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Bericht: Lesung von PeterLicht in Stuttgart am 20.11.21

Klar, ich kenne das Sonnendeck. Und seinen Auftritt vom Bachmannpreis 2006. Ansonsten bin ich gar nicht so sehr in der Musik oder in den Texten von PeterLicht. Aber wenn er in Stuttgart aus seinem neuen Roman „Ja okay, aber“ liest, will ich dabei sein.

Das Literaturhaus ist so voll, wie es in diesen Zeiten wohl sein kann. Alle am Platz mit Maske, nur auf der Bühne sind die Menschen ohne. Erst kurz Stefanie Stegmann, dann PeterLicht. Er muss Mitte 40 sein, aber er springt und bewegt sich auf der Bühne, als wäre er 20. Kein großes Hallo, keine lange Einleitung, PeterLicht setzt sich und beginnt mit am Anfang des Buches. Taucht in seinen Text ein und nimmt uns mit, ein Strom an Worten und Bildern, ohne Pausen, dafür mit einem Beat und voller Energie, die PeterLicht in den Text legt.

Es gibt kein Hörbuch zum Buch, aber wenn, dann müsste es – wie bei Sven Regener oder Thees Uhlmann – selbst gelesen sein. Nicht, weil er der beste Vorleser ist. Er gibt dem Text diesen Sog und die Dringlichkeit, die wohl nur er einbringen kann. Immer wieder muss ich bei der Lesung an die Texte von Peter Kurzeck denken, diese nie absetzenden Gedankenströme.

Peter Licht wechselt fast unbemerkt aus der Lesung in eine kurze Zwischensequenz und liest an einer anderen Stelle weiter. Dann ist es vorbei und er springt auf, wechselt von der Bühne zum Mikro, das danebensteht. Benedikt Filleböck kommt dazu, setzt sich an den Flügel und plötzlich sind wir im Konzert.

Vier, fünf, sechs Songs und eine Zugabe, und die beiden haben nicht nur sehr viel Spaß, sie schaffen es trotz dieser komischen Situation – Abstand, Sitzen, Masken, Literaturhaus – uns alle mitzunehmen. Wir wippen und nicken und singen mit, grinsen über die Texte oder summen – alles mit Maske.

PeterLicht zuzusehen, ist wie dem sechsjährigen, dem 22jährigen und dem 42jährigen in ihm gleichzeitig beim tanzen und Spaß haben zuzusehen. Und währen wir nur Klavier, Gitarre und Gesang haben, muss in seinem Kopf eine ganze Band, manchmal sogar ein Orchester samt Chor sein und das lässt er uns spüren.

Mein Highlight des Abends ist Dämonen vom neuen Album „Beton und Ibuprofen„. Weil es einerseits total PeterLicht ist, andererseits mich auf einer ganz anderen Ebene berührt und abholt.

Schade, dass wir in der Zeit sind, in der wir sind, und PeterLicht nicht so viele Abende bestreiten kann, wir er will. Wenn er irgendwo ist, geht hin. Es lohnt sich.

PS: Hier gibts noch mehr Fotos vom Abend.

„Ja okay, aber“ von PeterLicht erschien bei Tropen. Danke an den Verlag für die Einladung.

Buch: Scharfstellung von Heike Melzer

In meiner Praxis für Paar- und Sexualtherapie bekam ich vor ein paar Monaten einen Anruf mit unterdrückter Rufnummer.

Der erste Satz aus Scharfstellung

Heike Melzer tritt selbstsicher und imposant auf und sie braucht es mir nicht sagen, ich verstehe, dass sie weiß, wovon sie redet. Vor Kurzem hat sie bei TEDxStuttgart einen Talk gehalten, eine Kurzfassung dessen, was sie in ihrem Buch beschreibt: Die Abspaltung der Lust von der Liebe, angeheizt und ermöglicht durch Internet, Pornografie und Sexspielzeuge, samt der Gefahren, die damit einhergehen.

Es geht um Sex und es geht uns alle an und die Infos, die Heike Melzer in ihrem Buch liefert, sind spannend, keine Frage. Es sind auch Dinge, über die wir reden sollten. Ich finde dieses Buch aber leider nicht den besten Weg dafür.

  • Heike Melzer schreibt zum ersten Mal ein Buch und ist unsicher darüber, wie man einen Leser anspricht. Ich verstehe, dass man dieses Thema weder beschämt, noch zu ernst angehen will und Humor mit reinnimmt. Über diesen stolpere ich in diesem Buch. Er nimmt mich immer wieder aus dem Thema. 
  • Heike Melzer sagt zwar immer wieder, dass sie die Entwicklungen und all die Themen, die sie anspricht, nicht bewerten will, sondern nur beobachtend beschreiben will, ihre Sprache ist aber durchweg wertend. So gibt es Sätze wie „Sinnvoll eingesetzt kann Pornografie auch eine Partnerschaft bereichern […]“ (S.49).
    Ich finde eine Wertung und die Sensibilisierung, die Heike Melzer vornehmen will, nicht problematisch. Dann brauche ich aber auch nicht lesen, dass sie nicht werten will.
  • Wie schon gesagt, Heike Melzer erzählt extrem spannende Dinge und wirft dabei auch sehr sehr viele Zahlen in den Raum. Manchmal wird die Quelle im Text erwähnt, aber ich hätte mehrmals gern ein Verzeichnis gehabt, eine Sammlung aller Belege. Es gibt einen kurzen Anhang mit weiterführenden Büchern und Seiten und dann gibt es eine ziemlich ausführliche Literaturliste online. Aber es gibt nicht ein ‚diese Zahl kommt daher‘.
  • Und als letztes: Das Buch hätte mindestens einen weiteren Korrekturdurchgang gebraucht. Neben dem unsicheren Stil sind ganz viele Textpatzer drin, sich viel zu oft wiederholende Wörter und Bilder, die nicht stimmig sind. Keine Rechtschreibfehler, aber Unsauberkeiten, die für mich einen ähnlichen Effekt haben. Sie verwässern den Inhalt des Buches.

