Schlagwort: Roman (Seite 1 von 24)

Hörbuch: Bad Monkeys von Matt Ruff

Es ist ein Zimmer, wie es sich ein einfallsloser Stückeschreiber, während er auf ein weißes Blatt starrt: Weiße Wände. Weiße Decke. Weißer Fußboden.

Der Anfang von Bad Monkeys.

Weil eine gute Freundin vor Jahren Fool on the Hill erwähnt hat, steht der Roman schon ewig ungelesen hier. Aber ich hörte und liebte Lovecraft Country. Weil ich also die Gelegenheit hatte, habe ich mir Bad Monkeys angehört.

Eine wirre Geschichte um Jane Charlotte, die in einer Psychiatrie ihre Lebensgeschichte erzählt. Schon immer auf der Hut, schon immer etwas anders, wird Jane irgendwann von einer Geheimorganisation mit der Lizenz zum Töten ausgestattet. Oder nicht?

Jasmin Tabatabai, Heikko Deutschmann und Oliver Brod lesen die verschiedenen Perspektiven im Roman, das hilft, einigermaßen den Überblick zu behalten. Weil Ruff schon eine sowieso versponnene Geschichte geschrieben hat und mir beim Rüberziehen irgendein Fehler unterlaufen ist, sodass ich Teile des Buches im Shuffle höre, was es noch konfuser macht.

Trotzdem bin ich voll dabei und begeistert von Ruffs Ideen und Szenen. Alles ein bisschen drüber, alles nicht ganz einordnenbar, aber auf jeden Fall gute Unterhaltung und großer Spaß.

Vielleicht sollte ich doch endlich mal sein Debüt lesen.

Bad Monkeys von Matt Ruff, gesprochen von Jasmin Tabatabai, Heikko Deutschmann und Oliver Brod, wurde übersetzt von Giovanni Bandini, Ditte Bandini und erschien beim Hörverlag.

Hörbuch: Der Junge aus dem Wald von Harlan Coben, gelesen von Detlef Bierstedt

Vor mehr als 30 Jahren wird Wilde als kleiner Junge im Wald gefunden und niemand weiß, wohin er gehört. Mittlerweile ist er privater Ermittler, immer noch sehr zurückgezogen und auf der Suche nach einem verschwundenen High-School-Mädchen.

Es ist schwer, die Geschichte von Der Junge aus dem Wald zusammenzufassen, weil da zu viele Sachen gleichzeitig passieren. Erstmal auch gar nicht so gut, weil ich als Hörer ziemlich verwirrt bin. Der Titel bezieht sich auf Wilde, den Ermittler, die Story aber nur zum Teil, weil es ja um das verschwundene Mädchen geht. Und dann sind da noch all die Geheimnisse, die wegen dieses Verschwindens ans Licht kommen. Aber ich lasse mich sowieso drauf ein, weil ich vor ein paar Jahren ein paar Bücher von Coben gehört habe und seine Schreibe mag. Und Wilde (der mich an Christopher Knight erinnert) ist ein Charakter, der mich interessiert.

Anfangs bin ich auch ein wenig irritiert von der Art, wie Detlef Bierstedt diesen Roman vorliest. Einerseits sind Frauenrollen nicht seine Stärke, andererseits fühlt es sich an, als ob Bierstedt keine Kraft hat oder krank ist oder so. Vor ein paar Jahren habe ich ihn auf einer Lesung gesehen und ich habe ihn schon in ein paar Hörbüchern gehört, ich mag ihn sehr, aber diesmal ist irgendwas komisch. Aber sobald ich mich daran gewöhnt habe und an den Fakt, dass in diesem Buch so viele Stränge laufen, dass man es kaum zusammenfassen kann, bin ich ziemlich fasziniert.

Mir fällt auf, dass Cobens Thriller gar nicht so sehr über die Spannung getrieben werden, sondern über seine handwerklichen Fähigkeiten als Autor. Harlan Coben kann richtig gut schreiben. Ich höre mir beispielsweise auch gern einen Fitzek an, weil das leichte und spannende Unterhaltung ist, aber Coben spielt sprachlich auf einem ganz anderen Niveau. Und handelt fast nebenher seine Haltung zu Trump, zum Wahlkampf in Zeiten von Social Media und Fake News ab.

Trump kommt gar nicht vor. Aber es gibt eine Figur, ein Präsidentschaftskandidat, der sehr viele Züge von ihm aufzeigt. Anhand dieser erklärt Coben sehr kurz und einleuchtend die Hufeisen-Theorie (ob sie stimmen mag, ist eine andere Frage) und zeigt, warum es für eine politisch wichtige Figur von Vorteil sein kann, verschiedene Lager gegeneinander aufzuwiegeln.

Irgendwann ist der Fall, mit dem dieses Buch startet, nur noch Beiwerk und es wird inhaltlich größer, als ich gedacht hätte. Es geht um Politik, um den Druck, Menschen gefallen zu wollen, um Liebe im Alter und um die Frage, ob wir unsere Wurzeln kennen müssen, um zu wissen, wer wir sind. Am Ende ist dann auch klar, dass nicht nur ich den Jungen aus dem Wald spannend finde. Dies scheint der Auftakt einer neuen Buchserie zu sein und einige Geheimnisse wurden nur angedeutet, aber lange nicht gelöst.

Ein überraschend politisches und gut geschriebenes Buch, das weit über „Wird der Fall gelöst?“ hinausgeht. Ich bin gespannt auf die weiteren Bände.

