Schlagwort: Roman (Seite 2 von 26)

Buch: Du hast mir den Kopf fairtrade von Rolf Rugenwälder

Liebe Leseperson (m/w/d), schön, dass du da bist!

Der erste Satz aus Du hast mir den Kopf Fairtrade.

Junger Mann trifft auf das tollste Mädchen und will sie für sich gewinnen, also wird er öko. Oder versucht es zumindest.

Rolf (beziehungsweise das Autorenduo hinter dem Pseudonym) schreibt also Tagebuch und erzählt, von all seinen Versuchen und seinem Scheitern, am Leben, an dem Mädchen und an einem nachhaltigen Leben.

Das Buch ist dünn und die Schrift ist relativ groß, eine recht kurze Unterhaltung, die mich immer wieder hat grinsen lassen und manchmal sogar laut auflachen. Ich muss immer wieder an Berts Katastrophen denken, die ich als Kind sehr gern gelesen habe. Viel Slapstick und Übertreibung, die Spaß machen.

Aber vom ersten Satz an habe ich mich immer wieder gefragt, für wen das Buch eigentlich gedacht ist. Die Leseprobe auf der Rückseite des Buches macht sich über Upcycling lustig, der Text drunter versucht aber, dieses Buch als Hilfestellung für Menschen anzupreisen, die öko ja gut finden, aber irgendwie überfordert sind. Dieses Gefühl hat sich für mich durch das ganze Buch gezogen: Es ist durchweg quatschig und machst sich über alles lustig, will aber gleichzeitig alles ernst nehmen. Das hat für mich nicht funktioniert. Trotz des Spaßes und des Lachens blieb es bis zum Ende nur okay. Und ich wüsste auch nicht, wem ich das Buch nun geben sollte. Meine Öko-Freund*innen fühlen sich im besten Fall in ihrer Ansicht bestätigt und können vielleicht ein bisschen über sich selbst lachen, aber irgendwas Neues werden sie nicht mitnehmen. Meine anderen Freund*innen würden es wahrscheinlich gar nicht erst anfangen, weil es zu sehr nach öko schreit.

Eine quatschige grüne Slapstickgeschichte also, die immer wieder lustig ist, aber leider nicht mehr.

Du hast mir den Kopf fairtrade von Rolf Rugenwälder erschien bei riva. „Rolf“ hat mir ein Exemplar zukommen lassen. Transparenz: Ich kenne beide Menschen hinter diesem Pseudonym. Im besten Fall bin ich dadurch ehrlicher und unbarmherziger.

Entstehungsgeschichte von „Billy Summers“ von Stephen King

Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern von Stephen King gibt es in Billy Summers nur eine kurze Danksagung statt eines Nachwortes inklusive der Entstehungsgeschichte. Aber in einem Interview mit dem Esquire erzählt King, wie es zum Roman gekommen ist. Übersetzung ist von mir, immer her mit Verbesserungsvorschlägen:

Bücher kommen stückweise zu mir. Ich sammle nur die einzelnen Teile in meinem Kopf und irgendwann verbinden sie sich miteinander. Bei Billy Summers war das erste Stück dieses Bild: Ich habe einen Mann in einem Kellerapartment gesehen, wie er aus dem Fenster schaut, als wäre es ein Periskop, und er sieht die Füße der Menschen, die auf dem Bürgersteig vorbeigehen. Damit habe ich eine Weile rumgespielt. Was macht der Typ da? Warum ist er da? Was hat das alles zu bedeuten? Nach einer Weile damit rumspielen habe ich plötzlich den gleichen Typen in einem Büro gesehen, vielleicht im vierten oder fünften Stock, in der Nähe eines Gerichtsgebäudes. Was macht er da? Naja, er wird jemanden erschießen. Er wird einen schlechten Menschen erschießen.

Diese beiden Dinge haben sich miteinander verbunden. Ich dachte mir, „Er wird diesen schlechten Menschen erschießen und dann wird er sich in diesem Kellerapartment verstecken, wo all die Füße dran vorbeilaufen.“ Aus diesen beiden Dingen hat sich dann die ganze Geschichte entwickelt. Das läuft bei mir nicht immer so, aber diesmal hat es funktioniert und es ist ein Buch daraus geworden. Ergibt das irgendwie Sinn?

Ab hier wurde es richtig spaßig: Ich denke an den Typen im Bürogebäude und er wird von dort aus schießen. Ich sehe den Winkel des Schusses ganz klar vor mir. Und dachte ich, „Naja, wie kommt er danach da raus?“ Bevor ich mit dem Buch angefangen habe, hing ich an der Stelle – aber ich hatte immer noch Spaß, darüber nachzudenken. Stück für Stück setzte sich eine Idee zusammen, wie er entkommen könnte. Und dann dachte ich, „Du brauchst auch noch irgendeine Geschichte um diese beide Szenen herum. Was wäre, wenn der Typ einen richtig schlechten Menschen erledigen soll, aber dabei reingelegt wird?“ Dann dachte ich über diesen berühmten letzten Job nach. Es gibt so viele Bücher und Filme über diesen letzten Auftrag, der immer schief geht. Und ich dachte mir, „Warum mich nicht voll darauf einlassen und die Geschichte als Hardboiled Noir Story schreiben? Als ich jünger war, hab‘ ich solche Sachen sehr gern gelesen – Bücher von Jim Thompson und Elmore Leonard. Also hab‘ ich losgelegt.

