Schlagwort: Rezension (Seite 1 von 44)

Roman: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Vielleicht liegen noch viele Jahre vor ihm, vielleicht nur noch ein paar.

Der erste Satz aus gehen, ging, gegangen.

Als Gehen, ging, gegangen 2015 rauskam, wusste ich irgendwann, dass es in dem Buch um Geflüchtete geht. Ich wollte nicht noch ein Buch über das Schicksal und Trauma einer Familie lesen und das Cover hat mir auch überhaupt nicht gefallen. Dazu kam, dass es ganz viele ganz überschwängliche Meinungen zu dem Buch gab, was mich manchmal eher abschreckt, etwas zu lesen, zu gucken, zu hören.

Aber dann war ich ohne genügend Lesestoff unterwegs und ziehe neben funny girl auch dieses Buch aus dem Bücherschrank und denke, warum nicht.

Richard ist emeritierter Professor, verwitwet und hat nichts mehr zu tun, als er auf die Gruppe an Geflüchteten aufmerksam wird, die am Alexanderplatz in einen Hungerstreik gegangen sind. Er versteht nicht ganz, was da passiert und warum sie sich so verhalten. Aber er hat ja Zeit, warum das nicht als Forschungsprojekt angehen?

Das Spannende an Gehen, ging, gegangen ist genau dieses Setting. Erpenbeck geht (erstmal) nicht den Weg der größten Emotionalität, sondern lässt Richard sich genau die Fragen stellen, die sich wohl viele gestellt haben. Nur dass Richard sich tatsächlich mit den Geflüchteten auseinandersetzt, stellvertretend für uns.

Ich hatte mit dem Anfang des Romanes meine Schwierigkeiten. Einerseits war er ganz anders, als ich dachte. Andererseits wollte ich ja eigentlich keinen Roman über einen sehr deutschen Rentner lesen. Aber mit ihm kommen wir den jungen Männern nahe, die er besucht und mit denen er seine Gespräche führt. Kommen ihren Erfahrungen, ihren Träumen und ihrem Wesen näher. Auf eine Art, wie ich es nie erwartet habe. Weil ich dem alten Rentner irgendwie doch ähnlicher bin als ich dachte.

Leider ist Erpenbecks Buch immer noch aktuell. Eine Geschichte über Menschlichkeit, wie sie uns im Alltag verlorengeht und wie wir sie wieder finden können.

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck erschien bei unterschiedlichen Verlagen, die Taschenbuchausgabe bei Penguin. Bücherschrankfund.

Roman: Mittnachtstraße von Frank Rudkoffsky

Mit sieben passten seine Beine noch quer unter den Tisch, und er konnte gerade so aufrecht sitzen, es war zwar höllisch unbequem, aber immerhin ein sicheres Versteck.

Der erste Satz aus Mittnachtstraße

Sein Job macht ihn fertig, seine Familie ist gerade nur Ballast und keine Freude mehr und jetzt kommt raus, dass sein cholerischer Vater demenzkrank ist. Und Malte muss da irgendwie durch. Was bedeutet, ziemlich weit zurück in die Vergangenheit zu gehen, um ganz alte Dinge endlich zu klären. Was nie leicht ist.

Frank Rudkoffsky erzählt mit Mittnachtstraße eine Geschichte über Familie und Väter und toxische Beziehungen und Dinge, die alte Menschen gern „Tradition“ nennen. Und das ganze in einem Schrebergarten, was mich erstmal ziemlich abgeschreckt hat, weil das so gar nicht meine Szene ist. Aber Rudkoffsky erzählt frisch und modern, post-pandemisch mit so vielen kleinen Details, bei denen ich denke, „ja, ich auch!“, sodass das Setting für mich dann doch ziemlich gut funktioniert. Es ist ein Kammerspiel zwischen Schrebergarten und Klimawandel, zwischen Vater sein und immer im Schatten des eigenen stehen, klar und eindrücklich erzählt.

Mittnachtstraße von Frank Rudkoffsky erschien bei Voland & Quist. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Frank und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: funny girl von Anthony McCarten

Ich heiße Azime. Naja, eigentlich nicht. Den Namen habe ich geändert, damit meine Eltern nicht so viele neue Fensterscheiben bezahlen müssen.

Die ersten drei Sätze aus funny girl.

Azime ist Anfang 20, lebt in London und ist eigentlich aufgeklärter und freier, als es ihre kurdischen Eltern gerne hätten. Aus diesem Käfig macht Azime wortwörtlich eine Bühne, zieht sich eine Burka über und stellt sich auf Comedy-Bühnen.

