Menü Schließen

Schlagwort: Roman (Seite 2 von 22)

Roman: Carter von Ally Klein

„Seit wann bist du zurück?“

Der erste Satz aus Carter

Da ist ein namenloses, geschlechtsloses, fast körperloses Ich. Und da ist Carter, das Gegenteil. Körperlich, offen für alles, süchtig nach der Berührung, nach dem Spaß. Die Beiden treffen aufeinander und der Ich-Erzähler kommt ins Straucheln.

Ally Klein geht es nicht um die Geschichte, ihr geht es um die Atmosphäre, um das Erkunden des Gefühls und blinden Tasten nach dem eigenen Sein. Die Geschichte selbst ist für sie dabei nur Mittel, schmuckloses Beiwerk. Ich strebe aber nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert, wie es passiert, warum es passiert. Dieses Ich macht es mir schwer, aber nachdem ich über die ersten paar Seiten bin, nachdem ich mich auf ihn (oder sie) eingestellt habe, bin ich drin.

Ich mag die Sprache, das Suchen der Worte, die Art, Dinge zu beschreiben. In meinem ersten Roman gibt es einen bisschen sonderbaren Charakter, der kaum mit Leuten spricht, aber extrem viel liest und ganz anders mit der Sprache umgeht:

Ich konnte zwar Deutsch sprechen, doch Alex spielte mit den Worten. Er wählte jedes seiner Worte bewusst aus, er war wie ein Mönch der Worte. Machte lange Pausen, nur um unter zehn möglichen das einzig wirklich passende herauszupicken. Nahm sie zurück, wenn sie nicht passten, und spuckte ein weiteres aus. Er ließ sie durch seine Finger gleiten, wie Stoff, den man auf seine Qualität hin überprüft. Er ließ keine unbewusste Zweideutigkeit in seinen Redewendungen aufkeimen.

aus ‚Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen‘

Daran musste ich denken, als ich Carter las. Und obwohl ich mehr auf Story, als auf Atmosphäre stehe, konnte ich hier beides genießen. Ich kam mir manchmal vor wie auf einem Trip und war die ganze Zeit auf der Suche nach Hinweisen, Konkretem. Wollte wissen, was wirklich passiert und was nur in seinem Kopf (für mich ist es eindeutig ein Er). Und dass ich am Ende wieder am Anfang bin, hat mich erst geärgert und dann sehr gefreut.

Transparenz: Ally und ich sind befreundet. Ich kannte frühere Ausschnitte aus Carter, sie kennt Rohversionen meiner Texte. Gerade deshalb bin ich überrascht. Weil ich ‚weiß‘, dass wir ganz unterschiedlich arbeiten, ganz unterschiedlich lesen. Ich dachte, ich lese ihren Roman mit der zugewandten Haltung eines Freundes. Ich war aber unvoreingenommener, gefangener Leser. Dafür: Danke!

Carter ist ein dichtes Buch, ein fast absatzloser Trip voller Eindrücke, der viel Platz für die eigene Interpretation lässt. Viel Platz zum Nachdenken.

Carter von Ally Klein erschien bei Droschl. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Walkaway von Cory Doctorow

Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund EliWiley Marvin Ellis Espinoza war zu alt, um auf einer kommunistischen Party zu sein.

Der erste Satz aus Walkaway

In einer Welt, in der man fast alles mit Sonnen- und Windenergie, einem 3D-Drucker und den richtigen Plänen ausdrucken kann, sind Programme, Pläne und Lizenzen das große Geschäft. Ein paar wenige verdienen daran richtig gut, alle anderen krebsen herum.

Hubert, Seth und Natalie beschließen, diese Gesellschaft hinter sich zu lassen und wegzugehen (‚Walkaways‘). Aber die Gesellschaft findet das gar nicht so cool.

Eigentlich ist es egal, worum es geht. Seit knapp zehn Jahren inspirieren und unterhalten mich Cory Doctorow und seine Romane. Er schreibt keine literarischen Meisterwerke, aber unterhaltsame, intelligente Geschichten, die sehr nah an unserer Realität liegen und oft sowas wie Bedienungsanleitungen für unser digital geprägtes Leben sind.

Homeland geht ein paar Jahre weiter in die Zukunft, eine Weiterentwicklung der Gedanken in Little Brother und besonders in Makers.

Doctorow schreibt einfach und spaßig, sodass ich schnell durch die 700 Seiten komme. Dennoch ist der Inhalt extrem komplex und regt zum Denken an. Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Möglichkeiten geben uns all die Dinge, die sich immer weiter in unseren Alltag drängen? Und wie gehen wir mit ihnen um? Zwischen zwei Serien kann man dieses Buch sehr gut konsumieren, sich Gedanken machen und sich unterhalten lassen.

