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Schlagwort: Review (Seite 1 von 30)

Buch: Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.

Der erste Satz aus Unter der Drachenwand

Veit wird im zweiten Weltkrieg verwundet und kommt nach Mondsee (unter der Drachenwand), um zu gesunden und vom Krieg eine Auszeit zu haben.

Dort trifft er auf die kauzigen Individuen einer Gemeinschaft, die auf ihre eigene Art vom Krieg betroffen sind: Seine Quartiersfrau, der Gärtner, den alle nur den Brasilianer nennen, und sein Onkel, der Kommandant im Ort. Veit ist nicht der Einzige, der hier Schutz und Ruhe sucht, im Dorf sind auch eine Gruppe an Schülerinnen aus Wien und die Darmstädterin mit ihrem frisch geborenen Kind, die ihm Zimmer neben ihm wohnt.

In diesen Umständen zimmert er sich ein Leben zurecht, aus dem er nicht so schnell wieder wegwill. Aber der Krieg lässt niemanden los.

Arno Geiger erzählt nicht nur das Schicksal von Veit, sondern webt mit Briefen noch weitere Geschehnisse mit ein: Das Leben im Luftschutzkeller in Darmstadt, ein exemplarisches Schicksal einer jüdischen Familie oder die junge Liebe einer Schülerin.

Ich brauchte eine Weile, bis ich in der Sprache war, bis ich Veit folgen konnte. Irgendwann kannte ich ihn, konnte mit Veit zumindest bis zu einem gewissen Grad mitfühlen, verstand seine Motivation und wieso er tat, was er tat. Und irgendwann mochte ich auch die Sprache und die Bilder.

Aber bis zum Ende blieb der Roman über große Strecken zäh. Und so beklemmend die Briefe aus dem Luftschutzbunker oder aus der Sicht der jüdischen Familie beschrieben werden, leider ist das die Art, wie sehr oft über diese Zeit berichtet wird. Was es nicht schlechter macht, aber bei mir Ermüdungserscheinungen hervorgerufen hat.

Was mich tatsächlich aufgeregt hat, war die gefühlt verzweifelte Anstrengung, zu verbergen, dass Veit ja eigentlich ein Nazi ist. Begriffe wie Hitler und der Führer werden vermieden und nicht ausgeschrieben, der Hitlergruß wird nie so genannt und bis fast zum Ende enthält sich Veit einer Positionierung.

Ich verstehe, dass dies damals vielleicht die realistischste Art war, mit Nazis umzugehen, wenn man nicht ganz auf ihrer Seite war, aber sich nicht traute, sich offen gegen sie zu stellen. Aber in einem Roman aus der Ich-Perspektive will ich dann nicht nur die Handlungen und nach außen getragenen Haltungen interpretieren müssen, ich will wissen, wie Veit darüber denkt. Und das verbietet er mir.

Ich mochte einige Momente und Stellen in diesem Roman, aber ich musste viel Energie aufbringen, um sie herauszuarbeiten. Ich kann nicht abschätzen, ob sich das gelohnt hat.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger erschien bei Hanser. Mir wurde im Rahmen von Stuttgart liest ein Buch ein Exemplar zur Verfügung gestellt.

Hörspiel: Die drei Sonnen von Cixin Liu

Hier in Deutschland ist Cixin Liu (oder Liu Cixin, nach chinesischer Schreibweise mit dem Familiennamen vorne) noch unbekannt, in den vereinigten Staaten nimmt er gerade Fahrt auf und hat für Die drei Sonnen als erster chinesischer Autor den Hugo-Award gewonnen, den Oscar für Sciene-Fiction/Fantasy-Literatur. Der Roman ist der erste der Trisolaris-Triglogie: Der erste Kontakt mit Außerirdischen geht ziemlich schief, die Trisolarier leben in einem sterbenden System und sie sind auf dem Weg zur Erde, um sie zu übernehmen.

Die Geschichte beginnt in den 1960ern in China, bei den ersten Versuchen, Kontakt mit Außerirdischem Leben aufzunehmen.

Ich muss mich erstmal an die fremden Namen gewöhnen und an die zum Teil fast nachrichtenartige Anmutung des Hörspiels. (Hörprobe) Ich freue mich, wie innovativ Hörspiele heute sein können, wie sie auf ihre eigene Art komplexen und verwirrenden Inhalt spannend und einfach zusammenfassen.

