Schlagwort: Rezension (Seite 3 von 42)

Roman: Später von Stephen King

Ich fange nicht gern mit einer Rechtfertigung an – wahrscheinlich gibt es dagegen sogar eine Regel wie die, einen Satz nie mit einer Präposition enden zu lassen -, aber nach dem Durchlesen der 30 Seiten, die ich bisher geschrieben habe, glaube ich, das tun zu müssen.

Der erste Satz aus Später

Über diesen Anfang musste ich erstmal hinwegkommen. Wie über den Titel, der sich mir bis jetzt nicht richtig erschließt. Aber dann.

Jamie kann tote Menschen sehen und mit ihnen reden, zumindest eine kurze Zeit nach ihrem Ableben. Als der größte Autor seine Mutter (Literaturagentin) zu früh stirbt, muss er aus ihm den Rest des letzten großen Romanes rausbekommen, bevor es zu spät ist. Damit geht’s los.

Stephen King nimmt die Idee von 6th Sense und spinnt sie weiter, auf seine Art. Seit knapp 20 Jahren lese ich ihn und ich bin regelmäßig begeistert, wie King immer wieder neu erzählt und ausprobiert. Gleichzeitig aber behält er einen eigenen Ton, der ganz oft auf Augenhöhe mit den Leser:innen ist, und er erzählt immer wieder aus einem verknüpften Universum: Je mehr ich von King kenne, desto toller funktionieren die Geschichten durch ihre Anspielungen und Referenzen.

Später war für mich ein Buch für einen Tag. Aufschlagen, über diesen komischen Anfang kommen, komplett eintauchen und ein paar Stunden später wieder zuschlagen. Ich mag Jamie, auch weil er mich an Kings andere junge Protagonist:innen erinnert. Ich mag auch die Geschichte, sie macht Spaß und Gänsehaut in richtigem Maß. War ein guter Tag dank des Buches. Es gibt noch ein paar bessere Geschichten von Stephen King, aber seit mehreren Jahrzehnten schafft er es immer wieder neu, mich zu überraschen und sehr gut zu unterhalten. Ich bin gespannt, was da noch kommt.

Später von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Zeit der Wildschweine von Kai Wieland

Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah.

Der erste Satz aus Zeit der Wildschweine

Leon ist Reisejournalist und nimmt den durchgeknallten Fotografen Janko mit auf eine Tour durch französische Lost Places – immer auf der Flucht vor dem eigenen Leben in der Provinz.

Schon im ersten Kapitel bettet Kai Wieland seinen Roman in Popkultur ein. Janko trägt sie als Tattoos über seinen ganzen Körper und Janko reagiert nie so, wie Leon oder wir es erwarten. Personalisierung des Zwiespalts, die sich durch Leon und den Roman zieht.

Kai Wieland erzählt klar und geradeheraus eine Geschichte, an die ich mich erst herantasten muss. Weil viel im ersten Drittel total gewöhnlich, fast überlesbar ist und ich mich wundere, was das da soll. Bis ich im zweiten Drittel – mitten in den fremden Ländern und Orten und zwischen faszinierenden Personen – verstehe, dass genau das „unser“ Problem ist. Unsere Begeisterung für Außergewöhnliches, die es uns erlaubt, uns vor den Dingen, die unsere Leben im Alltag prägen, wegzulaufen. Und dass es eben nicht nicht überlesbar ist, das erste Drittel. Sondern das, worauf es, wenn wir all die kurzen Kicks hinter uns lassen, ankommt.

Zeit der Wildschweine erzählt klar und schnörkellos den Zwiespalt zwischen Abenteuer und Alltag und wie der eine oder die andere damit umgehen.

Zeit der Wildschweine von Kai Wieland erschien bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Kai und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Lux von Olivia Kuderewski

Wenn man in den Westen fährt, hat man die Sonne jeden Morgen im Rücken.

Der erste Satz aus Lux

Mir strahlt ein schwarzweißes, wunderschönes Cover entgegen, unten baumelt das Lesebändchen heraus und weil ich das Buch gerade schon einmal in meinen Händen gedreht habe, weiß ich von dem gelben Farbschnitt. Ich schlage es auf, das Papier fühlt sich rau und wertig an und ab dem ersten Satz zieht Olivia mich in ihren Roman.

Die Geschichte von Lux und ihrem Versuch, durch diese lang geplante Reise wieder zu Sinnen zu kommen. Die Vergangenheit bröckelt durch Halbsätze in die Geschichte und ich ahne, wie groß die Erwartungen und der Respekt vor dieser Reise sind, diesem Trip durch die USA, die Lux nur aus Träumen und hochauflösenden Bildern kennt und schon im ersten Kapitel ist das alles schon nicht mehr so gut, wie Lux es sich erhofft hat. Als Kat dann dazukommt, ist das wie ein Hoffnungsschimmer und ein großer Schritt Richtung Abgrund zugleich.

