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Hörbuch: Es kann nur eine geben von Carolin Kebekus

Wenn ein Kind geboren wird, fragt man immer zuerst nach dem Geschlecht.

der erste Satz aus Es kann nur eine geben

Ich kannte ein paar Sachen von Caroline Kebekus und wusste, da kommt dieses Buch, das Cover hat ich aber ziemlich abgeschreckt. Aber Cover ist ja nicht alles. Und ich hatte gerade Aminata Touré und Alice Hasters gehört und war gespannt, was Carolin Kebekus erzählen würde.

Und das kann sie: erzählen. Sie ist es gewohnt, auf der Bühne zu stehen, sie ist witzig und sie kann gnadenlos ehrlich mit ihren eigenen Ängsten und Problemen sein. All das packt sie in dieses Buch.

Ich liebe es, wie Caroline mich in ihre Welt mitnimmt, und diese These klar macht: Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der zwar auch Frauen an der Spitze sind, aber immer jeweils nur eine. Es braucht nur eine (positiv besetzte) Frau neben Jesus, nur eine Frau in einer Comedy-Show, nur eine Frau in einem Aufsichtsrat. Was dazu führt, dass Frauen nicht mehr mit Männern konkurrieren, sondern mit anderen Frauen um diesen einen Platz kämpft. Was uns Männern natürlich zugute kommt.

Eine Mischung aus Geschichte und eigener Biographie, immer mit einem Lächeln erzählt. Bis auf die Momente, wo kein Lächeln angebracht ist. Wo es ernst wird. Und dann schmerzt es auch manchmal, ihr zuzuhören. Im besten Sinn. Ich hab gelacht und viel gelernt und denke immer noch oft an das, was Caroline Kebekus erzählt.

Immer noch: Sie kann erzählen, sie ist witzig und kurzweilig und bringt ihre wichtigen Themen leicht rüber. Und die Leute kennen sie schon. Das macht es leicht, ihnen dieses Hörbuch in die Hand zu drücken und zu sagen, hör mal rein. Hab ich jetzt schon ein paar Mal gemacht.

Es kann nur eine geben von Carolin Kebekus und Mariella Tripke, gelesen von Carolin Kebekus, erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Wir können mehr sein von Aminata Touré

Es war ein großer Tag und ich stand ratlos vor dem Schrank.

Der erste Satz aus Wir können mehr sein.

Ich habe Aminata Touré in einem Podcast kennengelernt und ich mochte ihr Erzählen, ihre Art, ihre Ansichten. Natürlich höre ich mir dann auch das Hörbuch an.

Aminata Touré war bis 2022 Mitglied und Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages. Seit dem 29. Juni 2022 ist sie Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung und damit Deutschlands erste afrodeutsche Ministerin. Aber so weit geht das Hörbuch gar nicht. Es erzählt ihre Geschichte bis etwa Anfang 2021. Besser gesagt, Aminata Touré selbst erzählt sie, und anders hätte das bei so einem Buch auch nicht funktioniert.

Aminata Touré ist ein wenig jünger als ich, ist eigentlich in einem ähnlichen Deutschland aufgewachsen. Und an so vielen Stellen überhaupt nicht. Ihr mehr als 6 Stunden zuzuhören, erweitert meine Wahrnehmung und macht Dinge greifbar, die ich vorher nicht verstanden habe. Jetzt ist Aminata Touré also die erste afrodeutsche Ministerin und ich denke, wir werden noch mehr von ihr hören. Das nutzt sie, um beispielhaft für viele andere zu stehen. Das ist gut und wichtig, genauso wie dieses Buch.

Was leider von Anfang an auffällt, dass Aminata Touré im Podcast beispielsweise sehr gut erzählen kann, aber nicht vorlesen. So wichtig und teilweise auch emotional der Inhalt ist, es bleibt immer nur okay vorgelesen. Was für sich total in Ordnung wäre, diese Frau ist Politikerin, die reden kann, sie muss nicht die beste Vorleserin sein. Leider hat sich Argon (oder das Studio, das die Aufnahme gemacht hat) hier nicht die Mühe gemacht, die das Buch verdient hätte.

Achtung, es wird ein wenig technisch: Wie viele andere Menschen atmet auch Aminata Touré laut ein, bevor sie liest. Mit der richtigen Einstellung hätte man das locker in den Hintergrund mastern können. Leider ist aber das Gate so eingestellt, dass die erste Hälfte des Atmers abgeschnitten ist und die zweite Hälfte sehr laut hörbar, was einen ganz unnatürlichen Klang gibt. Zusätzlich hat niemand darauf geachtet, dass die Pausen sauber sind und dem Inhalt angepasst. Nach einem sehr emotionalen Absatz hätten wir Zuhörer:innen einen kurzen Moment der Pause verdient. Stattdessen geht es aber abrupt weiter, ganz andere Stimmung, ganz anderes Setting. Eindeutig geschnitten, gefühlt maschinell.

Inhaltlich immer noch ein gutes und wichtiges Buch und wahrscheinlich als Hörbuch auch stärker als selbstgelesen. Die Produktion ist leider nicht auf dem Niveau, wie ich sie von Argon erwarte.

Wir können mehr sein von Aminata Touré erschien beim Argon Verlag.

Kinderbuch: Die Ameise und der Frosch von Selim Özdogan, illustriert von Clara Sophie Klein

Der Frosch saß auf einem Stein und sonnte sich.

Der erste Satz aus Die Ameise und der Frosch

Ameise trifft auf Frosch und strengt sich wirklich an, den Frosch in ihr Weltbild zu bringen. Indem der Frosch auch eine Ameise ist. Aber Frosch sieht das anders.

