Schlagwort: Roman (Seite 1 von 24)

Buch: Love is a Mix Tape von Rob Sheffield

Playback: Später Abend, Brooklyn, ein Becher Kaffee und ein Stuhl am Fenster.

Der erste Satz aus Love is a Mixtape von Rob Sheffield

Rob Sheffield ist Musikjournalist, quasi schon immer. Dann kommt Renée in sein Leben und dreht die Lautstärke und die Farben auf. Und dann stirbt sie ziemlich überraschend und ziemlich jung an einer Lungenembolie.

Anhand ihrer gemeinsam Musik arbeitet Sheffield sich durch seine Erinnerungen mit Renée. Tape für Tape.

Sheffield schreibt genauso witzig und ehrlich über die Musik, wie er über Renée schreibt, und er öffnet sich vollkommen. 100% Verletzlichkeit und Schmerz. Das funktioniert ziemlich gut, aber ich glaube, es funktioniert unter anderem deshalb so gut, weil wir wissen, dass diese Geschichte real ist.

Ähnlich, wie der Hintergrund von Tears in heaven den Song auflädt, macht es das Wissen um „die Wahrheit“ auch mit diesem Text. Nicht falsch verstehen, Rob Sheffield legt ein großartiges Buch hin, das mich seinen Schmerz, aber auch die ganze Freude mit Renée spüren lässt. Aber manche Szenen sind so aufgeladen, dass sie mich überfordern. Bei einem konstruierten Roman könnte ich das kritisieren. Hier trauert Sheffield auf diese Weise und das kann ihm niemand absprechen.

Am Ende hat Sheffield eine schmerzhaft schöne Geschichte über Musik und die Liebe und das Leben erzählt, die lange nachklingt.

Love is a mixtape von Rob Sheffield wurde übersetzt von Kristian Lutze und erschien bei KiWi. Und die alte Ausgabe sieht viel besser aus.

Roman: Zeit der Wildschweine von Kai Wieland

Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah.

Der erste Satz aus Zeit der Wildschweine

Leon ist Reisejournalist und nimmt den durchgeknallten Fotografen Janko mit auf eine Tour durch französische Lost Places – immer auf der Flucht vor dem eigenen Leben in der Provinz.

Schon im ersten Kapitel bettet Kai Wieland seinen Roman in Popkultur ein. Janko trägt sie als Tattoos über seinen ganzen Körper und Janko reagiert nie so, wie Leon oder wir es erwarten. Personalisierung des Zwiespalts, die sich durch Leon und den Roman zieht.

Kai Wieland erzählt klar und geradeheraus eine Geschichte, an die ich mich erst herantasten muss. Weil viel im ersten Drittel total gewöhnlich, fast überlesbar ist und ich mich wundere, was das da soll. Bis ich im zweiten Drittel – mitten in den fremden Ländern und Orten und zwischen faszinierenden Personen – verstehe, dass genau das „unser“ Problem ist. Unsere Begeisterung für Außergewöhnliches, die es uns erlaubt, uns vor den Dingen, die unsere Leben im Alltag prägen, wegzulaufen. Und dass es eben nicht nicht überlesbar ist, das erste Drittel. Sondern das, worauf es, wenn wir all die kurzen Kicks hinter uns lassen, ankommt.

Zeit der Wildschweine erzählt klar und schnörkellos den Zwiespalt zwischen Abenteuer und Alltag und wie der eine oder die andere damit umgehen.

Zeit der Wildschweine von Kai Wieland erschien bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Kai und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Lux von Olivia Kuderewski

Wenn man in den Westen fährt, hat man die Sonne jeden Morgen im Rücken.

Der erste Satz aus Lux

Mir strahlt ein schwarzweißes, wunderschönes Cover entgegen, unten baumelt das Lesebändchen heraus und weil ich das Buch gerade schon einmal in meinen Händen gedreht habe, weiß ich von dem gelben Farbschnitt. Ich schlage es auf, das Papier fühlt sich rau und wertig an und ab dem ersten Satz zieht Olivia mich in ihren Roman.

Die Geschichte von Lux und ihrem Versuch, durch diese lang geplante Reise wieder zu Sinnen zu kommen. Die Vergangenheit bröckelt durch Halbsätze in die Geschichte und ich ahne, wie groß die Erwartungen und der Respekt vor dieser Reise sind, diesem Trip durch die USA, die Lux nur aus Träumen und hochauflösenden Bildern kennt und schon im ersten Kapitel ist das alles schon nicht mehr so gut, wie Lux es sich erhofft hat. Als Kat dann dazukommt, ist das wie ein Hoffnungsschimmer und ein großer Schritt Richtung Abgrund zugleich.

Ich liebe Olivias Schreibe, ihren Sound und ihre Beschreibungen. Was ich überhaupt nicht mag, ist die zerstörerische Kraft, die Lux und besonders Kat inne haben. Manchmal habe ich fast gegen meinen Willen weitergelesen, weil ich zwar wissen will, wie es weitergeht, gleichzeitig aber nichts mit dieser Welt zu tun haben will. Dieses Dilemma zieht sich bis kurz vor Ende des Buches, bis ich irgendwann Mitleid für die beiden empfinde, immer noch gemischt mit Widerwillen. Und dann ist es rum. Schade, weil großartige Sprache und Schreibe. Aber froh, weil ich diese beiden allein lassen kann.