Ich liebe Olivias Schreibe, ihren Sound und ihre Beschreibungen. Was ich überhaupt nicht mag, ist die zerstörerische Kraft, die Lux und besonders Kat inne haben. Manchmal habe ich fast gegen meinen Willen weitergelesen, weil ich zwar wissen will, wie es weitergeht, gleichzeitig aber nichts mit dieser Welt zu tun haben will. Dieses Dilemma zieht sich bis kurz vor Ende des Buches, bis ich irgendwann Mitleid für die beiden empfinde, immer noch gemischt mit Widerwillen. Und dann ist es rum. Schade, weil großartige Sprache und Schreibe. Aber froh, weil ich diese beiden allein lassen kann.

Lux ist ein krasser Ritt mit tollen Bildern und sehr feiner Sprache, aber durch eine Welt, die nicht meine ist.

Lux von Olivia Kuderewski erschien bei Voland & Quist, der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Olivia und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Hörbuch: Chaos Walking von Patrick Ness, gesprochen von David Nathan

Das Erste, das du herausfindest, wenn dein Hund sprechen lernt, ist, dass Hunde nicht viel zu sagen haben.

Der erste Satz aus Chaos Walking

Patrick Ness hat den großartigen Roman zu Sieben Minuten nach Mitternacht geschrieben. David Nathan spricht seit Jahren alle Geschichten von Stephen King. Das reicht, um in Chaos Walking reinzuhören. Ich muss fairerweise sagen, dass ich mir auch den Trailer zur Verfilmung angesehen habe, die bald veröffentlicht werden soll.

Todd lebt auf einem Planeten, auf dem sich Siedler eine neue Welt aufbauen wollten. Leider hat ein Virus aber alle Frauen getötet und die Gedanken der Männer (und der Tiere) für alle hörbar gemacht. Todd wird bald 13 und damit zum Mann, als eine Kapsel vom Himmel fällt und Todd zum ersten Mal einem Mädchen gegenüber steht. Und dann geht die Flucht los.

Ich brauchte eine Weile, bis ich mit diesem Konzept der hörbaren Gedanken (Lärm) warm geworden bin. Mich hat nie losgelassen, warum das nur Männer trifft (und was das für Nicht-Cis-Menschen bedeutet), aber ich verstehe, dass Ness das für seine Geschichte braucht. Und es wird auch noch wichtig.

Einerseits ist Chaos Walking eine dystopische Reise, wie wir sie in den vergangenen Jahren (The Hunger Games, Maze Runner) immer wieder gesehen haben. Und ähnlich wie zumindest bei den Hunger Games passt der Film die Protagonist:innen so an, dass sie ein größeres Publikum ansprechen. Im Buch ist Todd, knapp 13, im Film wird er von Tom Holland gespielt, der 24 ist und vielleicht gerade so als noch 16 durchgeht. Aber niemals jünger. Dass David Nathan nun das Hörbuch spricht, macht Todd einerseits zwar auch älter, aber Nathan bekommt es schon gut hin, diese kindliche Naivität zu übertragen. Die Geschichte soweit macht Spaß, ich höre ihr gern zu. Ich kann sowieso gut mit solchen dystopischen Geschichten. Was Ness‘ Konzept der hörbaren Gedanken dann aber dann doch ziemlich faszinierend macht:

  1. Sprechende Tiere. Wir haben uns alle schonmal überlegt, was ein Hund oder eine Katze denken. Manchee ist der Hund von Todd, den er eigentlich nie haben wollte, der uns aber durch seine Art und als stellvertretender Sprecher seiner Spezies extrem schnell sehr ans Herz wächst. Und auch, was andere Tiere denken, ist in manchen Fällen witzig, in anderen sehr berührend.
  2. Nicht nur wir Leser:innen (oder Hörer:innen) hören den Lärm, sondern auch die anderen Figuren im Buch. Was Patrick Ness eine einzigartige Möglichkeit gibt: Die Leute um Todd reagieren auf die Geschichte. Mehr als einmal erzählt Todd uns etwas, so wie wir es aus anderen Ich-Erzählungen kennen. Aber jemand im Buch reagiert darauf. Das ist ein erfrischender Effekt, der mich jedes Mal neu fasziniert. Und es ist ein schönes Beispiel, wie manche Dinge nicht in allen Medien funktionieren. Während Buch und Hörbuch diesen Effekt sehr schön illustrieren, wird er beim Film nicht umsetzbar sein. Aber der Trailer lässt erahnen, dass der Lärm dafür auf seine eigene Art cool geworden ist.
  3. Der Lärm verstärkt die Angst der Männer den Frauen gegenüber. Achtung, Spoiler. Natürlich gibt es in der Gemeinde von Todd ein böses Geheimnis, das er nicht erfahren darf. Eines, das mit Unterdrückung zu tun hat. Im Laufe des Buches wird diese Mechanik „Lärm“ zu einer eindrücklichen Metapher unserer Realität, was Gleichberechtigung, Religion und toxische Männlichkeit angeht. Deshalb war ich irgendwann auch wieder okay mit dieser unerklärlichen Sache, die nur Männer betrifft.

