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Schlagwort: Review (Seite 1 von 33)

Illustrierter Roman: The Electric State von Simon Stålenhag

Der Krieg war von Drohnenpiloten ausgetragen worden – von Männern und Frauen in Kontrollräumen fernab der Schlachtfelder, auf denen die Drohnen sieben Jahre lang in einem Strategiespiel gegeneinander antraten.

Der erste Satz aus The Electric State

Schon vor Jahren gingen die Bilder von Simon Stålenhag durchs Netz und ich dachte damals, geil, die Bilder erzählen schon so viel, daraus müsste man eine Geschichte machen. Dann verstehe ich, Stålenhag malt nicht nur, er musiziert und schreibt auch. Und die Bilder, die ich kenne, gehören tatsächlich zu einer existierenden Geschichte.

The Electric State ist sein dritter illustrierter Roman (ich liebe den Begriff und das Genre), aber der erste, der in Deutschland erscheint.

Ein junges Mädchen und ihr fast lebensgroßer Roboter streifen durch ein alternatives Amerika, in dem viele Sachen aussehen, wie wir es kennen, andere eben gar nicht.

Anfangs weiß ich kaum etwas und muss mir zusammensetzen, was passiert ist, welche Apokalypse in dieser Realität eingesetzt hat. Ich folge dem Mädchen und ihrem Roboter durch ein retrofuturistisches Amerika, nicht nur in Worten, mehr noch in den Bildern.

Das Buch ist ein dicker, wertiger Bildband, den man nicht im Rucksack hat, um ihn in der Bahn zu lesen. Ich muss mir die Zeit zuhause nehmen. Die Bilder dominieren, der Text ist klein, fast zweitrangig. Aber die Magie setzt tatsächlich erst ein, wenn man beides wirken lässt.

Denn The Electric State ist nicht nur eine Geschichte mit passenden Bildern, manches wird nur über die Bilder erzählt. Ich sehe Dinge, die im Text nicht erwähnt werden und gerade durch das Zusammenspiel beider Medien baut sich die Stimmung auf. Wer richtig eintauchen will, macht den von Stålenhag geschriebenen Soundtrack für das Buch an.

Literarisch ist Stålenhag nicht ganz so stark, wie seine Bilder es sind. Und trotzdem schafft er es, diese Geschichte so zu erzählen, dass ich eine Nacht lang darin versinke, immer mehr wissen will und am Ende berührt bin.

The Electric State ist ein wunderschön gemachtes Buch mit einer guten Geschichte, großartigen Bildern und einer fantastischen Welt.

The Electric State von Simon Stålenhag wurde übersetzt von Stefan Pluschkat und erschien bei Fischer Tor.

Hörbuch: Mortal Engines 3 – Der Grüne Sturm von Philip Reeve, gelesen von Robert Frank

Zuerst war da nichts.

Der erste Satz aus „Der grüne Sturm

15 Jahre nach den Ereignissen in Jagd durchs Eis ist es ruhig geworden um Tom und Hester. Sie leben in einer niedergelassenen Stadt und haben eine Tochter, Wren, die sich natürlich im Gegensatz zu ihren Eltern nach dem Abenteuer sehnt. Als dann einer der verlorenen Jungs auftaucht (für mehr Kontext, lest die beiden vorhergehenden Bücher der Serie), geht es los.

Erstmal war ich enttäuscht, zwar in der Welt, aber nicht mehr mit Tom und Hester zu sein. Weil ich mich an die beiden gewöhnt hatte und weil ich eigentlich nicht über die Probleme eines heranwachsenden Menschen hören wollte. Dachte ich.

Aber Robert Frank liest, solange ich nicht auf Pause drücke, und ich bin wieder schnell in der Welt und der Geschichte. Wie im letzten Buch auch verhalten sich einige Figuren (besonders Hester) manchmal, wie ich es nich von ihnen erwarte, es aber die Geschichte nach vorne bringt. Schade, dass das nicht immer im Einklang ist.

Gleichzeitig, auch wie beim letzten Mal, schafft Reeve es auch dieses Mal, seine Welt wieder zu erweitern und zu verfeinern. Das ist ziemlich cool, wie er die Lücken in der Vergangenheit dazu nutzt, immer neue Erzählstränge herauszuarbeiten.

Besonders in diesem Buch wird deutlich, dass die großen Spannungen die zwischen Menschen sind, ganz unabhängig von ihrem Setting. Nur legt Philip Reeve eben noch eine wunderbar faszinierende Welt drauf. Und mit Robert Frank habe ich eine Stimme im Ohr. Ohne zu wissen, um was es im nächsten Band geht, ich freue mich drauf.

Mortal Engines – Der grüne Sturm von Philip Reeve, übersetzt von Gesine Schröder und Nadine Püschel, wurde gesprochen von Robert Frank und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Fake von Frank Rudkoffsky

Eine Katze!

Der erste Satz aus Fake

Sophia und Jan haben jeweils ihre Träume, jeweils die Dinge, die sie noch erreichen wollen und sie haben Max, ein gemeinsames Kind, das alles ändert. Und dann findet jede und jeder für sich heraus, wie toll es ist, dass man im Internet anonym sein kann.

Sophia und Jan sind abwechselnd Protagonistin und Protagonist und ich weiß nicht, ob oder wann ich je eine so schmerzhafte und sich real anfühlende Beschreibung einer jungen Mutter gelesen habe. Der Körper nach der Tortur der Geburt und den Bedürfnissen eines Babys, die Angst vor dem Leben, dass jetzt (erstmal?) nichtmehr zu leben ist. Krass.

