Schlagwort: Kritik (Seite 1 von 30)

Film: Was man von hier aus sehen kann

Seit heute läuft Was man von hier aus sehen kann offiziell im Kino, wir saßen gestern in der Preview. Ich kann verstehen, warum viele Kritiker:innen den Vergleich zu Amélie ziehen. Ging mir schon beim Trailer so und geht mit nach dem Film immer noch so. Viele Szenen leicht überbelichtet, alles so ein bisschen absurder als unsere Realität und dazu ein sanfter Soundtrack. Aber die Leute, mit denen ich im Kino war, sehen das anders.

Wo wir uns einig waren, dass der Film zu gewollt ist und sich nicht entscheiden kann, ob er sich ernst nehmen will. Dadurch gibt es ein paar merkwürdige Szenen, die nicht so richtig reinpassen. Schade eigentlich, weil es auch ein paar echt schöne Momente gab. Die Szene mit den Briefen war schon im Buch eindrucksvoll und bleibt es auch im Film. Und Karl Markovics spielt den Optiker großartig. Aber der Rest? Zerfällt zwischen „absurd lustig sein“ und „ein realistisches Drama erzählen“.

Was man von hier aus sehen kann ist ein netter Film mit ein paar Lachern und ein paar sehr schönen Szenen. Aber leider nicht arg viel mehr.

Roman: Candy Haus von Jennifer Egan

„Weißt du, wonach ich mich sehne?“, fragte Bix, während er, wie üblich vor dem Schlafengehen, neben dem Bett Schultern und Wirbelsäule dehnte.

Der erste Satz aus Candy Haus

Vor zehn Jahren habe ich mein erstes Buch von Jennifer Egan gelesen, A visit from the goon squad. Ich war begeistert damals, von den Geschichten und der Art, wie Jennifer Egan sie erzählt. Jetzt ist Candy Haus draußen, quasi eine Fortsetzung. Was aber bei dieser Art von Buch nicht so einfach zu sagen ist. Wie schon beim Goon Squad geht es nicht um eine Geschichte, sondern um einen ganzen Haufen Charaktere und wie ihre Leben miteinander verwoben sind. Dabei gibt Egan jeder ihrer Figuren eine eigene Stimme, eine eigene Art, ihre Geschichte zu erzählen. Manchmal fühlt es sich mehr an, eine Sammlung an Kurzgeschichten zu lesen statt eines Romanes. Manche Kapitel taugen mir mehr als andere, aber alle sind miteinander verwoben. Was bedeutet, ich lese nicht nur ein Buch, ich muss die Story in meinem Kopf zusammenpuzzeln, immer auf der Suche, nach dem nächsten Teil und wo es hinpasst.

Candy Haus ist kein Spaziergang und schon gar keine Rolltreppe. Dieses Buch ist gewundener Pfad, dessen Boden sich immer wieder ändert und mich ein paar Mal herausgefordert hat. Es ist manchmal anstrengend, dran zu bleiben, aber es lohnt sich. Manche Kapitel sind relativ klar und simpel geschrieben, an die Erzählformen anderer musste ich mich erst gewöhnen. Und die wunderbare Kurzgeschichte Black Box, die Jennifer Egan zuerst auf Twitter veröffentlicht hatte, ist hier ein Kapitel zwischen den anderen und webt sich genauso in diese Welt ein. Auch wenn man A visit from the goon squad nicht gelesen hat, ist Candy Haus ein wunderbares, verzweigtes Universum, in das wir aus verschiedenen Winkeln hineinschauen dürfen. Das hätte ich gern noch viel länger gemacht.

Candy Haus von Jennifer Egan wurde übersetzt von Henning Ahrens und erschien bei S.Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Haha Heartbreak von Olivia Kuderewski

Der Moment, in dem ich mich in dich verliebt habe, war richtig dämlich.

Der erste Satz aus haha Heartbreak

Mädchen verliert Jungen, den sie wirklich geliebt hat. Und muss irgendwie darüber hinweg kommen. Das erzählt Olivia in ihrem zweiten Roman. Nicht mehr. Aber das erzählt sie so eindrücklich und direkt, so bildhaft und schnell, dass ich ab der ersten Seite drin bin und mitleide. Es gibt Romane, die mir eine neue Welt und Sichtweise eröffnen. Und es gibt Romane, die mir das Gefühl geben, dass ich nicht alleine bin. Haha Heartbreak ist zweiteres, auf die beste intensive Art, nicht immer schön, aber extrem ehrlich. Schon der Debütroman Lux war schnell und direkt erzählt, aber damals konnte ich nicht wirklich was mit der Welt anfangen und wollte diese Sichtweise gar nicht kennenlernen. Jetzt denke ich andauernd, „ja, ich kenne das, ich hätte das aber so nie formulieren können“.