Dieses Buch endet voll im Cliffhänger. Und bisher gibt es kein weiteres Hörbuch und auch keine weitere Bücher von Chaos Walking. Zumindest nicht in der Neuauflage. Nach ein wenig mehr googeln kommt raus, diese Trilogie ist vor mehr als zehn Jahren schon auf Deutsch herausgekommen, damals noch bei Ravensburger, unter dem Titel „New World“, aber schon mit diesem Hörbuch. Nun hoffe ich, dass der Film gut und so erfolgreich wird, dass auch die restlichen Teile von David Nathan eingesprochen werden.

Chaos Walking von Patrick Ness wurde übersetzt von Petra Koob-Pawis und eingesprochen von David Nathan und erschien bei DAV. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Sprich mit mir von T.C. Boyle

Sam ist ein Schimpanse, der von Menschen aufgezogen und dabei sehr genau beobachtet wird. Aimee ist eine introvertierte Studentin, aber Sam und sie, das ist Liebe auf den ersten Blick. Sie wird Teil des Forschungsteams um Sam, geleitet von Professor Schermerhorn und verliert sich vollkommen in dieser Aufgabe. Ich war zugegebenermaßen ziemlich kritisch.

Das Thema hat mich an „Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ von Karen Joy Fowler erinnert, der mich damals beeindruckt und eine gute Messlatte für Geschichten in diesem Metier gelegt hat. Und Boyle hat zwar ein großartiges Geschick, Geschichten zu erzählen und Spannung zu erzeugen, da er sich selbst aber von den Geschichten leiten lässt, kommt es immer wieder (beispielsweise bei Das Licht und einigen der Stories aus dem letzten Kurzgeschichtenband) vor, dass sie kein Ende haben, sondern einfach ausplätschern. Ob 10 Seiten früher oder 50 später, hätte keinen Unterschied gemacht. Und zumindest bei Geschichten bin ich bei Neil Young: Its better to burn out than to fade away. Das Überthema „Menschen, die sich vollkommen in einer Sache verlieren“ bearbeitet Boyle auch oft, gepaart mit dem ausplätschern hätte mich das ermüdet.

Mit dieser Skepsis habe ich den Roman begonnen und dann auch noch bestürzt festgestellt, dass er zum Teil aus der Sicht des Schimpansen Sam geschrieben ist, glaubwürdig einfach in den Bildern und Umschreibungen, und mit den Worten, die Sam in Gebärdensprache kennt, GROSS geschrieben. Das kam mir die ersten paar Mal ziemlich plump vor und ich überlegte, ob ich die die Teile nicht einfach überspringen sollte. Aber dann hatten wir diesen gemeinsamen Abend mit T.C. Bolye und er las genau so eine Stelle vor, ganz anders, als sie in meinem Kopf klang.

Also gab ich ihnen nochmal eine Chance. Immer noch: Das ist T.C. Boyle und er ist ein extrem guter Handwerker, was Geschichten anbelangt. Ich bin schnell in der Story und gut gefangen, bis dann auch noch die Wendungen und die Emanzipation kommen, die ich nicht erwartet, aber mir erhofft hatte. Der Rest des Buches geht ziemlich schnell und mit jeder neuen Szene aus der Sicht von Sam wird diese Perspektive greifbarer und gibt Boyle sehr schön die Möglichkeit, uns mit Sam zu identifizieren. Im Nachhinein sind sie vielleicht die spannendsten Stellen. Und dann setzt Boyle ein paar Schläge ans Ende, die mich im besten Sinn erschüttert zurücklassen.

Schon die Schwestern Cooke haben mein Verständnis Tieren gegenüber verändert. „Sprich mit mir“ hat diesen Effekt nochmal um einiges verstärkt. Ich bin erleichtert und dankbar für diesen Roman. Sprich mit mir ist eine sehr schöne Geschichte mit großem Sog, mehr Nachdenken meinerseits, als ich gedacht habe, und einem Schluss, wo er hingehört.

Sprich mit mir von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.