Fünf Stunden lang tauche ich in die Welt der Trisolarier ein, intelligente Unterhaltung, bei der es nicht nur um Raumschiffe und Aliens geht, sondern um das Wesen der Menschheit und unsere Zukunft.

Die drei Sonnen ist keine Geschichte, die man sofort versteht und der man leicht folgen kann. Man bekommt einige lose Enden, die erst im Laufe der Zeit zusammenführen. Und dann, wenn man alles hat und es richtig losgeht, ist die Geschichte auch fast schon wieder zu Ende. Glücklicherweise nur Teil 1 von 3.

Die drei Sonnen von Cixin Liu wurde übersetzt von Martina Hasse und erschien bei Heyne. Das Hörspiel wurde produziert von WDR und NDR und erschien bei Random House Audio.

Buch: Multiple Choice von Alejandro Zambra

Kreuzen Sie bei Übung 1 bis 24 das Wort an, das sinngemäß nicht zum Oberbegriff oder zu den anderen Wörtern passt.

der erste Satz aus Multiple CHoice.

Ich habe bisher nichts von Alejandro Zambra gelesen und ich sah und mochte das Cover von Anfang an, aber dachte, dass sich dahinter Lyrik befindet, mit der ich nie so viel anfangen kann.

Stattdessen macht Zambra hier weder Prosa, noch Lyrik. Er nutzt den chilenischen Zulassungstest für Universitäten als Vorlage für ein poetisches Spiel.

Ich habe Zambra und sein Buch ernst genommen, mich mit Stift an das Buch gesetzt und die ‚Aufgaben‘ tatsächlich gelöst. Oft angekreuzt, manchmal kommentiert, manchmal erweitert. Dabei geht es nicht nur um das Ausstreichen von Worten, sondern auch um überflüssige Sätze, die Reihenfolge von Sätzen innerhalb eines Textes, Lückentexte und Leseverständnis.

Multiple Choice ist ein schmales Buch, aber es ist intensiv, und ernst und nachdenklich und gleichzeitig extrem witzig und intelligent gemacht.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so sehr mit einem Buch auseinandergesetzt, habe einen Inhalt so sehr verarbeitet und gleichzeitig so viel über mich selbst gelernt.

Nicht nur Zambra und Chile sind mir nahe gekommen, sondern eben auch ich mir selbst. Ein wunderschönes Beispiel, was Literatur auch heute noch leisten kann und eines meiner Highlights diesen Jahres.

Multiple Choice von Alejandro Zambra wurde übersetzt von Susanne Lange und erschien bei Suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Boy Erased von Garrard Conley

John Smid stand aufrecht, Schultern breit, strahlender Blick durch eine dünn geränderte Drahtgestellbrille, am Leib die Kakihosen und das gestreifte Button-down-Hemd, die zur Standarduniform für evangelikale Männer im ganzen Land geworden sind.

Der erste Satz aus Boy Erased

Die autobiografische Erzählung von Garrard Conley, schwuler Sohn eines Baptistenpredigers, der von seinem Vater in ein religiöses Ex-Gay-Programm geschickt wird, eine sogenannte Reparativtherapie.

Die Verfilmung hat mir den Magen umgedreht und mich auf Menschen wütend gemacht, die im Namen eines Gottes, einer Religion, einer Bibel andere Menschen einschränken und unterdrücken.

Das Buch ist ungeordneter, weniger dramaturgisch aufbereitet, als der Film, manche Geschehnisse aus dem Film fehlen auch, dafür öffnet Conley sich komplett und lässt mich 330 Seiten lang ganz nah mitfühlen, wie es ihm geht. Das ist nicht so spannend aufgebaut, wie es der Film schafft, dafür kann ich nicht nur ihn besser nachvollziehen, sondern auch seinen Vater. Dessen Reise und Vergangenheit ist auch keine einfache. Das ist keine Entschuldigung für nichts, aber es macht ihn als Mensch greifbarer. Manchmal musste ich mich durch die Seiten quälen. Weil ich schon längst verstanden habe, Conley aber den Schmerz, die Unsicherheit, die Irritation, die Scham vollkommen auskostet und es mich wirklich verstehen lassen will.