McCarten schreibt flüssig und schnell und unterhaltsam, ich hab den Roman in zwei Zügen durchgehabt. Und irgendwie geht es auch um dieses heikle Thema. Aber so richtig traut sich McCarten dann doch nicht ran. Ich hatte bis zum Ende das Gefühl, dass wir am Rand dieses Dilemmas entlangschrabben, als es wirklich durchzuspielen.

funny girl macht Spaß und bringt mir das Zwischen den Welten und Kulturen-Dilemma nochmal näher. Aber so tief und berührend, wie der Grundkonflikt sein könnte, wird der Roman leider nie.

funny girl von Anthony McCarten wurde übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié und erschien bei Diogenes. Bücherschrankfund.

Roman: Candy Haus von Jennifer Egan

„Weißt du, wonach ich mich sehne?“, fragte Bix, während er, wie üblich vor dem Schlafengehen, neben dem Bett Schultern und Wirbelsäule dehnte.

Der erste Satz aus Candy Haus

Vor zehn Jahren habe ich mein erstes Buch von Jennifer Egan gelesen, A visit from the goon squad. Ich war begeistert damals, von den Geschichten und der Art, wie Jennifer Egan sie erzählt. Jetzt ist Candy Haus draußen, quasi eine Fortsetzung. Was aber bei dieser Art von Buch nicht so einfach zu sagen ist. Wie schon beim Goon Squad geht es nicht um eine Geschichte, sondern um einen ganzen Haufen Charaktere und wie ihre Leben miteinander verwoben sind. Dabei gibt Egan jeder ihrer Figuren eine eigene Stimme, eine eigene Art, ihre Geschichte zu erzählen. Manchmal fühlt es sich mehr an, eine Sammlung an Kurzgeschichten zu lesen statt eines Romanes. Manche Kapitel taugen mir mehr als andere, aber alle sind miteinander verwoben. Was bedeutet, ich lese nicht nur ein Buch, ich muss die Story in meinem Kopf zusammenpuzzeln, immer auf der Suche, nach dem nächsten Teil und wo es hinpasst.

Candy Haus ist kein Spaziergang und schon gar keine Rolltreppe. Dieses Buch ist gewundener Pfad, dessen Boden sich immer wieder ändert und mich ein paar Mal herausgefordert hat. Es ist manchmal anstrengend, dran zu bleiben, aber es lohnt sich. Manche Kapitel sind relativ klar und simpel geschrieben, an die Erzählformen anderer musste ich mich erst gewöhnen. Und die wunderbare Kurzgeschichte Black Box, die Jennifer Egan zuerst auf Twitter veröffentlicht hatte, ist hier ein Kapitel zwischen den anderen und webt sich genauso in diese Welt ein. Auch wenn man A visit from the goon squad nicht gelesen hat, ist Candy Haus ein wunderbares, verzweigtes Universum, in das wir aus verschiedenen Winkeln hineinschauen dürfen. Das hätte ich gern noch viel länger gemacht.

Candy Haus von Jennifer Egan wurde übersetzt von Henning Ahrens und erschien bei S.Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Haha Heartbreak von Olivia Kuderewski

Der Moment, in dem ich mich in dich verliebt habe, war richtig dämlich.

Der erste Satz aus haha Heartbreak

Mädchen verliert Jungen, den sie wirklich geliebt hat. Und muss irgendwie darüber hinweg kommen. Das erzählt Olivia in ihrem zweiten Roman. Nicht mehr. Aber das erzählt sie so eindrücklich und direkt, so bildhaft und schnell, dass ich ab der ersten Seite drin bin und mitleide. Es gibt Romane, die mir eine neue Welt und Sichtweise eröffnen. Und es gibt Romane, die mir das Gefühl geben, dass ich nicht alleine bin. Haha Heartbreak ist zweiteres, auf die beste intensive Art, nicht immer schön, aber extrem ehrlich. Schon der Debütroman Lux war schnell und direkt erzählt, aber damals konnte ich nicht wirklich was mit der Welt anfangen und wollte diese Sichtweise gar nicht kennenlernen. Jetzt denke ich andauernd, „ja, ich kenne das, ich hätte das aber so nie formulieren können“.

Knapp 160 Seiten voller Liebe und Sehnsucht, so dreckig und ehrlich, dass es wehtut, im besten Sinn. Bitte mehr davon.

Haha Heartbreak von Olivia Kuderewski erschien bei Voland & Quist. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Olivia und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.