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Roman: Normale Menschen von Sally Rooney

Als Connell klingelt, macht Marianne die Tür auf.

Der erste Satz aus Normale Menschen

Mädchen trifft Junge. Sie aus dem reichen Haushalt, in dem seine Mutter als Hilfe arbeitet. Er beliebt, sie die Außenseiterin. Und als würde das nicht schon ausreichen, sind die beiden überhaupt nicht in der Lage, miteinander über ihre Gefühle zu reden.

Sally Rooney kann schreiben, keine Frage. Ein schnörkelloser, nüchterner Stil, den ich sehr mag. Und auch die Szenen und Gefühle, die sie beschreibt, kann ich nahahnen. Ich verstehe die Spannung zwischen Marianne und Connell und viele der Situationen kommen mir bekannt vor. Aber all das reicht für mich leider nicht aus, um einen ganzen Roman lang zu tragen.

Weil Rooney zwar die Situationen ändert, aber ihre Figuren nie den Anschein machen, sich dem wahren Problem zu nähern. Fast von Anfang an will ich die beiden an den Schultern packen und ihnen eindringlich sagen: Redet bitte einmal Tacheles miteinander. Kann ich natürlich nicht. Und passiert auch nicht. Stattdessen verfolge ich die Beziehung der beiden über Jahre hinweg und sehe immer lustloser dabei zu, wie sie nicht miteinander reden können.

Wahrscheinlich werde ich irgendwann noch mehr von Sally Rooney lesen. Aber so ganz kann ich die Begeisterung nicht verstehen.

Normale Menschen von Sally Rooney wurde übersetzt von Zoë Beck und erschien bei Luchterhand. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers

Ich habe noch nie so geweint.

Der erste Satz aus MEIN OPA, SEIN WIDERSTAND GEGEN DIE NAZIS UND ICH

Theo Hespers war Widerstandskämpfer, der letztendlich von den Nazis erhängt wurde. Und er ist der Opa von Nora Hespers, die sich seit ein paar Jahren mit ihrem Podcast „Die Anachronistin“ mit ihrem Großvater und den Parallelen zur heutigen Zeit beschäftigt. Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich ist sowas wie die Buchversion davon.

Auf rund 440 Seiten wechselt Nora zwischen der Geschichte ihres Großvaters damals und der Aufarbeitung dieser Geschichte und ihrer Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater.

Nora kommt vom Radio, sie weiß, wie sie diese Geschichte erzählen muss und wie sie mich berühren kann. In ihrer Flapsigkeit kommt es mir manchmal vor, als sitzen wir gemeinsam am Tisch und sie erzählt diese Geschichte. Auf Augenhöhe, voller Verletzlichkeit und ohne zu großen Pathos. Dadurch schafft sie es, mich diesem Thema auf ganz persönliche Weise nahe zu bringen.

Die eine Sache, die ich gern anders hätte, ist die Länge des Buches. Ja, große und chaotische Geschichte mit tausend losen Enden und Seitengeschichten. Besonders für Nora, sie sich seit Jahren mit dieser Geschichte auseinandersetzt. Sie weiß noch viel mehr, als sie schreibt. Aber ganz manchmal verliert sie sich doch in all dem Wissen und macht Nebenpfade auf, die alle interessant und wichtig sind, aber von der eigentlichen Geschichte ablenken. Ich schätze, um rund 50 Seiten hätte Nora mit ihrem Lektor das Buch kürzen können.

Aber immer noch: Eine wichtige Geschichte und ein wichtiges Buch, das mich auch über meine Großeltern und ihren Anteil in der Geschichte hat nachdenken lassen, das mir nur einen Tacken zu lang ist.

Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers erschien bei suhrkamp nova. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Nora und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Hörbuch: Blutige Nachrichten von Stephen King

Machen wir’s kurz: Seit knapp 20 Jahren lese (und höre) ich Stephen King und immer wieder bin ich neu begeistert. Dabei sind es manchmal knapp 1500 Seiten, manchmal nur 64. Blutige Nachrichten beinhaltet vier Novellen, und wie seit Jahren liest David Nathan auch diese. Allein seine Stimme bringt mich zurück in die Welten von Stephen King, der immer noch so extrem produktiv ist. Alle vier Geschichten sind mindestens gut und unterhaltsam, aber die kürzeste, Chucks Leben, ist sofort zu einer meiner liebsten Geschichten von King geworden.