Ich musste beim lesen an das kleine Ich bin Ich denken, wobei die Ameise und der Frosch etwas leichter sind, komischer in ihrer Situation und viel moderner illustriert. Ich liebe die Bilder, die Selim schafft und die Clara aufs Papier bringt. Sie sind hell und warm, verspielt und lebendig.

Von mir aus hätte dieses Ding zwischen Ameise und Frosch noch eine ganze Ecke länger gehen können, weil ich diese tänzelnde Art von Philosophie und Sicht auf die Dinge wirklich mag. Deshalb war mir das Buch zu abrupt vorbei. Aber ich bin auch ein bisschen über der eigentlichen Zielgruppe.

Selim Özdogan und Clara Sophie Klein haben eine schöne Geschichte über ungewöhnliche Freundschaften in wunderbare Bilder gepackt, die zumindest in meinem Kopf noch eine ganze Weile weiterging.

Die Ameise und der Frosch von Selim Özdogan, illustriert von Clara Sophie Klein, erschien bei Südpol. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Ich kenne Selim und Clara. Im besten Fall bin ich dadurch ehrlicher und unbarmherziger.

Roman: Billy Summers von Stephen King

Billy Summers sitzt in der Hotelhalle und wartet darauf, abgeholt zu werden.

Der erste Satz aus Billy Summers

Billy Summers ist Auftragskiller und entgegen des Klischees will er, dass bei seinem letzten Job alles glatt läuft. Was es natürlich nicht tut. Und dann wird da auch noch dieses vergewaltigte Mädchen in der Einfahrt seines Versteckes abgeladen, was die Dinge nur noch komplexer macht.

Stephen King produziert viel zu viel, als dass ich alles von ihm lesen könnte. Aber was ich lese, taugt mir meist sehr. Auch Billy Summers. Vielleicht habe ich den alten Mann in den mehr als 20 Jahren, in denen er mich begleitet, einfach sehr ins Herz geschlossen, ich mag, was er schreibt. Dabei macht er bei Billy Summers total viel voller Klischee und widersprüchlicher Dinge, trotzdem lese ich mich sehr schnell durch diese mehr als 700 Seiten. Und weil ich schon so viel von Stephen King von David Nathan gesprochen gehört habe, habe ich seine Stimme im Kopf, auch wenn ich selbst lese.

Billy Summers ist bei weitem nicht das beste Buch von Stephen King, aber es holt mich ab und lässt mich für eine Zeitlang komplett eintauchen und wie oft in den letzten Jahren überrascht mich King auch hier mit ein paar Kniffen, die er neu anwendet.

Der größte Wermutstropfen ist, dass King diesmal (ganz unüblich) die Entstehungsgeschichte weggelassen hat. Dafür hat er sie dem Esquire erzählt.

Billy Summers ist der typische letzte Job eines Auftragskillers, aber eben von Stephen King erzählt. Und das mache ich jedes Mal gerne mit.

Billy Summers von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuchtrilogie: Empire of Storms von J. Kelley Skovron, gesprochen von Matthias Lühn

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Käptan Sin Toa bereiste diese Meere schon seit vielen Jahren als Händler, und so etwas hatte er bereits gesehen. Das machte es nicht einfacher.

Der erste Absatz aus Empire of Storms 1 – Pakt der Diebe

Hope ist die einzige Überlebende ihres Dorfes und wächst in einem Kloster unter Kampfmönchen auf. Rache lässt sie nicht los. Red wächst als Waise in den Straßen einer Hafenstadt auf und will nur der beste Dieb der Welt werden. Bis er auf Hope trifft.

Ich finde die deutschen Cover ziemlich abschreckend und hätte die Reihe fast links liegen lassen, war dann aber vom Klappentext doch angetan. Also eingetaucht, knapp 16 Stunden später aus dem ersten Teil wieder aufgetaucht und gleich mit Teil 2 (18 Stunden) und Teil 3 (15 Stunden) weitergemacht. Skovron schafft eine wunderbare phantastische Welt und Charaktere, die mich in ihrer Skurrilität immer wieder an Terry Pratchett erinnern. Auch der Schreibstil hat etwas von Pratchett, manchmal voller Witz und krudem Humor, dann wieder Tiefe, die ich zwei Sätze vorher nicht erwartet habe. Im Laufe der drei Bücher faltet sich die Welt immer weiter auf und jetzt, wo es vorbei ist, habe ich Sehnsucht. Wie nach einem langen Urlaub in einem fremden Land.

Wie es bei guter Fantasy der Fall sein sollte, gibt es auch hier die Parallelen zu unserer Welt und der Zeigefinger auf ein paar unserer Probleme. Vom Patriarchat über die Rolle der Kirche bis zur Stellung der Frau. Inklusive einer Trans-Figur, die im Laufe der Reihe quasi zum dritten Hauptcharakter heranwächst. Als ob Skovron selbst sich freigeschrieben hat: Steht an vielen Stellen (auch auf den Covern der Reihe) noch der alte Name, sind die Webseite und die sozialen Medien unter J. Kelley Skovron zu finden.

Empire of Storms ist eine großartige Reihe, die ich wirklich extrem gerne gehört habe.

Pakt der Diebe, Schatten des Todes und Schwur der Kriegerin von J. Kelley Skovron wurden übersetzt von Michelle Gyo, gesprochen von Matthias Lühn und erschienen beim Ronin Hörverlag. Der Verlag hat mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.