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Schlagwort: Stuttgart (Seite 2 von 16)

Ausstellung: „90° 0′ 0″ S“ von Maren Kames im Literaturhaus Stuttgart

Gestern Mittag habe ich zwei Schulklassen durch das Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar geführt. Jedes Mal kämpfe ich dabei mit der Schwierigkeit, „Flachware“ zum Leben zu erwecken. Wie stellt man Literatur aus? Wie bringt man sie nahe? Im Museum mache ich das über Geschichten, über Anekdoten zu den Ausstellungsstücken, zu den Autoren und Romanen.

Gestern Abend zeigte Maren Kames, wie sie das macht. Letztes Jahr hat sie ihr Debüt „halb taube halb pfau“ veröffentlicht und wurde die erste Kooperationsstipendiatin des Literaturhauses Stuttgart und der Akademie Solitude. Heißt, sie hat nicht nur drei Monate auf Schloss Solitude verbracht, sondern dort aus ihrem Buch, ihren Worten die Ausstellung „90° 0′ 0″ S“ generiert.

Schon ihr Buch (Rezension folgt) gleicht einer Partitur, die sich erst im Raum entfaltet. Die Seiten sind voller Weißraum, die Form folgt dem Inhalt und geht Dank QR-Codes über das Buch hinaus.

Diesen Ansatz hat Maren Kames in den Ausstellungsraum geholt. Neben den Treppen ins Schriftstellerhaus steht der erste Schriftzug. Der Raum selbst klingt in jeder Ecke anders. Mal nur Sounds, mal Worte, meist viel davon übereinander. Minibeamer projizieren alte Stummfilmsequenzen, Bilder oder Worte Sätze und Fragmente aus dem Buch. Überall im Raum finden sich Zitate aus dem Buch: An den Wänden, an den Rückseiten der Stuhllehnen, selbst an der Decke.

Die Ausstellung ist eine Insel von Sinneseindrücken, die für sich funktioniert. Glühen aber tut sie, wenn man das Buch kennt oder, wie bei der gestrigen Vernissage, man in diesem Raum einer Lesung beiwohnt. Ein roter Faden läuft von den einzelnen Inseln zu der Bühne, zu Maren Kames und Moderator Paul Brodowsky – ganz nebenbei, beides auch Hildesheimer Absolventen –  und macht daraus ein Gesamtkunstwerk.

Da der Raum weiterhin für Veranstaltungen genutzt wird, beschränkt sich jede Installation, abgesehen von den Stuhllehnen, auf die Wände und die Decke. Ich hätte mir noch mehr Installation im physischen Raum gewünscht. Aber in meinem Kopf ist die Vorstellung sehr schön, wie sich Kames‘ Worte im Raum bei einer anderen Veranstaltung ganz neu zusammensetzen und mit dem aktuell gesprochenen für jeden individuell verweben.

Maran hatte mir im Vorfeld erzählt, „Die haben gesagt, hier hast du soundsoviel Geld, mach damit, was du willst.“ Und genau das machte sie. Ganz viele Momente der Ausstellung, all die Kleinigkeiten, die sie so gut machen, sind Ergebnisse eines wirren Kopfes, dem man erlaubt, wirr zu sein. Sehr sehr toll. Geiler Scheiß, geradezu. Und dem Applaus nach stehe ich mit der Ansicht nicht alleine da. Ich wünsche mir mehr Mut von Institutionen, solche Dinge möglich zu machen. Wenn man dazu „Kunst“ drüberschreiben muss, soll mir das recht sein.

90° 0′ 0″ S„, eine Ausstellung von Maren Kames zu ihrem Debüt „halb taube halb pfau„, erschienen im Secession Verlag, zu sehen bis zum 21. April im Literaturhaus Stuttgart. Die Ausstellung ist vor und nach den Abendveranstaltungen sowie nach telefonischer Anmeldung (Fon 0711 / 22 02 17 3) zu sehen.

 

Konzert: Jeremy Loops im LKA Longhorn in Stuttgart am 13.11.16

https://www.instagram.com/p/BMxFeFJgC0P/

Mein Lieblingsmensch war im Sommer auf dem Summers Tale Festival und kommt mit viel neuer Musik nach Hause, unter anderem Jeremy Loops. Der Mann aus Südafrika ist nicht nur mit Band, sondern auch mit Loop Station auf der Bühne und er macht extrem gute Laune.