Eigentlich schon genug gesagt über dieses Buch. Aber Doctorow macht in diesem nebenbei eine ziemlich spannende Sache: Der Aufbruch jeglicher Heteronormativität. Junge trifft auf Mädchen trifft auf Mädchen trifft auf Hermaphrodit und wieder zurück. Dass eine der Hauptfiguren schwarz ist, wird nach Dreiviertel des Romanes im Nebensatz erwähnt. All diese Vielfalt geschieht ohne Kommentar und ist so selbstverständlich, dass es mir – in unserem Alltag und unserer aktuellen Gesellschaft – auffällt. In einer ganz skurrilen Art. Weil ich nicht will, dass diese Vielfalt, diese Pannormativität irgendetwas anderes ist, als Normalität. Wir als Gesellschaft aber noch nicht so weit sind.

Ähnliches macht Doctorow auch mit Genussmitteln. Die Protagonisten des Buches rauchen immer mal wieder Meth und ich zucke beim Lesen zurück und warte auf irgendeine Erläuterung, irgendeine Erklärung oder Warnung oder sonst was, die aber nie kommt.

Noch eine andere Sache muss ich erwähnen, weil sie mich extrem, wirklich extrem genervt hat: Die deutsche Ausgabe des Romans hat einen riesigen Patzer im Klappentext. Es gibt drei oben genannte Hauptfiguren in diesem Roman: Natalie, Seth und Hubert. Hubert hat 20 Vornamen und wird deshalb Hubert Ecetera genannt. Im englischen Klappentext steht also:

In a world wrecked by climate change, in a society owned by the ultra-rich, in a city hollowed out by industrial flight, Hubert, Etc, Seth and Natalie have nowhere else to be and nothing better to do. (…)

Auf der deutschen Ausgabe steht:

(…) Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. (…)

Ich habe 700 Seiten gelesen, immer irritiert und in der Erwartung, wann endlich diese vierte Person auftaucht. Nur um danach zu verstehen, dass dies schlicht falsch ist. Das hat eigentlich nichts mit dem Roman zu tun, beeinflusst das Leseerlebnis aber extrem. Auf eine Art, die nicht sein muss. 

Walkaway ist eine spannende Zukunftsvision, utopisch und dystopisch zugleich, die leicht zu lesen und schwer zu verdauen ist. Ein Buch, dass seine Sache richtig gut macht, mal vom deutschen Klappentext abgesehen.

Walkaway von Cory Doctorow wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Der erste Satz aus Vom Ende der Einsamkeit

Jules wacht nach einem Unfall im Krankenhaus auf und rekapituliert sein Leben, seine Kindheit mit seinen Geschwistern und ohne Eltern, da sie früh ums Leben kommen. Beleuchtet Momente und holt Erinnerungen hoch, die sich verloren angefühlt haben. 

Dies ist mein erster Roman von Benedict Wells. Immer nur knapp zwei Jahre älter als ich, konnte ich an seinem Lebensweg den ablesen, den ich nicht eingeschlagen, aber immer beneidet habe. Weil ich mich nicht traute. Vielleicht auch, weil ich es nicht gekonnt hätte.

Deshalb wollte ich lange Zeit nicht in seine Bücher eintauchen, deshalb las ich dieses wohl auch mit einem überkritischem Blick, der mich im ersten Drittel des Romanes noch auf ein paar Kleinigkeiten aufmerksam machte. Zwei, drei Vorahnungen im Sinne von ‚wenn ich damals schon gewusst hätte, dann…‘, die unnötig sind. Auch gibt es ein Kapitel in dem die Erzählperspektive wechselt und für einen kurzen Moment nicht mehr ein Mann in Gedanken sein Leben abspielt und wir in seinem Kopf dabei sein, alles miterleben dürfen, schambefreit und unzensiert, sondern wir als existenter Leser angesprochen werden und für dieses Kapitel dem Erzähler klar ist, dass wir da sind und ich mir für diese Passage nicht mehr sicher bin, ob er mir vielleicht doch Dinge verschweigt.

Alles Kleinigkeiten, die mir nur auffielen, weil ich einerseits nach solchen Dingen gesucht habe und andererseits, weil die Geschichte sonst großartig erzählt ist.

Wells braucht keinen großen Plot erzählen, er schafft Atmosphäre und so ein Gefühl, dass ich in der Geschichte bin, in ihr bleiben will und von ihr berührt werde. Immer wieder neu identifiziere ich mich, vergleiche mein Leben, meine Gedanken, meine Träume und hänge auch nach dem Ende der Geschichte den Figuren nach. Vom Ende der Einsamkeit hat mich unterhalten, mich berührt, mich zum Nachdenken gebracht. Was will man von einem Roman mehr?

Für mich heißt das nun, ganz viele Romane nachholen. Ein Glück stehen schon alle im Bücherregal.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Blumensammler von David Whitehouse

Der erste Satz aus Der Blumensammler:

Dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel ächzen die Knochen unter der Last der Einsamkeit.

Der erste Roman von David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, hatte mich ernüchtert und irgendwie enttäuscht zurückgelassen. Aber ich sah dieses Cover, den Titel und den Klappentext und dachte, ich will es nochmal probieren.