Knapp 160 Seiten voller Liebe und Sehnsucht, so dreckig und ehrlich, dass es wehtut, im besten Sinn. Bitte mehr davon.

Haha Heartbreak von Olivia Kuderewski erschien bei Voland & Quist. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Olivia und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Billy Summers von Stephen King

Billy Summers sitzt in der Hotelhalle und wartet darauf, abgeholt zu werden.

Der erste Satz aus Billy Summers

Billy Summers ist Auftragskiller und entgegen des Klischees will er, dass bei seinem letzten Job alles glatt läuft. Was es natürlich nicht tut. Und dann wird da auch noch dieses vergewaltigte Mädchen in der Einfahrt seines Versteckes abgeladen, was die Dinge nur noch komplexer macht.

Stephen King produziert viel zu viel, als dass ich alles von ihm lesen könnte. Aber was ich lese, taugt mir meist sehr. Auch Billy Summers. Vielleicht habe ich den alten Mann in den mehr als 20 Jahren, in denen er mich begleitet, einfach sehr ins Herz geschlossen, ich mag, was er schreibt. Dabei macht er bei Billy Summers total viel voller Klischee und widersprüchlicher Dinge, trotzdem lese ich mich sehr schnell durch diese mehr als 700 Seiten. Und weil ich schon so viel von Stephen King von David Nathan gesprochen gehört habe, habe ich seine Stimme im Kopf, auch wenn ich selbst lese.

Billy Summers ist bei weitem nicht das beste Buch von Stephen King, aber es holt mich ab und lässt mich für eine Zeitlang komplett eintauchen und wie oft in den letzten Jahren überrascht mich King auch hier mit ein paar Kniffen, die er neu anwendet.

Der größte Wermutstropfen ist, dass King diesmal (ganz unüblich) die Entstehungsgeschichte weggelassen hat. Dafür hat er sie dem Esquire erzählt.

Billy Summers ist der typische letzte Job eines Auftragskillers, aber eben von Stephen King erzählt. Und das mache ich jedes Mal gerne mit.

Billy Summers von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuchtrilogie: Empire of Storms von J. Kelley Skovron, gesprochen von Matthias Lühn

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Käptan Sin Toa bereiste diese Meere schon seit vielen Jahren als Händler, und so etwas hatte er bereits gesehen. Das machte es nicht einfacher.

Der erste Absatz aus Empire of Storms 1 – Pakt der Diebe

Hope ist die einzige Überlebende ihres Dorfes und wächst in einem Kloster unter Kampfmönchen auf. Rache lässt sie nicht los. Red wächst als Waise in den Straßen einer Hafenstadt auf und will nur der beste Dieb der Welt werden. Bis er auf Hope trifft.

Ich finde die deutschen Cover ziemlich abschreckend und hätte die Reihe fast links liegen lassen, war dann aber vom Klappentext doch angetan. Also eingetaucht, knapp 16 Stunden später aus dem ersten Teil wieder aufgetaucht und gleich mit Teil 2 (18 Stunden) und Teil 3 (15 Stunden) weitergemacht. Skovron schafft eine wunderbare phantastische Welt und Charaktere, die mich in ihrer Skurrilität immer wieder an Terry Pratchett erinnern. Auch der Schreibstil hat etwas von Pratchett, manchmal voller Witz und krudem Humor, dann wieder Tiefe, die ich zwei Sätze vorher nicht erwartet habe. Im Laufe der drei Bücher faltet sich die Welt immer weiter auf und jetzt, wo es vorbei ist, habe ich Sehnsucht. Wie nach einem langen Urlaub in einem fremden Land.

Wie es bei guter Fantasy der Fall sein sollte, gibt es auch hier die Parallelen zu unserer Welt und der Zeigefinger auf ein paar unserer Probleme. Vom Patriarchat über die Rolle der Kirche bis zur Stellung der Frau. Inklusive einer Trans-Figur, die im Laufe der Reihe quasi zum dritten Hauptcharakter heranwächst. Als ob Skovron selbst sich freigeschrieben hat: Steht an vielen Stellen (auch auf den Covern der Reihe) noch der alte Name, sind die Webseite und die sozialen Medien unter J. Kelley Skovron zu finden.

Empire of Storms ist eine großartige Reihe, die ich wirklich extrem gerne gehört habe.

Pakt der Diebe, Schatten des Todes und Schwur der Kriegerin von J. Kelley Skovron wurden übersetzt von Michelle Gyo, gesprochen von Matthias Lühn und erschienen beim Ronin Hörverlag. Der Verlag hat mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.