Vor kurzem sagt sie dann, Loops kommt nach Stuttgart. Wir also hin, zum LKA Longhorn, ein Konzertschuppen in Stuttgart-Wangen, zwischen Bundesstraße und Industriegebiet. Wir kommen dort an, eine Minute, bevor der Einlass offiziell losgeht und schon dann müssen wir uns in eine vielleicht 40 Meter lange Schlange stellen. Bis der Einlass dann wirklich losgeht, ist die Schlange geschätzte 200 Meter lang und verschwindet hinter der Kurve. Dann geht ein Ruck durch die Menge und wir gehen rein.

Die Stimmung ist gut und locker, Support Act Mat McHugh trägt seinen Teil dazu bei und dann geht es los. Jeremy Loops und die Band rocken für rund zwei Stunden das LKA Longhorn. Die Musik auf Platte zu hören, war schon geil, aber live strahlt die Band eine krasse Energie aus, baut eine Verbindung zum Publikum auf, Jeremy erzählt Geschichten und es macht so viel Spaß, dort zu sein. Alle tanzen und sind gut drauf und singen mit und als es vorbei ist, bleibt die Stimmung.

Am Tag drauf ist die Stimme rau, aber sobald hier Jeremy Loops läuft, tanzen wir durch die Wohnung. Großer Tipp also: Hört euch Jeremy Loops an. Die Deutschlandtour ist vorbei, aber wenn ihr mal die Chance habt, versucht, ihn live zu sehen.

 

 

Konzert: Florian Ostertag & Nasim auf Gartentour

Schon vor Wochen hatte ein Freund uns angesprochen und gefragt, ob wir Lust haben auf Florian Ostertag und Nasim, sie spielen irgendwo in einem Garten in Stuttgart, Teilnahme nur mit Anmeldung.

Ich kenne kaum Lieder der beiden, aber hej, wieso nicht? Dann ist es gestern soweit. Aber es regnet nicht nur, es schüttet. So sehr, dass wir die Aufnahmen für #incommunicado unterbrechen müssen, weil der Regen so laut ist. Nach Stunden im Studio bin ich auch nicht so motiviert, irgendwo ein Konzert zweier Musiker zu sehen, die ich kaum kenne, und ohne ein Dach über dem Kopf. Meine Begleiter aber sind motiviert genug, um mich mitzuziehen. Glücklicherweise.

Die Location stellt sich als die Bühne über Stuttgart heraus, ein Garten mit Natürbühne und Platz für etwa 100 Gäste. Wir sitzen mit Decken, holen und bezahlen Getränke auf Vertrauensbasis und beobachten Florian und Nasim, wie sie vor uns den Soundcheck machen. Langsam füllen sich die Reihen und obwohl wir uns nicht kennen, sind wir alle Teil dieser kleinen Veranstaltung, Teil einer exklusiven Gruppe. Und dann geht es los.

Florian und Nasim sind sympathisch, wissen, wie sie ihre Geschichten erzählen müssen. Sie sind nah und persönlich. Und sie machen gute Musik. Es ist egal, ob ich sie davor kenne. Sie setzt sich im Ohr und Herz fest und alle sind gut drauf.

Es ist ein großartiger Abend. In Decken eingemümmelt hören wir gute Musik und haben Stuttgart im Hintergrund. Sie singen auf Deutsch und Englisch und auf der Bühne stehen nicht nur Gitarren, ein Piano und ein Akkordeon, sondern auch ein alter Fernseher, ein Tonbandgerät und eine Schreibmaschine. Die beiden machen mit allem Musik, die sich trotz aller Elektronik handgemacht anfühlt.

Natürlich ist es viel zu schnell vorbei. Dann laufen die letzten Lieder und als der Hut rumgeht, bemerken wir, dass Philipp Poisel in der letzten Reihe sitzt, so dass man ihn kaum bemerkt. Florian war mit ihm auf Tour und jetzt kommt er vorbei, um sich ein gutes Konzert anzusehen und eine großartige Zeit zu haben. Genau wie wir.