Der Junge aus dem Wald von Harlan Coben, gesprochen von Detlef Bierstedt, wurde übersetzt von Gunnar Kwisinski und erschien bei der Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Manhattan Beach von Jennifer Egan, gelesen von Nina Kunzendorf

Anna merkte erst, wie nervös ihr Vater war, als sie das Haus von Mr Styles erreichten.

Der erste Satz aus Manhattan Beach

Anna wächst im New York der 1930er auf, ohne Vater und mit dem großen Drang, Dinge zu tun, die damals Männer vorbehalten sind. Und sie setzt mit Tränen, Schweiß und Herzblut ihren Kopf durch.

Seit A visit from the Goon Squad („Der größere Teil der Welt„) hat Jennifer Egan bei mir einen Stein im Brett. Ich war damals ziemlich beeindruckt von ihrer Schreibe.

Manhattan Beach hat eine ähnlich gute Schreibe, funktioniert aber ganz anders. Weniger experimentell, dafür sehr eindringlich beschreibt Egan, wie Anna sich durch die Männerwelt am Hafen New Yorks kämpfen muss, wie sie sich aus aus ihren und den gesellschaftlichen Zwängen befreit und versucht, ihren Weg zu finden. Und dann kommen noch die Erzählstränge von Annas Vater und des Gangsterbosses Dexter dazu. Vielleicht auch wegen der Lesung von Nina Kunzendorf, die mich im besten Sinne an Luise Helm erinnert, muss ich während des Buches immer wieder an ein paar Romane von Jojo Moyes denken, als ob dies die rauere, blutigere und nicht ganz so romantische Version wäre.

Ich mag Anna und die Geschichte, ich folge ihr gern und leide mit ihr. Aber am Ende bleibe ich nicht ganz befriedigt zurück. Ein gutes Porträt, eine starke Frau, aber kein, nichtmal ein offenes Ende. Schade.

Manhattan Beach von Jennifer Egan wurde übersetzt von Henning Ahrens und gesprochen von Nina Kunzendorf. Der Roman erschien bei Fischer, das Hörbuch bei Argon. Argon hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Auftrag für Moving Kings von Joshua Cohen

An ihren Fahrzeugen sollt ihr sie erkennen: die blauen Laster, die Sie auf dem Weg zum Flughafen immer schneiden, an der Seite eine schmuddelige weiße Krone, auf den verbeulten Stoßstangen der Aufkleber PROBLEM MIT MEINEM FAHRSTIL? RUFNUMMER 1-800-212-KING!

Der erste Satz aus Auftrag für Moving Kings

David King ist Umzugsunternehmer in New York und allein sein Geschäft, seine Familie und seine Vergangenheit sind Geschichte genug. Dann holt er auch noch seinen Neffen nach dessen Militärdienst in Israel nach Amerika.

Ich mochte Joshua Cohens Buch der Zahlen sehr und habe mich auf ein neues von ihm gefreut. Aber Auftrag für Moving Kings verliert sich für mich in zu vielen Storylines, die nicht durchgezogen werden. Während das beim Buch der Zahlen Teil des Konzeptes war und immer noch in sich gegriffen hat, kann ich mich bei Moving Kings auf keine Geschichte richtig einlassen. Was ich ziemlich schade finde, weil allein die Geschichte dieses Umzugsunternehmens – das mich immer wieder an den Pizza-Lieferdienst aus Miami Punk erinnert hat – hätte ich gern gelesen. Oder die des vom Militär traumatisierten Israeli, der irgendwie in Amerika klarkommen muss. Aber in dieser Melange an Geschichten konnte ich immer nur ahnen und in keine so richtig eintauchen.

Ich mag, wie Joshua Cohen schreibt und ich mag sein Denken und seine Geschichten. Ich freue mich auf mehr von ihm, leider ist dieses Buch für mich eines seiner schwächeren.

Auftrag für Moving Kings von Joshua Cohen wurde übersetzt von Ingo Herzke und erschien bei Schöffling. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Vater Unser von Angela Lehner

Man hat mir die Hände auf dem Rücken verbunden.

Der erste Satz aus Vater Unser

Eva wird in einem Polizeiwagen in die Psychiatrie gebracht und von Anfang an ist klar, dass ich Eva nicht alles glauben kann. Sie erzählt ihre Version einer Wahrheit, schnoddrig kommentiert und inkonsequent, sodass ich mit ihr auf die Reise gehen und um jedes Stück Wahrheit ringen muss.

Anfangs bin ich von dieser Erzählweise, diesem Spiel ziemlich begeistert und folge Angela Lehner durch ihren Roman, versuche Wahrheit von Wahn zu unterscheiden und mich immer tiefer in ihrer Familiengeschichte zu verstricken. Aber leider ging das Buch für mich nicht darüber hinaus. Irgendwann konnte mich die Sprache allein nicht halten und die Geschichte dahinter (wie ich sie gesehen habe) hat mich nicht genügend gepackt.

Als dann am Ende die Wahrheit einigermaßen klar auslag, hatte ich sie schon so lange geahnt, dass sie mich nicht mehr berührt hat, wie es die Sprache am Anfang gemacht hat.

Angela Lehner hat mit ihrem Debüt eindrücklich gezeigt, wie schön sie erzählen und mit Worten umgehen kann. Beim nächsten Buch freue ich mich auf eine ebenso starke Geschichte.

Vater Unser von Angela Lehner erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir im Rahmen meiner Juryarbeit für Das Debüt 2019 ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.