien bei Rowohlt, das Hörspiel wurde vom WDR produziert und erschien bei Argon. Leider nicht mit dem viel schöneren Cover, das der WDR verwendet hat.

Spiel: Far: Lone Sails

Die Welt nach der Apokalypse. Du, eingepackt in einen roten Regenmantel, vor dir ein Grab. Du verabschiedest dich und machst dich auf den Weg, in deinem großen Gefährt.

Far: Lone Sails ist Abenteuer-Sidescroller und ein wenig Puzzler, aber hauptsächlich Atmosphäre. Anfangs muss ich mich reinfuchsen, wie mein Fahrzeug funktioniert, aber als es dann rollt, genieße ich die Landschaften, die angedeuteten Geschichten, die ich auf auf meinem Weg passiere, und den Soundtrack.

Manchmal wird das Spiel schnell und hektisch, weil ich gleichzeitig nachladen, ein Feuer löschen und Dinge einsammeln muss. Aber meist reise ich dahin. Dann geht die Kamera ein wenig raus und ich kann die Weite genießen, das Gefühl unterwegs und frei zu sein.

Im gesamten Spiel gibt es keine Gespräche, kaum Worte und nur sehr wenig Kommunikation. Ich muss mir die Geschichte selbst zusammenbauen. Und es ist eine berührende, emotionale Geschichte, die ich in meinem Kopf habe, zu der ich so starken Zugang habe, vielleicht gerade weil Far: Lone Sails nur Dinge andeutet, statt sie auszuerzählen.

Ich brauche knapp vier Stunden, um zum ersten Mal anzukommen und ich fühle mich ruhig und zufrieden, als hätte ich Urlaub gemacht. Das war nicht das letzte Mal, dass ich dieses kleine rotgekleidete Männchen begleite, dass ich diese Geschichte neu erlebe.

Far: Lone Sails erschien bei Mixtvision und ist für Mac, PC, Xbox One und Playstation 4 erhältlich. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Diner des Grauens von A. Lee Martinez, gelesen von Oliver Rohrbeck

Irgendwo im Nirgendwo, an einer verlassenen Straße, träumte das Diner von den hungrigen Toten.

Der erste Satz aus Diner des Grauens

Earl und Duke sind ein Vampir und ein Werwolf, sind beste Freunde und gemeinsam unterwegs. Als sie zufällig an diesem Diner anhalten, das von Zombies angegriffen wird, wissen sie, dass sie nicht verschwinden können, solange das nicht geklärt ist.

So skurril, wie sich das liest, ist das ganze Buch. Ich kannte A. Lee Martinez vorher nicht und war so ziemlich von Anfang an angetan. Er konstruiert eine verrückte Welt, in der alles möglich ist, erzählt eine witzige und spannende Geschichte, irgendwo zwischen Max Brooks, Jasper Fforde und Terry Pratchett, die sich total schön anhören lässt. Ich schmunzele andauernd, bin gespannt, wie es weitergeht und bin ein wenig traurig, als es zu Ende ist.

Am meisten gestört hat mich leider die Art, wie Oliver Rohrbeck den Roman gesprochen hat. Ich mag seine Stimme sehr und ich mag vieles, was er macht. Bei diesem Buch habe ich das Gefühl, er traut der Geschichte nicht und legt besonders im ersten Drittel eine erzwungene Coolness in die Stimme, die weder er noch der Roman brauchen. Die überzogene Art des Sprechens passt zwar zur überzogenen Geschichte, mir hätte es besser gefallen, wenn Oliver Rohrbeck der Geschichte mehr Platz gelassen hätte. Irgendwann groovt er sich ein und dann greifen Sprecher und Geschichte noch besser ineinander.

Ein phantastischer Roman, der grandios unterhält, leider ein wenig gewollt vorgelesen. Nun mal sehen, wann ich mal wieder was von A. Lee Martinez in die Finger bekomme.

Diner des Grauens von A. Lee Martinez wurde übersetzt von Karen Gerwig und gesprochen von Oliver Rohrbeck. Das Hörbuch erschien bei der Lauscherlounge.

Roman: Das Licht von T.C. Boyle

War es ein Gift?

Der erste Satz aus Das Licht.

Fitz ist wissenschaftlicher Assistent von Timothy Leary, als dieser gerade das „Wundermittel LSD“ entdeckt. Fitz will bei dieser Entdeckung mit dabei sein und hofft, seine Karriere damit nach vorne zu bringen. Es wäre keine gute Geschichte, wenn das so einfach wäre.

Wie schon bei vielen Romanen vorher greift sich Boyle ein historisches Thema oder eine Person und erzählt die Geschichte nicht aus dem Mittelpunkt, sondern aus der Sicht einer Randfigur. So macht er das bei Dr. Sex, bei Die Frauen und auch bei Die Terranauten. Was er macht, funktioniert: Wir folgen einer gut geschriebenen Geschichte, die die Wünsche und Träume von Menschen langsam an den jeweiligen Realitäten zerschellen lässt. Das kriegt Boyle auch hier wieder hin.

Ich lese ihn gerne, Boyle bleibt unterhaltsam und berührend und bringt mir Dinge näher. Und er schafft auch immer Bilder, die bleiben.

Aber wie schon im letzten Roman führt Boyles Stil – sich treiben zu lassen und zu sehen, wohin ihn die Geschichte bringt – dazu, dass es zwar einen sauberen Anfang gibt, die Geschichte am Ende aber einfach so ausplätschert. Fand ich schon damals schade, finde ich diesmal noch schlimmer.

Dazu kommt, dass ich anderes erwartet hatte. Auf seiner Lesetour zum letzten Roman erzählte Boyle schon von diesem, wie er daran arbeitete und erzählte hauptsächlich von Albert Hofmann, dem Entdecker von LSD. Während ich auch gerne diesen Roman über Leary gelesen habe, fand ich die Vorstellung, einen über Hofmann und seine Erfahrungen mit LSD zu lesen, die eigentlich viel spannenderen. Tatsächlich beginnt dieser Roman sogar mit einem Kapitel in der Schweiz, ganz typisch erzählt aus der Sicht einer Assistentin. Dann wechseln wir in der Zeit und im Ort und das folgende ist ganz nett. Aber dem nicht geschriebenen Roman trauere ich nach.

Dennoch, eine gut lesbare, witzige und berührende Geschichte, wenn auch nicht die beste von T.C. Boyle.

Das Licht von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.