Noch knapp eine Woche touren sie durch Deutschlands Gärten.  Wie gesagt, ihr braucht die beiden nicht kennen. Schaut sie euch einfach an. Es lohnt sich, versprochen.

Bericht: Lesung von Thees Uhlmann am 23.3. im Wizemann in Stuttgart

Bis letzten Sonntag war ich auf der Buchmesse in Leipzig (Bericht folgt) und Markus Naegele, Verlagsleiter von Heyne Core, erzählte im Interview mit Wolfgang Tischer vom Literaturcafé.de Lesungen sollten Rock’n’Roll sein.

Gestern sitze ich in der ersten Reihe bei Lesung von Thees Uhlmann mit seinem ersten Roman Sophia, der Tod und ich und er macht genau das. Klar, Uhlmann ist seit mehr als 20 Jahren mit seiner Band Tomte und solo als Musiker unterwegs und diese Bühnenerfahrung merkt man ihm an. Mit seiner leichten Out-of-Bed-Frisur, dem Weinglas und seinem abgegriffenem Leseexemplar seines Buches kommt er auf die Bühne im Wizemann, in deren Mitte nur ein kleiner schwarzer Tisch und das Mikro stehen.

Mein Gott ist eine Frau mit einem unglaublich kurzem Rock, die an der Bar sitzt und sich betrinkt und sagt, es gibt keinen Gott.

Thees Uhlmann

Er wartet ab, bis das Publikum den ersten Applaus abebben lässt und erzählt angesichts der Ereignisse in Brüssel am gestrigen Tag, dass er eigentlich ein unpolitischer Künstler ist, aber trotzdem etwas über seinen Gott loswerden will. Dann beginnt er mit dem eigentlichen Abend.

Sind wir ehrlich, wir kommen nicht auf eine Lesung, weil wir das Buch vorgelesen bekommen wollen. Dafür könnten wir uns auch das Hörbuch holen. Wir wollen eine Show erleben, Anekdoten hören und eine gemeinsame Erinnerung schaffen. Uhlmann ist Profi drin.
Die Lesepassagen behandelt er wie Songs, er liest das Buch nicht vor, er performt es. Er überspitzt die Figuren und die Stimmen, macht Sachen, die man als Sprecher nie machen würde, aber Thees auf der Bühne lebt das einfach und es macht unglaublich Spaß, ihm zuzusehen.
Zwischen den Lesestücken erzählt er. Kleine Geschichten, die ihm scheinbar spontan einfallen, aber auch, wie es überhaupt zu dem Buch gekommen ist und wie die gesamte Lesetour war. Stuttgart ist nämlich Abschluss einer wochenlangen Lesereise und Uhlmann lässt es extra krachen.

Insgesamt performt Uhlmann rund zweieinhalb Stunden mit einer kleinen Pause dazwischen, erzählt, liest, trinkt und hat Spaß. Im Laufe der Zeit wird immer klarer, wie professionell Uhlmann ist. Er weiß, wie er die Geschichten erzählen muss und er baut einen Bogen über den ganzen Abend und natürlich wurde keine Geschichte einfach so erzählt. Am Ende führen alle Fäden zusammen, was die Show umso größer macht. Gleichzeitig ist Uhlmann das beste Beispiel eines 12-jährigen im Körper eines knapp 42-jährigen. Er ist ein Lausbub, er freut sich, wenn wir uns freuen und er reagiert geil auf das Publikum.

Aber in wenigen Momenten überspannt er den Bogen. Nach der Pause kommt er mit der ganzen Weinflasche auf die Bühne und leert sie fast provokativ. Ich habe, wenn überhaupt, ein distanziertes Verhältnis zu Alkohol, aber wenn jemand trinken will, darf er das gerne tun. Problematisch wird es, wenn Menschen sich für ihr Verhalten verteidigen.

Als Uhlmann sich gerade wieder kräftig einschenkt, sieht er ins Publikum und blafft uns an, „bei Bukowski habt ihrs doch auch gefeiert!“ Ähnlich gab es Momente, in denen er seine Ausschweifungen verteidigt. Wir sitzen da und haben alle Spaß, wenn Thees Uhlmann auf der Bühne Spaß hat, aber in dem Moment, in dem er sagt, „vielleicht sabbel ich gerade ein bisschen viel, aber ich mache das heute Abend nur für mich!“, wird uns als Publikum eine Bewertung, eine Abwertung ihm gegenüber aufgedrückt, die wir davor nicht gehabt haben müssen.

