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Schlagwort: Kritik (Seite 2 von 24)

Roman: Fake von Frank Rudkoffsky

Eine Katze!

Der erste Satz aus Fake

Sophia und Jan haben jeweils ihre Träume, jeweils die Dinge, die sie noch erreichen wollen und sie haben Max, ein gemeinsames Kind, das alles ändert. Und dann findet jede und jeder für sich heraus, wie toll es ist, dass man im Internet anonym sein kann.

Sophia und Jan sind abwechselnd Protagonistin und Protagonist und ich weiß nicht, ob oder wann ich je eine so schmerzhafte und sich real anfühlende Beschreibung einer jungen Mutter gelesen habe. Der Körper nach der Tortur der Geburt und den Bedürfnissen eines Babys, die Angst vor dem Leben, dass jetzt (erstmal?) nichtmehr zu leben ist. Krass.

Und dann ihre Entscheidung, über das Internet Wut und Frust abzulassen. Nicht meine Entscheidung und auch keine, die ich gut finde, aber ich kann sie nachahnen.

Jan hat andere Gründe und ähnlich nachvollziebare Handlungen. Frank Rudkoffsky spielt das Paar so gegeneinander aus, dass ich bei beiden Seiten mitfühlen kann, sie am liebsten anschreien möchte, bitte miteinander zu reden. Und sehr gespannt bin, wie die unausweichliche Tragödie ihren Lauf nimmt.

Tatsächlich lässt Frank es gar nicht zum großen Knall kommen, sondern schafft eine Wende zu einem schalen Happy End, das mich zuerst frustriert, dann noch lange über das Ende grübeln lässt. Weil es weniger Geschichte als Realität abbildet. Es erinnert mich an das Ende von „Die Reifeprüfung“.

Rudkoffsky schreibt nüchtern, greifbar und so, dass ich berührt werde. Schafft es, dass ich mir über manche Dinge und Verhaltensweisen nochmal Gedanken machen muss, weil ich durch ihn an die Grenzen meiner bisherigen Vorurteile komme. Ich bin gespannt, welchem Thema sich Frank in seinem nächsten Buch annehmen wird.

Fake von Frank Rudkoffsky erschien bei Voland & Quist. Der Autor hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Wie man ein Auto baut von Adrian Newey

Ich wusste vorher nicht, wer Adrian Newey ist, ich bin auch kein Fan von Formel 1. Für mich sehen die Fahrzeuge jedes Jahr gleich aus und ich habe nie verstanden, wo der Spaß daran ist, anderen Menschen beim ewigen Rundenfahren zuzusehen.

Aber ich bin begeistert von Autos und Technik und will verstehen, wie Dinge funktionieren.

Schon im Vorwort wird klar, dass Newey einen ähnlichen Antrieb hat: Die Dinge verstehen und sie verbessern. Zu verstehen, wie Regeln funktionieren und wie man innerhalb derer das volle Potenzial schöpfen kann. Also erzählt er anhand der Autos, die er im Laufe seines Lebens konstruiert hat, sein Leben.

Manchmal waren mir technische Dinge ohne die passende Zeichnung zu komplex und ich weiß nicht, ob ich gern mit Newey arbeiten würde, aber die Geschichte, die er erzählt, ist gut geschrieben und sie unterhält mich nicht nur, sie bringt mir noch einige neue Sachen bei. So lese ich auch gerne 420 große Seiten.

Klar, für jemanden mit Wissen und Begeisterung für Formel 1 funktioniert das Buch wahrscheinlich noch besser. Aber selbst für mich und jeden anderen Menschen mit einem Grundinteresse für Technik und Verbesserung erzählt Newey (zusammen mit seinem Ghostwriter Andrew Holmes) Dinge, über die ich mich gefreut habe. Ohne etwas darüber sagen zu können, wie technisch sauber die erzählten Dinge sind.

Das Buch selbst sieht von außen leider am besten aus. Während das Cover wirklich schön gestaltet ist, kommen der Satz und das Design im Inneren da nicht ran. Und zumindest in der ersten Auflage auf Deutsch finden sich im Text, aber auch in den Zeichnungen ein paar Fehler, die ich sich hoffentlich mittlerweile ausgemerzt haben.

Wie man ein Auto baut von Adrian Newey und Andrew Holmes wurde übersetzt von Martin Bayer und erschien bei Pantauro. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Miami Punk von Juan S. Guse

Erleuchtet sind die Straßenzüge der einsamen Stadt, gewaltsam errichtet auf tropischem Sumpf.

der erste Satz aus Miami Punk

Als ich das Cover sah und den Klappentext las, dachte ich, will ich lesen. Besonders ohne Schutzumschlag strahlt das Buch samt Titel etwas sehr verführerisches aus.

Das Meer zieht sich von Miami zurück und die Stadt liegt auf dem Trockenen. Ein halbes Dutzend Protagonisten kämpfen sich durch ihre eigene Version der Realität und Guse schreibt sie nieder. Manchmal ineinander verzweigt, manchmal fragmentarisch und unabhängig. Juan S. Guse macht es mir nicht leicht und obwohl ich das Buch in knapp einer Woche am Stück lese, muss ich zurückblättern und gucken, ob ich irgendwas überlesen habe, weil manche Dinge ganz komisch zum ersten Mal auftauchen.