Allein für diese lohnt sich diese Sammlung sehr. Und wie immer bei Stephen King: Je mehr du von ihm kennst, desto größer sind die Welten, die er baut. Hoffentlich tut er das noch eine ganze Weile.

Blutige Nachrichten von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und gelesen von David Nathan und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Zeit der Wildschweine von Kai Wieland

Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah.

Der erste Satz aus Zeit der Wildschweine

Leon ist Reisejournalist und nimmt den durchgeknallten Fotografen Janko mit auf eine Tour durch französische Lost Places – immer auf der Flucht vor dem eigenen Leben in der Provinz.

Schon im ersten Kapitel bettet Kai Wieland seinen Roman in Popkultur ein. Janko trägt sie als Tattoos über seinen ganzen Körper und Janko reagiert nie so, wie Leon oder wir es erwarten. Personalisierung des Zwiespalts, die sich durch Leon und den Roman zieht.

Kai Wieland erzählt klar und geradeheraus eine Geschichte, an die ich mich erst herantasten muss. Weil viel im ersten Drittel total gewöhnlich, fast überlesbar ist und ich mich wundere, was das da soll. Bis ich im zweiten Drittel – mitten in den fremden Ländern und Orten und zwischen faszinierenden Personen – verstehe, dass genau das „unser“ Problem ist. Unsere Begeisterung für Außergewöhnliches, die es uns erlaubt, uns vor den Dingen, die unsere Leben im Alltag prägen, wegzulaufen. Und dass es eben nicht nicht überlesbar ist, das erste Drittel. Sondern das, worauf es, wenn wir all die kurzen Kicks hinter uns lassen, ankommt.

Zeit der Wildschweine erzählt klar und schnörkellos den Zwiespalt zwischen Abenteuer und Alltag und wie der eine oder die andere damit umgehen.

Zeit der Wildschweine von Kai Wieland erschien bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Kai und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Lux von Olivia Kuderewski

Wenn man in den Westen fährt, hat man die Sonne jeden Morgen im Rücken.

Der erste Satz aus Lux

Mir strahlt ein schwarzweißes, wunderschönes Cover entgegen, unten baumelt das Lesebändchen heraus und weil ich das Buch gerade schon einmal in meinen Händen gedreht habe, weiß ich von dem gelben Farbschnitt. Ich schlage es auf, das Papier fühlt sich rau und wertig an und ab dem ersten Satz zieht Olivia mich in ihren Roman.

Die Geschichte von Lux und ihrem Versuch, durch diese lang geplante Reise wieder zu Sinnen zu kommen. Die Vergangenheit bröckelt durch Halbsätze in die Geschichte und ich ahne, wie groß die Erwartungen und der Respekt vor dieser Reise sind, diesem Trip durch die USA, die Lux nur aus Träumen und hochauflösenden Bildern kennt und schon im ersten Kapitel ist das alles schon nicht mehr so gut, wie Lux es sich erhofft hat. Als Kat dann dazukommt, ist das wie ein Hoffnungsschimmer und ein großer Schritt Richtung Abgrund zugleich.

Ich liebe Olivias Schreibe, ihren Sound und ihre Beschreibungen. Was ich überhaupt nicht mag, ist die zerstörerische Kraft, die Lux und besonders Kat inne haben. Manchmal habe ich fast gegen meinen Willen weitergelesen, weil ich zwar wissen will, wie es weitergeht, gleichzeitig aber nichts mit dieser Welt zu tun haben will. Dieses Dilemma zieht sich bis kurz vor Ende des Buches, bis ich irgendwann Mitleid für die beiden empfinde, immer noch gemischt mit Widerwillen. Und dann ist es rum. Schade, weil großartige Sprache und Schreibe. Aber froh, weil ich diese beiden allein lassen kann.

Lux ist ein krasser Ritt mit tollen Bildern und sehr feiner Sprache, aber durch eine Welt, die nicht meine ist.

Lux von Olivia Kuderewski erschien bei Voland & Quist, der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Olivia und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.