Schlagwort: Kritik (Seite 2 von 29)

Film & Verlosung: Schachnovelle, ab 23. September im Kino

Stefan Zweigs letzte Erzählung, die Geschichte einer Schiffsreise, eines Schachweltmeisters und eines österreichischen Notars, der sich mit einem Schachbuch gegen die Foltermethoden der Nazis „behauptet“ hat.

Ich habe die Schachnovelle gelesen und gehört, aber keine der bisherigen Verfilmungen gesehen. Jetzt also eine neue, die wahrscheinlich durch den Erfolg des Damengambit nur profitieren kann. Tatsächlich hat mich die Gestaltung, besonders die der Schachspiele, oft an das Damengambit erinnert, was aber Zufall sein dürfte, da beide Produktionen zur etwa zur gleichen Zeit entstanden sind.

Der Trailer ist mir noch zu heischend, zu „böse Nazis“. Der Film dagegen macht ziemlich viel ziemlich gut. Schöne Bilder, große Sets und tolles Schauspiel. Besonders Albrecht Schuch, den ich seit Systemsprenger und Berlin, Alexanderplatz sowieso sehr mag, kann ich ewig zusehen. Seine Rolle hat etwas von einem jungen Hans Landa, aber er füllt sie sehr gut aus.

Und dann kriegt der Film es hin, eine saubere Balance zwischen Originalgetreue und neuer Interpretation zu halten. Ganz oft denke ich, stimmt, so war das. Und dann überrascht mich der Film mit neuen Momenten und Fragestellungen, die nicht im Buch sind, inklusive eines neuen Endes.

Besonders für Menschen, die das Buch kennen, bietet die Schachnovelle als Film eine sehr schöne neue Auseinandersetzung mit dem Stoff. Ab 23. September im Kino.

Gewinnspiel:

Ich darf 2 Pakete verlosen, jeweils mit der limitierten und illustrierten Buchausgabe der Büchergilde, dem Hörbuch, gelesen von Christoph Maria Herbst, und dem Filmplakat. Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) und sagt mir, welchen Klassiker ihr gern mal als Film sehen wollt.

Einsendeschluss ist Donnerstag, der 23. September, 12 Uhr. Der Zufall entscheidet, dann gehen die Pakete direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Buch: Du hast mir den Kopf fairtrade von Rolf Rugenwälder

Liebe Leseperson (m/w/d), schön, dass du da bist!

Der erste Satz aus Du hast mir den Kopf Fairtrade.

Junger Mann trifft auf das tollste Mädchen und will sie für sich gewinnen, also wird er öko. Oder versucht es zumindest.

Rolf (beziehungsweise das Autorenduo hinter dem Pseudonym) schreibt also Tagebuch und erzählt, von all seinen Versuchen und seinem Scheitern, am Leben, an dem Mädchen und an einem nachhaltigen Leben.

Das Buch ist dünn und die Schrift ist relativ groß, eine recht kurze Unterhaltung, die mich immer wieder hat grinsen lassen und manchmal sogar laut auflachen. Ich muss immer wieder an Berts Katastrophen denken, die ich als Kind sehr gern gelesen habe. Viel Slapstick und Übertreibung, die Spaß machen.

Aber vom ersten Satz an habe ich mich immer wieder gefragt, für wen das Buch eigentlich gedacht ist. Die Leseprobe auf der Rückseite des Buches macht sich über Upcycling lustig, der Text drunter versucht aber, dieses Buch als Hilfestellung für Menschen anzupreisen, die öko ja gut finden, aber irgendwie überfordert sind. Dieses Gefühl hat sich für mich durch das ganze Buch gezogen: Es ist durchweg quatschig und machst sich über alles lustig, will aber gleichzeitig alles ernst nehmen. Das hat für mich nicht funktioniert. Trotz des Spaßes und des Lachens blieb es bis zum Ende nur okay. Und ich wüsste auch nicht, wem ich das Buch nun geben sollte. Meine Öko-Freund*innen fühlen sich im besten Fall in ihrer Ansicht bestätigt und können vielleicht ein bisschen über sich selbst lachen, aber irgendwas Neues werden sie nicht mitnehmen. Meine anderen Freund*innen würden es wahrscheinlich gar nicht erst anfangen, weil es zu sehr nach öko schreit.

Eine quatschige grüne Slapstickgeschichte also, die immer wieder lustig ist, aber leider nicht mehr.

Du hast mir den Kopf fairtrade von Rolf Rugenwälder erschien bei riva. „Rolf“ hat mir ein Exemplar zukommen lassen. Transparenz: Ich kenne beide Menschen hinter diesem Pseudonym. Im besten Fall bin ich dadurch ehrlicher und unbarmherziger.

Roman: Hawaii von Cihan Acar

Immer wollen sie, dass man mittanzt.

