Schlagwort: Rezension (Seite 2 von 42)

Buch: Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers

Ich habe noch nie so geweint.

Der erste Satz aus MEIN OPA, SEIN WIDERSTAND GEGEN DIE NAZIS UND ICH

Theo Hespers war Widerstandskämpfer, der letztendlich von den Nazis erhängt wurde. Und er ist der Opa von Nora Hespers, die sich seit ein paar Jahren mit ihrem Podcast „Die Anachronistin“ mit ihrem Großvater und den Parallelen zur heutigen Zeit beschäftigt. Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich ist sowas wie die Buchversion davon.

Auf rund 440 Seiten wechselt Nora zwischen der Geschichte ihres Großvaters damals und der Aufarbeitung dieser Geschichte und ihrer Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater.

Nora kommt vom Radio, sie weiß, wie sie diese Geschichte erzählen muss und wie sie mich berühren kann. In ihrer Flapsigkeit kommt es mir manchmal vor, als sitzen wir gemeinsam am Tisch und sie erzählt diese Geschichte. Auf Augenhöhe, voller Verletzlichkeit und ohne zu großen Pathos. Dadurch schafft sie es, mich diesem Thema auf ganz persönliche Weise nahe zu bringen.

Die eine Sache, die ich gern anders hätte, ist die Länge des Buches. Ja, große und chaotische Geschichte mit tausend losen Enden und Seitengeschichten. Besonders für Nora, sie sich seit Jahren mit dieser Geschichte auseinandersetzt. Sie weiß noch viel mehr, als sie schreibt. Aber ganz manchmal verliert sie sich doch in all dem Wissen und macht Nebenpfade auf, die alle interessant und wichtig sind, aber von der eigentlichen Geschichte ablenken. Ich schätze, um rund 50 Seiten hätte Nora mit ihrem Lektor das Buch kürzen können.

Aber immer noch: Eine wichtige Geschichte und ein wichtiges Buch, das mich auch über meine Großeltern und ihren Anteil in der Geschichte hat nachdenken lassen, das mir nur einen Tacken zu lang ist.

Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers erschien bei suhrkamp nova. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Nora und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Hörbuch: Blutige Nachrichten von Stephen King

Machen wir’s kurz: Seit knapp 20 Jahren lese (und höre) ich Stephen King und immer wieder bin ich neu begeistert. Dabei sind es manchmal knapp 1500 Seiten, manchmal nur 64. Blutige Nachrichten beinhaltet vier Novellen, und wie seit Jahren liest David Nathan auch diese. Allein seine Stimme bringt mich zurück in die Welten von Stephen King, der immer noch so extrem produktiv ist. Alle vier Geschichten sind mindestens gut und unterhaltsam, aber die kürzeste, Chucks Leben, ist sofort zu einer meiner liebsten Geschichten von King geworden.

Allein für diese lohnt sich diese Sammlung sehr. Und wie immer bei Stephen King: Je mehr du von ihm kennst, desto größer sind die Welten, die er baut. Hoffentlich tut er das noch eine ganze Weile.

Blutige Nachrichten von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und gelesen von David Nathan und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Kinderbuch: Auch in Wolonien von Selim Özdogan

Komm, wir spielen Wolonien, sagt Nefeli.

Der erste Satz aus Auch in Wolonien

Bisher kannte ich Selim Özdogan als Autor „erwachsener“ Bücher. Seit DZ verfolge und lese ich Selims Werke, die ganz oft etwas mit vermeintlichen Grenzen, Zwischenwelten und der Frage nach Identität zu tun haben, in immer neuen Kontexten. Ich mag seine Gedankengänge und sein Spiel mit Worten und schätze seine Art, die Welt zu sehen.

Auch in Wolonien ist ein Kinderbuch, besser noch: ein Buch, das Kindern und Kindgebliebenen gut vorgelesen werden kann. Die Geschichte einer Familie mit zwei Kindern, die das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie erleben.

Selim erzählt die kurzen Kapitel meist aus Sicht der Kinder, Nefeli und Raviv, inklusive einer kindlichen Sicht auf die Welt, einer kindlichen Logik und einer kindlichen Spielfreude. Ganz viel des Perspektivwechsels, den ich auch in Selims anderen Roman erlebe, kommt dadurch in dieses Buch. Gleichzeitig aber ist es natürlich ganz nah an meiner Realität und meiner Zeit in der Pandemie. Selim hält sich nicht mit Ursachen oder Theorien auf, sondern beschreibt ganz nah und greifbar die Wirkung für Kinder und Familien. Wie auch in seinen anderen Büchern geht es hier um Grenzen, um Zwischenwelten, um die Frage, wie wir als Menschen eigentlich definiert werden. Nur eben mit einer anderen Zielgruppe. Wobei ich ahne, dass es natürlich auch um die Kinder geht, aber vielleicht sogar ein bisschen mehr um die Menschen, die Kindern dieses Buch vorlesen.