Lux ist ein krasser Ritt mit tollen Bildern und sehr feiner Sprache, aber durch eine Welt, die nicht meine ist.

Lux von Olivia Kuderewski erschien bei Voland & Quist, der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Olivia und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Sprich mit mir von T.C. Boyle

Sam ist ein Schimpanse, der von Menschen aufgezogen und dabei sehr genau beobachtet wird. Aimee ist eine introvertierte Studentin, aber Sam und sie, das ist Liebe auf den ersten Blick. Sie wird Teil des Forschungsteams um Sam, geleitet von Professor Schermerhorn und verliert sich vollkommen in dieser Aufgabe. Ich war zugegebenermaßen ziemlich kritisch.

Das Thema hat mich an „Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“ von Karen Joy Fowler erinnert, der mich damals beeindruckt und eine gute Messlatte für Geschichten in diesem Metier gelegt hat. Und Boyle hat zwar ein großartiges Geschick, Geschichten zu erzählen und Spannung zu erzeugen, da er sich selbst aber von den Geschichten leiten lässt, kommt es immer wieder (beispielsweise bei Das Licht und einigen der Stories aus dem letzten Kurzgeschichtenband) vor, dass sie kein Ende haben, sondern einfach ausplätschern. Ob 10 Seiten früher oder 50 später, hätte keinen Unterschied gemacht. Und zumindest bei Geschichten bin ich bei Neil Young: Its better to burn out than to fade away. Das Überthema „Menschen, die sich vollkommen in einer Sache verlieren“ bearbeitet Boyle auch oft, gepaart mit dem ausplätschern hätte mich das ermüdet.

Mit dieser Skepsis habe ich den Roman begonnen und dann auch noch bestürzt festgestellt, dass er zum Teil aus der Sicht des Schimpansen Sam geschrieben ist, glaubwürdig einfach in den Bildern und Umschreibungen, und mit den Worten, die Sam in Gebärdensprache kennt, GROSS geschrieben. Das kam mir die ersten paar Mal ziemlich plump vor und ich überlegte, ob ich die die Teile nicht einfach überspringen sollte. Aber dann hatten wir diesen gemeinsamen Abend mit T.C. Bolye und er las genau so eine Stelle vor, ganz anders, als sie in meinem Kopf klang.

Also gab ich ihnen nochmal eine Chance. Immer noch: Das ist T.C. Boyle und er ist ein extrem guter Handwerker, was Geschichten anbelangt. Ich bin schnell in der Story und gut gefangen, bis dann auch noch die Wendungen und die Emanzipation kommen, die ich nicht erwartet, aber mir erhofft hatte. Der Rest des Buches geht ziemlich schnell und mit jeder neuen Szene aus der Sicht von Sam wird diese Perspektive greifbarer und gibt Boyle sehr schön die Möglichkeit, uns mit Sam zu identifizieren. Im Nachhinein sind sie vielleicht die spannendsten Stellen. Und dann setzt Boyle ein paar Schläge ans Ende, die mich im besten Sinn erschüttert zurücklassen.

Schon die Schwestern Cooke haben mein Verständnis Tieren gegenüber verändert. „Sprich mit mir“ hat diesen Effekt nochmal um einiges verstärkt. Ich bin erleichtert und dankbar für diesen Roman. Sprich mit mir ist eine sehr schöne Geschichte mit großem Sog, mehr Nachdenken meinerseits, als ich gedacht habe, und einem Schluss, wo er hingehört.

Sprich mit mir von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Bad Monkeys von Matt Ruff

Es ist ein Zimmer, wie es sich ein einfallsloser Stückeschreiber, während er auf ein weißes Blatt starrt: Weiße Wände. Weiße Decke. Weißer Fußboden.

Der Anfang von Bad Monkeys.

Weil eine gute Freundin vor Jahren Fool on the Hill erwähnt hat, steht der Roman schon ewig ungelesen hier. Aber ich hörte und liebte Lovecraft Country. Weil ich also die Gelegenheit hatte, habe ich mir Bad Monkeys angehört.

Eine wirre Geschichte um Jane Charlotte, die in einer Psychiatrie ihre Lebensgeschichte erzählt. Schon immer auf der Hut, schon immer etwas anders, wird Jane irgendwann von einer Geheimorganisation mit der Lizenz zum Töten ausgestattet. Oder nicht?

Jasmin Tabatabai, Heikko Deutschmann und Oliver Brod lesen die verschiedenen Perspektiven im Roman, das hilft, einigermaßen den Überblick zu behalten. Weil Ruff schon eine sowieso versponnene Geschichte geschrieben hat und mir beim Rüberziehen irgendein Fehler unterlaufen ist, sodass ich Teile des Buches im Shuffle höre, was es noch konfuser macht.

Trotzdem bin ich voll dabei und begeistert von Ruffs Ideen und Szenen. Alles ein bisschen drüber, alles nicht ganz einordnenbar, aber auf jeden Fall gute Unterhaltung und großer Spaß.

Vielleicht sollte ich doch endlich mal sein Debüt lesen.

Bad Monkeys von Matt Ruff, gesprochen von Jasmin Tabatabai, Heikko Deutschmann und Oliver Brod, wurde übersetzt von Giovanni Bandini, Ditte Bandini und erschien beim Hörverlag.