Ich muss an David Foster Wallace denken und an Joshua Cohen und was für die beiden gilt, greift auch hier: Es ist ein anstrengendes Buch und nicht immer weiß ich, wo ich bin oder was ich davon halten soll, aber ich werde belohnt: Mit Unterhaltung, mit Ideen, mit Schmunzeln und Trauer und mit neuem Wissen. Wobei ich immer wieder nachschlagen muss, was so auch bei Wikipedia steht und was Guse sich ausgedacht hat. (Was nicht bedeutet, dass diese Sachen ein und dasselbe sein könnten.) Ich bin sehr gerne in dieser Welt.

Ich bin ziemlich froh, dass Verlage wie S. Fischer heute noch solche Bücher machen, die garantiert kein großes Publikum erreichen. Aber die es erreicht, die sind dankbar drum.

Leider nur, mal abgesehen vom Design, wird Haptik des Buches nicht dem Inhalt gerecht. Der Einband und auch die Klebebindung fühlen sich an wie die Club Bertelsmann Lizenzausgaben von vor 20 Jahren. Das ist schade. Ich hätte dem Buch mehr gegönnt.

Miami Punk von Juan S. Guse erschien bei S. Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Film: Fritzi – eine Wendewundergeschichte

Fritzi ist 12 und soll sich im Sommer 1989 eigentlich nur über den Sommer um den Hund ihrer Freundin kümmern. Aber die kommt mit ihren Eltern nicht mehr aus Ungarn nach Leipzig zurück, sondern versuchen, in den Westen zu kommen. Fritzi setzt sich in den Kopf, ihrer Freundin den Hund zu bringen und rutscht direkt in den deutsch-deutschen Konflikt.

Fritzi ist eigentlich ein illustriertes Kinderbuch für Menschen ab 8 Jahren und der Film versucht, die Erzählart und die Zielgruppe anzusprechen. Ich liege leicht daneben und so fühlt es sich leider auch an.

Einerseits ist Fritzi wirklich schön gemacht. Viele Szenenbilder könnte man direkt in ein Kinderbuch packen, besonders die Landschaftsbilder von Leipzig. Da steckt extrem viel Liebe im Detail, die wirklich zu schätzen weiß. Gleichzeitig fühlt es sich aber an, als ob die Produktionsfirma knapp dran war. Mehrere Animationsstudios haben am Film gearbeitet und das sieht man. Besonders die Fahrzeuge haben einen ganz anderen Stil, als der Hintergrund und die Figuren erinnern mich an Bibi und Tina. Für sich genommen wäre jeder Stil in Ordnung, zusammen fühlt es sich an wie ein Puzzle, das nicht zusammengehört.

Weiter habe ich bei einigen Charakteren das Gefühl, dass sie sehr eindimensional erzählt werden. Die Mitarbeiter der Stasi, wie auch die Lehrerin sind sehr plump, fast schon märchenhaft böse.

Vielleicht braucht es diese Vereinfachung für das Zielpublikum, das kann ich nicht einschätzen. Die deutsche Film- und Medienbewertung hat Fritzi das Prädikat Besonders Wertvoll gegeben, trotz ähnlicher Kritik. Und ja, am Ende war auch ich ergriffen von den Bildern und den Geschehnissen von 1989. Aber so richtig zufrieden war ich am Ende des Films nicht.

Fritzi – eine Wendewundergeschichte läuft ab dem 9. Oktober im Kino.

Roman: Wer fürchtet den Tod von Nnedi Okorafor

Mein Leben brach auseinander, als ich sechzehn war.

der erste Satz aus Wer fürchtet den Tod

Ich habe von Nnedi Okorafor noch nie etwas gehört, kenne keines ihrer Bücher, aber die Cover ihrer deutschen Ausgaben (erschienen bei Cross Cult, illustriert von Greg Ruth) sind großartig, besonders nebeneinander. Dies ist ihr erster Roman, also fing ich damit an.

Eine nicht allzu ferne Zukunft, ein Paralleluniversum, ein postapokalyptisches Afrika mit Computerresten und Magie. Die hellhäutigen Nuru unterdrücken die dunkelhäutigen Okeke. Onyesonwu ist ein Mischlingskind, überall Außenseiterin und durch Gewalt entstanden. Aber die Magie ist stark in ihr und sie lernt, damit umzugehen. Eines Tages wird sie ihren Vater, einen mächtigen Zauberer, töten.

Nnedi Okorafor verbindet afrikanische Tradition mit Fantasy und Endzeitszenario, gibt mir so viel Bekanntes, dass ich einsteigen kann und flutet mich dann mit so viel Neuem, dass ich bis zum Ende fasziniert bleibe.

Manchmal machen es mir die Schreibart und auch der Inhalt schwer, dranzubleiben, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es ist nicht nur Fantasy, sondern afrikanische, weibliche Weltsicht, die in mir aufgeht und dass ist mir vollkommen neu.

Besonders im deutschsprachigen Raum ist Okorafor ungerechtfertigterweise noch kaum bekannt, HBO hat die Verfilmungsrechte. Der Stoff soll unter der Führung von „Game of Thrones“-Schöpfer George R. R. Martin als Serie umgesetzt werden. Bis dahin lese ich das nächste Buch von ihr.

Wer fürchtet den Tod von Nnedi Okorafor wurde übersetzt von Claudia Kern und erschien bei Cross Cult. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Ich habe das Buch auch bei Tor Online und im Podcast von literaturcafe.de erwähnt.