Ich verstehe vollkommen, dass dieses Buch gerade jetzt seine größte Wirkung entfalten kann und dass Selim es deshalb auf dem schnellsten Weg veröffentlichen wollte. Deshalb ist das nach knapp 25 Jahren sein erstes Buch, das er als Selfpublisher veröffentlicht. Leider macht sich das in der Form bemerkbar. Die Ausstattung, der Satz, das Lektorat: ich merke, dass das Team um dieses Buch ein wenig kleiner war und unter höherem Zeitdruck gearbeitet hat. Was dazu führen könnte, dass Menschen das Buch dadurch nicht so ernst nehmen, wie der Text es verdient hätte.

Auch in Wolonien ist eine tolle Vorlese-Geschichte, der ich aber ein wenig mehr Liebe in der Buchgestaltung gewünscht hätte.

Auch in Wolonien von Selim Özdogan erschien bei BOD – Books on Demand. Transparenz: Selim und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Später von Stephen King

Ich fange nicht gern mit einer Rechtfertigung an – wahrscheinlich gibt es dagegen sogar eine Regel wie die, einen Satz nie mit einer Präposition enden zu lassen -, aber nach dem Durchlesen der 30 Seiten, die ich bisher geschrieben habe, glaube ich, das tun zu müssen.

Der erste Satz aus Später

Über diesen Anfang musste ich erstmal hinwegkommen. Wie über den Titel, der sich mir bis jetzt nicht richtig erschließt. Aber dann.

Jamie kann tote Menschen sehen und mit ihnen reden, zumindest eine kurze Zeit nach ihrem Ableben. Als der größte Autor seine Mutter (Literaturagentin) zu früh stirbt, muss er aus ihm den Rest des letzten großen Romanes rausbekommen, bevor es zu spät ist. Damit geht’s los.

Stephen King nimmt die Idee von 6th Sense und spinnt sie weiter, auf seine Art. Seit knapp 20 Jahren lese ich ihn und ich bin regelmäßig begeistert, wie King immer wieder neu erzählt und ausprobiert. Gleichzeitig aber behält er einen eigenen Ton, der ganz oft auf Augenhöhe mit den Leser:innen ist, und er erzählt immer wieder aus einem verknüpften Universum: Je mehr ich von King kenne, desto toller funktionieren die Geschichten durch ihre Anspielungen und Referenzen.

Später war für mich ein Buch für einen Tag. Aufschlagen, über diesen komischen Anfang kommen, komplett eintauchen und ein paar Stunden später wieder zuschlagen. Ich mag Jamie, auch weil er mich an Kings andere junge Protagonist:innen erinnert. Ich mag auch die Geschichte, sie macht Spaß und Gänsehaut in richtigem Maß. War ein guter Tag dank des Buches. Es gibt noch ein paar bessere Geschichten von Stephen King, aber seit mehreren Jahrzehnten schafft er es immer wieder neu, mich zu überraschen und sehr gut zu unterhalten. Ich bin gespannt, was da noch kommt.

Später von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Zeit der Wildschweine von Kai Wieland

Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah.

Der erste Satz aus Zeit der Wildschweine

Leon ist Reisejournalist und nimmt den durchgeknallten Fotografen Janko mit auf eine Tour durch französische Lost Places – immer auf der Flucht vor dem eigenen Leben in der Provinz.

Schon im ersten Kapitel bettet Kai Wieland seinen Roman in Popkultur ein. Janko trägt sie als Tattoos über seinen ganzen Körper und Janko reagiert nie so, wie Leon oder wir es erwarten. Personalisierung des Zwiespalts, die sich durch Leon und den Roman zieht.

Kai Wieland erzählt klar und geradeheraus eine Geschichte, an die ich mich erst herantasten muss. Weil viel im ersten Drittel total gewöhnlich, fast überlesbar ist und ich mich wundere, was das da soll. Bis ich im zweiten Drittel – mitten in den fremden Ländern und Orten und zwischen faszinierenden Personen – verstehe, dass genau das „unser“ Problem ist. Unsere Begeisterung für Außergewöhnliches, die es uns erlaubt, uns vor den Dingen, die unsere Leben im Alltag prägen, wegzulaufen. Und dass es eben nicht nicht überlesbar ist, das erste Drittel. Sondern das, worauf es, wenn wir all die kurzen Kicks hinter uns lassen, ankommt.

Zeit der Wildschweine erzählt klar und schnörkellos den Zwiespalt zwischen Abenteuer und Alltag und wie der eine oder die andere damit umgehen.

Zeit der Wildschweine von Kai Wieland erschien bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Kai und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.