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Roman: Tschick von Wolgang Herrndorf.

Der erste Satz in Tschick:

Als erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee.

Vor mehr als drei Jahren habe ich das Hörbuch zu Tschick gehört. Damals begeistert, aber ein wenig traurig, weil Hanno Koffler lediglich eine gekürzte Fassung gelesen hat. Damals schon gesagt, ich muss das Buch nochmal lesen. Jetzt, unter anderem wegen des Studiums, ist es also so weit. Und was soll ich sagen, das Buch bleibt großartig.

Herrndorfs Erzähler hat einen geilen schnoddrigen Ton, der nicht meine Sprache ist, der sich aber unglaublich gut runterlesen lässt. Das Buch hat man in wenigen Tagen durch, aber es hallt so schön nach. Und natürlich, die Umstände von Herrndorfs Tod schwingen auch mit. Das ist wie bei Eric Claptons „Tears in heaven“. Ist ein geiler Song. Aber wenn man weiß, dass er das für seinen toten Sohn geschrieben hat, bekommt er nochmal eine Ebene. Ähnlich hier. Aber selbst ohne diese Ebene ist die Geschichte von Maik und Tschick eine tolle Geschichte. Eine Geschichte über die Ängste und Sorgen, die man so als Jugendlicher hat. Eine Geschichte über das Übertreten von Grenzen und das Hinterfragen von Konvention. Eine Geschichte, die Spaß macht und ein wenig zum Denken anregt. Sollten so nicht alle Geschichten sein?

Aber wem erzähle ich das? Tschick hat fast 1000 Rezensionen auf Amazon. Der Film unter der Regie von Fatih Akin wird derzeit gedreht (Natürlich sehen Tisch und Maik nicht so aus, wie ich sie mir vorgestellt habe) und kommt in etwa einem Jahr ins Kino. Aber hej, für genau die, die bisher an dem Roman vorbeigekommen sind, hiermit die Aufforderung: Lest ihn.

Tschick von Wolfgang Herrndorf erschien bei rowohlt.

 

Roman: Broken Monsters von Lauren Beukes

Der erste Satz aus Broken Monsters:

Die Leiche.

Das ist also der neue Roman von Lauren Beukes. Kennen und lieben gelernt habe ich die Schriftstellerin aus Johannesburg durch ihren zweiten Roman „Zoo City„. Im gewissen Sinne auch ein Krimiroman, der aber einerseits durch seinen Spielort Johannesburg, andererseits durch das Erweitern unserer Realität durch ein wenig „Magie“ punktet. Ähnlich wie bei Filmen von Neill Blomkamp hatte Zoo City eine eigene Atmosphäre, die eindeutig nicht USA ist.

Broken Monsters dagegen spielt in den Staaten, in Detroit, dieser verfallenen Stadt, die gefühlt ihren Tiefpunkt durchschritten hat und derzeit wieder gut wiederbelebt wird. Und in diese Stadt also setzt Beukes ihre Protagonisten. Da ist die Polizistin mit der Tochter in der Pubertät. Da ist der Obdachlose, der in verlassenen Häusern nach Wertvollem sucht. Da ist der Journalist, auf der Suche nach der nächsten Story. Da ist der Typ, der diese eine Stimme hört, dieses Wesen in sich trägt. Und natürlich ist da die erste Leiche, halb Mensch, halb Tier.

Keine Frage, Beukes kann erzählen. Sie verwebt die Geschichten und man will gar nicht aufhören, bis zum Ende bleibt man dran. Und ja, es ist ein spannender Kriminalroman. Aber im Gegensatz zu ihrem früheren Werk hat es für mich zwei Schwachpunkte. Einerseits spielt es in dem nicht ganz so faszinierenden Detroit, dem ich im Gegensatz zu Johannesburg nicht ganz so viel Faszination entgegenbringen kann. Und andererseits kommt die Beukessche Magie erst ehr spät zum Einsatz. Und deshalb ist es „nur“ ein relativ normaler Thriller. Wie gesagt, nicht schlecht, aber im Gegensatz zu Zoo City ein wenig enttäuschend.

Broken Monsters von Lauren Beukes wurde übersetzt von Alexandra Hinrichsen und erschien bei rowohlt. Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Buch: Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf.

Der erste Satz aus Arbeit und Struktur:

Ich bin vielleicht zwei Jahre alt und gerade wach geworden.

Wolfgang Herrndorf erfährt Anfang 2010 von seinem Hirntumor und beginnt, erst nur intern für Freunde und Verwandte, später öffentlich, ein Online-Tagebuch namens „Arbeit und Struktur“ zu verfassen, das er unregelmäßig bis zu seinem Tod Ende 2013 mit Worten befüllt. Ich hatte in dieser Zeit keine Ahnung von dem Blog, hatte ihn, wie viele andere, einmal kurz nach meinem Konsum von Tschick gefunden und erst zu seinem Tod intensiver gelesen. Wobei, eigentlich hatte ich auch dort nur kurz greingelesen. Und mir vorgenommen, ihn irgendwann komplett zu lesen. Dann bekam ich zum Geburtstag die gedruckte Ausgabe und die las ich dann sehr schnell. Es ist das, was es sein will: Das Tagebuch eines Menschen mit seiner eigenen Geschichte, seinen Problemen und seinen Meinungen. Soweit schonmal interessant. Wenn man jetzt aber auch noch die Romane und Menschen kennt, von denen Herrndorf schreibt, dann wird das richtig spannend. Tschick ist neben Sand eines der Bücher, die Herrndorf in der Zeit seit 2010 veröffentlicht hat. Und Tschick habe ich sehr gefeiert. Dieses Buch feiere ich nicht. Ich weiß nicht, ob dieses Buch feierbar ist. Aber es ist ein saugendes Element. Ich las mich durch die Einträge, war belustigt, empört oder traurig. Fragte mich, was ich zu dem Zeitpunkt gerade gemacht hatte. Erlebte diese Jahre, meine und seine, im Schnelldurchlauf und wenn er von Tschick redet und man weiß, was er meint, weil man es kennt, wow! Und dann ist es vorbei.