Dazu das Buch selbst. Ich glaube, in einer Welt, die so voller Inhalte und Medien ist, wie die unsere, können Bücher nur dadurch gewinnen, dass sie nicht nur Überbringer von Geschichten und Kunst sind, sondern selbst auch Kunstwerke. Die Bücher des Secession Verlag sind dabei ganz vorne mit dabei. Das ist nicht nur ein Hardcoverbuch. Das ist ein mit Liebe gemachtes Werk, vom Papier über die Bindung, bis hin zur minimalistischen und extrem haptischen Gestaltung. Ich liebe es, dieses Buch in der Hand zu halten, es zu öffnen, in ihm zu lesen.

Boy Erased ist kein literarisches Meisterwerk. Aber es ist ein wichtiges und auf manche Weise auch wunderschönes Buch.

Boy Erased von Garrard Conley wurde übersetzt von André Hansen und erschien im Secession Verlag. Ich habe ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen.

Hörbuch: Der Outsider von Stephen King, gelesen von David Nathan

Das Zivilfahrzeug war ein unauffälliger, schon etwas älterer PKW, aber die breiten schwarzen Reifen und die drei Insassen verrieten, worum es sich handelte.

Der erste Satz aus der Outsider

Ein vergewaltigter und ermordeter Junge, ein Tatort voller Fingerabdrücke und DNA und eine ganze Menge Zeugen. Aus der Sicht der Polizisten ein ganz klarer Fall. Aber wir erleben diese Geschichte auch aus der Sicht des Verdächtigen und wissen, dass er es nicht war. Er kann es sogar beweisen.

Achtung, ab hier mögliche Spoiler.

Stephen King beginnt die Geschichte wie einen Krimi und mischt im Laufe des Buches das Kingesque immer weiter dazu. Eigentlich ja plump. Ich folge der Geschichte, weil ich wissen will, wie das bitte sein kann, dass der Verdächtige scheinbar an zwei Orten gleichzeitig war und nichts von der Tat weiß. Dass die Lösung etwas Übernatürliches beinhaltet, würde ich vielen anderen Autor*innen nicht verzeihen, würde mir dabei ausgetrickst vorkommen.

Aber es ist Stephen King und ich wusste, worauf ich mich einlasse. Und es funktioniert. Nicht nur, weil es Stephen King ist, sondern auch, weil in der Geschichten Protagonisten vorkommen, die noch ungläubiger sind als ich und ich spätestens mit ihnen langsam an das Übernatürliche heran tasten kann. Nicht, dass ich es brauche, aber ich könnte.

Regelmäßig habe ich bei Stephen King das Gefühl, dass er seine Sonderposition (Stephen King zu sein) nutzt, um Dinge auszuprobieren, die man als ’normaler‘ schreibender Mensch niemals bei einem Verlag durchkriegen würde. In diesem Roman spielt King mit den Erzählperspektiven. Nicht zum ersten Mal, beispielsweise hatte Der Buick mehrere Ich-Erzähler, die teilweise innerhalb eines Satzes wechselten. Diesmal schafft King es gerade durch die wechselnden Perspektiven, dass ich sowohl dem Polizisten, als auch dem Verdächtigen glaube, obwohl es gleichzeitig nicht sein kann.

Dazu kommen auch solche Sachen dazu, dass King einen Hauptprotagonisten in der erste Hälfte des Romans sterben lässt und in der zweiten Hälfte dafür eine Hauptprotagonistin einführt.

Ich habe nicht nur eine tolle Geschichte, ich werde in meiner Erwartung immer wieder gebrochen, auf verspielte und schöne Art. Und ich kriege es von David Nathan vorgelesen, was sich sowieso fast immer lohnt.

Eine Sache, die mich in der sonst sauberen Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt gestört hat ist der fast schon penetrante Verzicht des Genitivs. Ich kann verstehen, dass Protagonisten nicht zwingend einen Genitiv nutzen, aber in diesem Roman tut das auch der Erzähler. Wenn ich Herrn Kleinschmidt begegne, frage ich ihn, ob das Absicht war.

Ich lese nicht alle Bücher von Stephen King, einerseits aus Zeitmangel, andererseits, weil mich nicht alle Themen interessieren. Dieses hier ist großartig und funktioniert auch für Menschen, die noch nie Stephen King gelesen haben. Sofern sie mit Übernatürlichem leben können.

Der Outsider von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt, gesprochen von David Nathan und erschien bei Random House Audio. Der Roman erschien bei Heyne.