Drei Männer und drei Geschichten, von denen nur eine die des Blumensammlers ist, wunderbar skurril und mit feinen Worten und Bildern erzählt. Das konnte David Whitehouse schon im Roman zuvor, das Ding mit den Worten und den Bildern.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/174529397672/es-taucht-aus-dem-nichts-auf-wie-es-erinnerungen

Diesmal aber fühle ich mich aber auch in der Geschichte und mit den Figuren wohl. Mit dem ehemaligen Waisenkind, das in der Londoner Notrufzentrale arbeitet. Mit dem alten Professor, der eigentlich nur mit seiner Frau zusammen sein will. Und natürlich mit Peter, dem Tatortreiniger, der in der Bibliothek in einem alten Buch einen Liebesbrief mit den Namen von sechs seltenen Blumen findet. Er beschließt, diese zu finden.

Whitehouse fädelt die Geschichten ineinander und ich ahne, dass alles irgendwie zusammengehört. Was es natürlich auch tut. Trotzdem und gerade deshalb lese ich mich ziemlich schnell durch das Buch, stets mit dem Smartphone in der Hand, weil ich die Blumen nachschlagen will, um die es geht. In ein paar Tagen habe ich die knapp 400 Seiten durch, lächelnd und gut gelaunt, weil es dann doch nochmal überraschend ist.

Es gibt zwei Dinge, die mich an der Geschichte wundern, die ich gern noch erörtert hätte. Bei einem Roman, der von Anfang bis Ende sauber geknüpft ist, stellen sich mir diese beiden Fragen (,die ich hier nicht stellen kann, ohne zu spoilern).  Aber ich kann sie auch als Interpretationsfreiraum sehen, welcher dem Leser gelassen wird.

Der Blumensammler ist ein innerlich und äußerlich schönes Buch, voller Liebe für die Natur und die losen Fäden des Lebens, mit einem besonderen Blick auf Charaktere und das Schicksal jedes Einzelnen.

Das erste Kapitel ist eine gute Leseprobe. Wenn man die Erlebnisse dort annehmen kann, dann kann man sich auf den Rest des Romanes freuen. Wenn man dort abgeschreckt wird, liest man lieber was anderes.

Der Blumensammler von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, gelesen von Sascha Rotermund

Der erste Satz aus Die Tyrannei des Schmetterlings:

Afrika.
Die durchweichte Zeit.

Ich mochte „Der Schwarm“. Ich habe auch eine okaye Erinnerung an „Limit“. Und Schätzing ist einer der präsentesten Autoren, die ich kenne. Ich kenne keinen anderen schreibenden Menschen, den ich so oft auf Plakaten in der Stadt gesehen habe. Schätzing weiß sich zu verkaufen. Und das ist das Problem.

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein Science-Fiction-Zukunfs-Philosophie-Krimi-Thriller plus Liebesgeschichte, der ganz klein beginnt und anfangs noch extrem spannend ist. Dann irgendwann erst ein großes und dann ein unendlich weites Bild entwirft, in dem sich jeder Handlungsfaden, jede Struktur und auch jede Ordnung in meinem Kopf verliert. 

Schätzing kann grundsätzlich schreiben. Ganz viele Momente sind schöne kleine Edelsteine, die für sich toll funktionieren. Aber innerhalb eines Buches ist das, was Schätzing versucht, nicht möglich. Leider kommt es mir vor, als ob Schätzing sich gern schreiben sieht und innerhalb eines Buches alles an Fähigkeiten und Infos und Möglichkeiten reinquetscht, was ihm in dem Moment einfällt. In so einem Extrem, dass Schätzing streckenweise nur noch Information ohne jede prosaische Form hinklotzt und selbst das Ende sich nur rangeklatscht anfühlt, ohne jede Anstrengung, nur damit das Buch zu Ende geht. Vom Ende einer Geschichte kann ich gar nicht sprechen, jede seiner Geschichte hat Schätzing auf dem Weg verloren. Was total schade ist.

Denn in diesem Buch stecken viele gute Ideen und Momente und Geschichten. Aber nicht so, wie Schätzing sie zusammenquetscht. Wenn Schätzing nicht Schätzing wäre und so bekannt wäre, hätte ihm kein Verlag das durchgehen lassen, was er hier veröffentlicht hat.

So weiß ich nicht, was genau ich da in der Hand halte und was ich damit anfangen soll. Und ich glaube, Sascha Rotermund ging es genauso. Als ob er nicht weiß, was genau er da liest, kämpft er sich besonders durch den Anfang und legt eine klischeehafte Actionstimme über Stellen, in denen gar keine Action passiert. Das macht das Zuhören streckenweise ziemlich anstrengend. Es wird im Laufe der Stunden viel besser und an den meisten Stellen mag ich, was Rotermund macht, aber der Anfang war holprig.

Ich bleibe ratlos zurück, weil ich in diesem Buch viel Schönes erfahren habe, viel Spaß hatte, aber es nicht so richtig gut finden kann oder es gar empfehlen kann. Schade.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing erschien bei Kiepenheuer und Witsch. Das Hörbuch wurde gesprochen von Sascha Rotermund und erschien beim Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.