Und dann ihre Entscheidung, über das Internet Wut und Frust abzulassen. Nicht meine Entscheidung und auch keine, die ich gut finde, aber ich kann sie nachahnen.

Jan hat andere Gründe und ähnlich nachvollziebare Handlungen. Frank Rudkoffsky spielt das Paar so gegeneinander aus, dass ich bei beiden Seiten mitfühlen kann, sie am liebsten anschreien möchte, bitte miteinander zu reden. Und sehr gespannt bin, wie die unausweichliche Tragödie ihren Lauf nimmt.

Tatsächlich lässt Frank es gar nicht zum großen Knall kommen, sondern schafft eine Wende zu einem schalen Happy End, das mich zuerst frustriert, dann noch lange über das Ende grübeln lässt. Weil es weniger Geschichte als Realität abbildet. Es erinnert mich an das Ende von „Die Reifeprüfung“.

Rudkoffsky schreibt nüchtern, greifbar und so, dass ich berührt werde. Schafft es, dass ich mir über manche Dinge und Verhaltensweisen nochmal Gedanken machen muss, weil ich durch ihn an die Grenzen meiner bisherigen Vorurteile komme. Ich bin gespannt, welchem Thema sich Frank in seinem nächsten Buch annehmen wird.

Fake von Frank Rudkoffsky erschien bei Voland & Quist. Der Autor hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Wie man ein Auto baut von Adrian Newey

Ich wusste vorher nicht, wer Adrian Newey ist, ich bin auch kein Fan von Formel 1. Für mich sehen die Fahrzeuge jedes Jahr gleich aus und ich habe nie verstanden, wo der Spaß daran ist, anderen Menschen beim ewigen Rundenfahren zuzusehen.

Aber ich bin begeistert von Autos und Technik und will verstehen, wie Dinge funktionieren.

Schon im Vorwort wird klar, dass Newey einen ähnlichen Antrieb hat: Die Dinge verstehen und sie verbessern. Zu verstehen, wie Regeln funktionieren und wie man innerhalb derer das volle Potenzial schöpfen kann. Also erzählt er anhand der Autos, die er im Laufe seines Lebens konstruiert hat, sein Leben.

Manchmal waren mir technische Dinge ohne die passende Zeichnung zu komplex und ich weiß nicht, ob ich gern mit Newey arbeiten würde, aber die Geschichte, die er erzählt, ist gut geschrieben und sie unterhält mich nicht nur, sie bringt mir noch einige neue Sachen bei. So lese ich auch gerne 420 große Seiten.

Klar, für jemanden mit Wissen und Begeisterung für Formel 1 funktioniert das Buch wahrscheinlich noch besser. Aber selbst für mich und jeden anderen Menschen mit einem Grundinteresse für Technik und Verbesserung erzählt Newey (zusammen mit seinem Ghostwriter Andrew Holmes) Dinge, über die ich mich gefreut habe. Ohne etwas darüber sagen zu können, wie technisch sauber die erzählten Dinge sind.

Das Buch selbst sieht von außen leider am besten aus. Während das Cover wirklich schön gestaltet ist, kommen der Satz und das Design im Inneren da nicht ran. Und zumindest in der ersten Auflage auf Deutsch finden sich im Text, aber auch in den Zeichnungen ein paar Fehler, die ich sich hoffentlich mittlerweile ausgemerzt haben.

Wie man ein Auto baut von Adrian Newey und Andrew Holmes wurde übersetzt von Martin Bayer und erschien bei Pantauro. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Miami Punk von Juan S. Guse

Erleuchtet sind die Straßenzüge der einsamen Stadt, gewaltsam errichtet auf tropischem Sumpf.

der erste Satz aus Miami Punk

Als ich das Cover sah und den Klappentext las, dachte ich, will ich lesen. Besonders ohne Schutzumschlag strahlt das Buch samt Titel etwas sehr verführerisches aus.

Das Meer zieht sich von Miami zurück und die Stadt liegt auf dem Trockenen. Ein halbes Dutzend Protagonisten kämpfen sich durch ihre eigene Version der Realität und Guse schreibt sie nieder. Manchmal ineinander verzweigt, manchmal fragmentarisch und unabhängig. Juan S. Guse macht es mir nicht leicht und obwohl ich das Buch in knapp einer Woche am Stück lese, muss ich zurückblättern und gucken, ob ich irgendwas überlesen habe, weil manche Dinge ganz komisch zum ersten Mal auftauchen.

Ich muss an David Foster Wallace denken und an Joshua Cohen und was für die beiden gilt, greift auch hier: Es ist ein anstrengendes Buch und nicht immer weiß ich, wo ich bin oder was ich davon halten soll, aber ich werde belohnt: Mit Unterhaltung, mit Ideen, mit Schmunzeln und Trauer und mit neuem Wissen. Wobei ich immer wieder nachschlagen muss, was so auch bei Wikipedia steht und was Guse sich ausgedacht hat. (Was nicht bedeutet, dass diese Sachen ein und dasselbe sein könnten.) Ich bin sehr gerne in dieser Welt.

Ich bin ziemlich froh, dass Verlage wie S. Fischer heute noch solche Bücher machen, die garantiert kein großes Publikum erreichen. Aber die es erreicht, die sind dankbar drum.

Leider nur, mal abgesehen vom Design, wird Haptik des Buches nicht dem Inhalt gerecht. Der Einband und auch die Klebebindung fühlen sich an wie die Club Bertelsmann Lizenzausgaben von vor 20 Jahren. Das ist schade. Ich hätte dem Buch mehr gegönnt.

Miami Punk von Juan S. Guse erschien bei S. Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.