Der erste Satz aus Hawaii

Kemal hätte im Fußball ganz groß rauskommen können, wenn da nicht dieser Unfall gewesen wäre. Stattdessen ist er zurück in Hawaii, dem Problemviertel Heilbronns. Lange nicht mehr von einem Titel erst in die Irre und dann so sehr in die Heimat geführt worden, wie bei Cihan Acar.

Ich habe nichts mit Fußball, türkischen Banden und Wetten am Hut, konnte Kemal aber wunderbar durch seine Tage begleiten, immer am Lächeln, weil mir trotz der Fremde so viel bekannt vorkam.

Cihan Acar hat eine auf seine Art einfache und direkte Sprache, inklusive klarer Haltung, Slang und glücklicherweise nur spärlich eingesetztem Dialekt. Hawaii und Fußball sind Acar ziemlich nah. Ich bin gespannt, was passiert, wenn er sich anderen Geschichten widmet.

Ein klares Debüt, dass dich für ein paar Tage in eine andere Welt entführt.

Hawaii von Cihan Acar erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir im Rahmen von Das Debüt ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Normale Menschen von Sally Rooney

Als Connell klingelt, macht Marianne die Tür auf.

Der erste Satz aus Normale Menschen

Mädchen trifft Junge. Sie aus dem reichen Haushalt, in dem seine Mutter als Hilfe arbeitet. Er beliebt, sie die Außenseiterin. Und als würde das nicht schon ausreichen, sind die beiden überhaupt nicht in der Lage, miteinander über ihre Gefühle zu reden.

Sally Rooney kann schreiben, keine Frage. Ein schnörkelloser, nüchterner Stil, den ich sehr mag. Und auch die Szenen und Gefühle, die sie beschreibt, kann ich nahahnen. Ich verstehe die Spannung zwischen Marianne und Connell und viele der Situationen kommen mir bekannt vor. Aber all das reicht für mich leider nicht aus, um einen ganzen Roman lang zu tragen.

Weil Rooney zwar die Situationen ändert, aber ihre Figuren nie den Anschein machen, sich dem wahren Problem zu nähern. Fast von Anfang an will ich die beiden an den Schultern packen und ihnen eindringlich sagen: Redet bitte einmal Tacheles miteinander. Kann ich natürlich nicht. Und passiert auch nicht. Stattdessen verfolge ich die Beziehung der beiden über Jahre hinweg und sehe immer lustloser dabei zu, wie sie nicht miteinander reden können.

Wahrscheinlich werde ich irgendwann noch mehr von Sally Rooney lesen. Aber so ganz kann ich die Begeisterung nicht verstehen.

Normale Menschen von Sally Rooney wurde übersetzt von Zoë Beck und erschien bei Luchterhand. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers

Ich habe noch nie so geweint.

Der erste Satz aus MEIN OPA, SEIN WIDERSTAND GEGEN DIE NAZIS UND ICH

Theo Hespers war Widerstandskämpfer, der letztendlich von den Nazis erhängt wurde. Und er ist der Opa von Nora Hespers, die sich seit ein paar Jahren mit ihrem Podcast „Die Anachronistin“ mit ihrem Großvater und den Parallelen zur heutigen Zeit beschäftigt. Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich ist sowas wie die Buchversion davon.

Auf rund 440 Seiten wechselt Nora zwischen der Geschichte ihres Großvaters damals und der Aufarbeitung dieser Geschichte und ihrer Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater.

Nora kommt vom Radio, sie weiß, wie sie diese Geschichte erzählen muss und wie sie mich berühren kann. In ihrer Flapsigkeit kommt es mir manchmal vor, als sitzen wir gemeinsam am Tisch und sie erzählt diese Geschichte. Auf Augenhöhe, voller Verletzlichkeit und ohne zu großen Pathos. Dadurch schafft sie es, mich diesem Thema auf ganz persönliche Weise nahe zu bringen.

Die eine Sache, die ich gern anders hätte, ist die Länge des Buches. Ja, große und chaotische Geschichte mit tausend losen Enden und Seitengeschichten. Besonders für Nora, sie sich seit Jahren mit dieser Geschichte auseinandersetzt. Sie weiß noch viel mehr, als sie schreibt. Aber ganz manchmal verliert sie sich doch in all dem Wissen und macht Nebenpfade auf, die alle interessant und wichtig sind, aber von der eigentlichen Geschichte ablenken. Ich schätze, um rund 50 Seiten hätte Nora mit ihrem Lektor das Buch kürzen können.

Aber immer noch: Eine wichtige Geschichte und ein wichtiges Buch, das mich auch über meine Großeltern und ihren Anteil in der Geschichte hat nachdenken lassen, das mir nur einen Tacken zu lang ist.

Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers erschien bei suhrkamp nova. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Nora und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.