Wie ähnlich der Abend einem Konzert ist, wird am Ende nochmal klar, weil sich keiner wundert, warum Thees Uhlmann keine Fragen beantwortet hat, sondern wir traurig waren, dass es keine Zugabe gab.

Thees Uhlmann macht aus einer Lesung eine Ein-Mann-Performance, einen geilen Abend, bei dem er in manchen Momenten leider ein wenig überdreht. Aber vielleicht gehört das auch zu einem geilen Abend.

PS: Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber ich ahne, dass das Hörbuch in diesem Fall die bessere Wahl ist, weil Thees Uhlmann das Werk durch seine Leseperformance um ein wichtige Ebene erweitert. Aber entscheidet selbst.

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann erschien bei KiWi, das Hörbuch  erschien bei Grand Hotel van Cleef. Danke an Chimperator Live für die Gästeliste. 

Max Herre auf dem Schloßplatz – ein Abend in 6 Szenen

1. Unterwegs

Ich schrieb Daniel, heute Abend spielt Max Herre kostenlos auf dem Schlossplatz, wollen wir gemeinsam hingehen? Auf dem Weg zum Eis holen hole ich das Telefon aus der Tasche, um zu sehen, ob er geantwortet hat. Genau in diesem Moment ruft er an!

2. Ein Konzert betrachten

Nach einer Zusage, einer Absage und einer erneuten Zusage stehen wir, die Bäuche voll mit Eis und die Finger kalt, kurz hinter dem ersten Brecher auf dem Schlossplatz. Es ist gerade so kalt, dass es unangenehm ist – wir wollten eigentlich nur kurz Eis holen und sind nicht angezogen für ein stundenlanges herumstehen – aber nicht kalt genug, als das wir nach Hause gehen würden wollen. Viel zu viel später beginnt das Konzert. Ich stehe da, Daniel neben mir, Chantal vor mir in meinen Armen. Sie sieht nur Köpfe von hinten und ich sehe mir nicht Max Herre an, sondern ein Konzert von Max Herre. Abgeschnitten durch einen Zaun und viel zu wenig Menschen im vorderen Bereich kommt nicht wirklich das Gefühl eines Konzertabends auf. Um uns herum gibt es auch höchstens ein wenig Kopfnicken, wenn überhaupt. Und direkt neben mir steht dieser Mann, der mindestens mein Vater sein kann. Was hat er hier zu suchen?

3. Tratschweiber

Im Laufe des Abends lichten und ordnen sich die Reihen, Chantal sieht genau zwischen zwei Mädels hindurch auf die Bühne. Diese beiden dagegen sehen sich an und plappern und gackern so laut, dass es zwar nicht verständlich, aber extrem störend ist. Dann beugt sich Chantal nach vorne und sagt:

„Voll dumm, die Musik ist so laut, ich verstehe gar nicht, was ihr erzählt!“

Die beiden sehen sie verständnislos an, dann reden sie weiter. Also spricht Chantal Klartext. Aber da treffen zwei Welten aufeinander. Die eine, die ein Konzert genießen will. Und die andere, die begeistert ein Foto von sich auf dem Konzert bei Facebook postet, aber selbst nichts von dem Moment mitbekommt.

4. A.N.N.A.

Die Weiber sind zwar noch da, aber jetzt kommen sie nicht mehr gegen die begeisterte Menge an. Daniel neben mir flippt aus und selbst der Mann neben mir grölt mit erhobener Hand den Refrain mit. Wow!

5. You are so beautiful

Im hinteren Drittel des Konzertes stehen nur noch Menschen um uns herum, die Musik genießen können. Und es ist nicht so, dass wir jetzt Max Herre oft zu Hause anhören. Dieser Abend aber ist dennoch ein wunderschöner.

6. Coda

Nach dem Konzert noch mit guten Menschen essen und trinken und Worte wechseln und danach erschöpft und stinkend, aber zufrieden ins Bett fallen. Danke.