Ich glaube nicht, dass man Arbeit und Struktur gelesen haben muss. Aber wenn man Tschick kennt und liebt und man mehr über die Hintergründe erfahren will, und vielleicht noch etwas über das Leben und das Schreiben. Dann ist dieses Buch eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Ich weiß nicht, wie lange, aber noch kann man den Blog auch online kostenlos lesen. Mit farbigen Bildern und Links. Erstere sind im Buch schwarzweiß, zweitere existieren dort nicht. Dafür gibt es ein Nachwort, Anmerkungen und unveröffentlichte Artikel im Anhang. Und natürlich hat man in der Druckversion etwas wertigeres in der Hand. Die letzten drei Jahre eines Lebens quasi.

Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf erschien bei Rowohlt.

Buch: Handbuch für Zeitreisende von Charles Yu

Zeitreisen sind eine tolle Sache. Ein schönes Thema für schöne Geschichten. Das Handbuch für Zeitreisendeist eine solche schöne Geschichte.

Charles Yu repariert (im Roman) Zeitreisemaschinen. Mehr noch: Er lebt in einer solchen, ist der Sohn des Erfinders von Zeitmaschinen und sowas wie der Notrufmann für gestrandete Zeitreisende. In dieser Geschichte erzählt er von seinen Kunden und seiner Suche nach seinem verschwundenen Vater. Und obwohl das Buch im Klein-Universum 31 spielt und dort nur 17% Realität sind, finden sich in den Gedanken und Worten von Yu über das Leben und die Zeit so viele Sachen, die man unglaublich gut nachvollziehen kann. Die man in seinem eigenen Leben finden kann. Auch ohne Zeitmaschine.

Das Handbuch für Zeitreisende ist ein tolles Buch. Manchmal lustig, oft eher nachdenklich und zum Nachdenken anregend.

Handbuch für Zeitreisende von Charles Yu erschien bei Rowohlt und wurde übersetzt von Peter Robert.

Hörbuch: Tschick von Wolfgang Herrndorf, gelesen von Hanno Koffler

Wenn man die Rückseite von Tschick liest, liest sich das so:

Maik, Sohn einer zerrütteten, wohlhabenden Unternehmerfamilie, verbringt die Ferien allein am Pool der elterlichen Villa. Am ersten Ferientag sind alle anderen zu Tatjanas Geburtstagsfeier eingeladen, außer den Idioten, den Fetten, dem Nazi, Maik und Tschick. Tschick, eigentlich Andrej, ist Deutschrusse, wohnt im Hochhaus und sieht unerhört asiatisch aus und ein bisschen gefährlich. Plötzlich ist er da und drängt sich dem widerstrebenden Maik auf. Im Handumdrehen hat er aus Maik herausgekitzelt, dass der unsterblich in Tatjana verliebt ist. Kurze Zeit später sitzen die beiden in einem geklauten Lada und machen sich auf in Richtung Südosten, in die Walachei, denn da wohnt Tschicks Opa. Eine somnambul-schöne Reise durch die sommerglühende deutsche Provinz beginnt, unvergesslich wie die Flussfahrt von Tom Sawyer und Huck Finn.

Maik und Tschick sind beide 14 und genauso liest sich der Klappentext: Wie eine Geschichte für Jugendliche. Zumindest körperlich bin ich ein paar Jahre älter als 14. Tatsächlich konnte ich aber das Hörbuch nicht mehr weglegen. Wolfgang Herrndorf (Jahrgang 1965) ist auch schon länger kein Jugendlicher mehr, aber er trifft die Sprache und die Gedankengänge unglaublich gut. Und dazu kommt ein extrem passender Hanno Koffler. Hannos jugendliche Stimme und ein ganz leichter Berliner Dialekt (eher eine Akzentfärbung als ein Dialekt) machen das Hörbuch zu einer leicht verdaulichen Kost. Hanno liest so schön und manchmal mit einem Lachen, als ob ihn Selbst die Geschichte auch belustigt. Die Geschichte der beiden Jugs ist ein Roadtrip in einem echtem russischen Auto, dem Lada Niva. Ein Roadtrip mit Musik, Mädchen, Witz und unerwarteten Wendungen. Ich saß lächelnd in der Bahn und lachte immer wieder unvermittelt auf. Ich glaube, innerlich bin ich immer noch Kind. Ich kann mich köstlich amüsieren bei Tschick.

Das Manko bei der Sache ist natürlich dieses „Autorisierte Lesefassung“. Heißt nämlich nichts anderes als dass diese Version gekürzt ist. Da will man ja wissen, wie der Rest des Buches ist. Deshalb muss ich mir irgendwann mal die gedruckte Fassung holen. Aber ich habe Angst, dass es ohne die Spreche von Hanno Koffler nicht ganz so gut wird. Eine Hörprobe gibt’s auf der Verlagsseite, aber ich finde den Ausschnitt nicht ganz passend gewählt. Dennoch, es gibt einen kleinen Einblick ins Buch und in die Spreche.

Tschick von Wolgang Herrndorf erschien bei Rowohlt, das Hörbuch, gesprochen von Hanno Koffler erschien bei Argon.