Stepehen King im Esquire

Roman: Unsere anarchistischen Herzen von Lisa Krusche

Papa rennt nackt durch Charlottenburg.

Der erste Satz aus Unsere anarchistischen Herzen

Charles Eltern scheitern am Leben und ziehen von Berlin nach Hildesheim. Natürlich gegen den Willen von Charles, die ihr Leben hinter sich lassen muss. Gwens Eltern scheitern an ihrem Menschsein und gleichen das durch ihren Reichtum aus. Was Gwen auch nichts bringt. Diese beiden jungen Frauen erzählen abwechselnd ihre Geschichte und ihr Zusammentreffen, und alles was dann noch passiert.

Lisa Krusche schreibt schnelle und lebendige Szenen, überbordend an Emotion und Spielerei. Ich muss mich an ein paar Sachen gewöhnen und muss über die Szenebeschreibungen a lá Bret Easton Ellis hinwegkommen, dann bin ich für die restlichen 400 Seiten vollkommen drin. Ich verliebe mich vor allem in Charles und wenn das Herz von Gwen durch die Seiten scheint, berührt es mich.

Lisa legt einen krassen ersten Roman hin, mit eigener Sprache und Witz und tollen Bildern, die es mir nicht immer einfach machen, es aber wert sind.

Unsere anarchistischen Herzen ist ein Pro-Kleinstadt-Roman, eine Liebeserklärung an Freundschaften (zu Mensch und Tier und Natur und sowieso) und großartigstes Kopfkino.

Unsere anarchistischen Herzen von Lisa Krusche erschien bei S.Fischer. Ich habe ein Exemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Transparenz: Lisa und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Roman: Normale Menschen von Sally Rooney

Als Connell klingelt, macht Marianne die Tür auf.

Der erste Satz aus Normale Menschen

Mädchen trifft Junge. Sie aus dem reichen Haushalt, in dem seine Mutter als Hilfe arbeitet. Er beliebt, sie die Außenseiterin. Und als würde das nicht schon ausreichen, sind die beiden überhaupt nicht in der Lage, miteinander über ihre Gefühle zu reden.

Sally Rooney kann schreiben, keine Frage. Ein schnörkelloser, nüchterner Stil, den ich sehr mag. Und auch die Szenen und Gefühle, die sie beschreibt, kann ich nahahnen. Ich verstehe die Spannung zwischen Marianne und Connell und viele der Situationen kommen mir bekannt vor. Aber all das reicht für mich leider nicht aus, um einen ganzen Roman lang zu tragen.

Weil Rooney zwar die Situationen ändert, aber ihre Figuren nie den Anschein machen, sich dem wahren Problem zu nähern. Fast von Anfang an will ich die beiden an den Schultern packen und ihnen eindringlich sagen: Redet bitte einmal Tacheles miteinander. Kann ich natürlich nicht. Und passiert auch nicht. Stattdessen verfolge ich die Beziehung der beiden über Jahre hinweg und sehe immer lustloser dabei zu, wie sie nicht miteinander reden können.

Wahrscheinlich werde ich irgendwann noch mehr von Sally Rooney lesen. Aber so ganz kann ich die Begeisterung nicht verstehen.

Normale Menschen von Sally Rooney wurde übersetzt von Zoë Beck und erschien bei Luchterhand. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Love is a Mix Tape von Rob Sheffield

Playback: Später Abend, Brooklyn, ein Becher Kaffee und ein Stuhl am Fenster.

Der erste Satz aus Love is a Mixtape von Rob Sheffield

Rob Sheffield ist Musikjournalist, quasi schon immer. Dann kommt Renée in sein Leben und dreht die Lautstärke und die Farben auf. Und dann stirbt sie ziemlich überraschend und ziemlich jung an einer Lungenembolie.

Anhand ihrer gemeinsam Musik arbeitet Sheffield sich durch seine Erinnerungen mit Renée. Tape für Tape.

Sheffield schreibt genauso witzig und ehrlich über die Musik, wie er über Renée schreibt, und er öffnet sich vollkommen. 100% Verletzlichkeit und Schmerz. Das funktioniert ziemlich gut, aber ich glaube, es funktioniert unter anderem deshalb so gut, weil wir wissen, dass diese Geschichte real ist.

Ähnlich, wie der Hintergrund von Tears in heaven den Song auflädt, macht es das Wissen um „die Wahrheit“ auch mit diesem Text. Nicht falsch verstehen, Rob Sheffield legt ein großartiges Buch hin, das mich seinen Schmerz, aber auch die ganze Freude mit Renée spüren lässt. Aber manche Szenen sind so aufgeladen, dass sie mich überfordern. Bei einem konstruierten Roman könnte ich das kritisieren. Hier trauert Sheffield auf diese Weise und das kann ihm niemand absprechen.

Am Ende hat Sheffield eine schmerzhaft schöne Geschichte über Musik und die Liebe und das Leben erzählt, die lange nachklingt.

Love is a mixtape von Rob Sheffield wurde übersetzt von Kristian Lutze und erschien bei KiWi. Und die alte Ausgabe sieht viel besser aus.