Ich habe mich ein paar Mal mit Heike Melzer über ihr Thema unterhalten und ich finde es wichtig und erzählenswert. Aber dieses Buch ist für mich nicht so stark, wie es sein könnte und sollte. Und das finde ich schade. Tatsächlich sind viele Menschen anderer Meinung. Das ist ja das Schöne an Meinungen.

Scharfstellung von Heike Melzer erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Blumensammler von David Whitehouse

Der erste Satz aus Der Blumensammler:

Dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel ächzen die Knochen unter der Last der Einsamkeit.

Der erste Roman von David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, hatte mich ernüchtert und irgendwie enttäuscht zurückgelassen. Aber ich sah dieses Cover, den Titel und den Klappentext und dachte, ich will es nochmal probieren.

Drei Männer und drei Geschichten, von denen nur eine die des Blumensammlers ist, wunderbar skurril und mit feinen Worten und Bildern erzählt. Das konnte David Whitehouse schon im Roman zuvor, das Ding mit den Worten und den Bildern.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/174529397672/es-taucht-aus-dem-nichts-auf-wie-es-erinnerungen

Diesmal aber fühle ich mich aber auch in der Geschichte und mit den Figuren wohl. Mit dem ehemaligen Waisenkind, das in der Londoner Notrufzentrale arbeitet. Mit dem alten Professor, der eigentlich nur mit seiner Frau zusammen sein will. Und natürlich mit Peter, dem Tatortreiniger, der in der Bibliothek in einem alten Buch einen Liebesbrief mit den Namen von sechs seltenen Blumen findet. Er beschließt, diese zu finden.

Whitehouse fädelt die Geschichten ineinander und ich ahne, dass alles irgendwie zusammengehört. Was es natürlich auch tut. Trotzdem und gerade deshalb lese ich mich ziemlich schnell durch das Buch, stets mit dem Smartphone in der Hand, weil ich die Blumen nachschlagen will, um die es geht. In ein paar Tagen habe ich die knapp 400 Seiten durch, lächelnd und gut gelaunt, weil es dann doch nochmal überraschend ist.

Es gibt zwei Dinge, die mich an der Geschichte wundern, die ich gern noch erörtert hätte. Bei einem Roman, der von Anfang bis Ende sauber geknüpft ist, stellen sich mir diese beiden Fragen (,die ich hier nicht stellen kann, ohne zu spoilern).  Aber ich kann sie auch als Interpretationsfreiraum sehen, welcher dem Leser gelassen wird.

Der Blumensammler ist ein innerlich und äußerlich schönes Buch, voller Liebe für die Natur und die losen Fäden des Lebens, mit einem besonderen Blick auf Charaktere und das Schicksal jedes Einzelnen.

Das erste Kapitel ist eine gute Leseprobe. Wenn man die Erlebnisse dort annehmen kann, dann kann man sich auf den Rest des Romanes freuen. Wenn man dort abgeschreckt wird, liest man lieber was anderes.

Der Blumensammler von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: So, und jetzt kommst du von Arno Frank

Der erste Satz aus So, und jetzt kommst du:

Als meine Mutter zum ersten Mal starb, war ich bei ihr.

Arno Frank erzählt seine Lebensgeschichte, zumindest die ersten paar Jahre davon. Die, in denen sein Vater genug hat vom Autos verkaufen, sich eine größere Summe zusammenbetrügt und dann mitsamt seiner Familie durch Europa flieht.

Der Klappentext bezeichnet den Vater als Hochstapler. Da muss ich an Leonardo DiCaprio in Catch me if you can denken und das geht in eine falsche Richtung. Dennoch, Frank erzählt eine krasse Lebensgeschichte, in die man schnell reinkommt, in einem nüchternen, leicht prosaischen Stil.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/160739827592/und-doch-ihr-erstes-helles-auflachen-u-ber-den

Es gab immer wieder Formulierungen, die aufblitzten, über die ich mich sehr gefreut habe. Leider aber, trotz der Neugier und der immer näher kommenden, unabwendbaren Katastrophe, bei der das ganze Lügengerüst des Vaters unweigerlich zusammenbrechen muss, gab es auch langatmige Stellen, durch die ich mich eher durchzwingen musste, bevor es gegen Ende dann wieder extrem Fahrt aufnimmt.

Arno Frank erzählt mit So, und jetzt kommst du seine krasse Geschichte, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob die Buchform die beste für diese Geschichte ist. Bei einem Abendessen auf der Buchmesse in Leipzig dieses Jahr haben wir uns ein wenig unterhalten und er hatte auch ein wenig aus dem Buch erzählt. Dort habe ich sehr gerne zugehört. Vielleicht ist also das Hörbuch, gelesen von Devid Striesow, in diesem Fall die bessere Wahl. Oder sogar ein bisher nicht existierender Film, der manche Längen des Buches herausnimmt. Von der Geschichte her auf jeden Fall konsumierenswert.

So, und jetzt kommst du von Arno Frank erschien bei Tropen, das Hörbuch, gelesen von Devid Striesow, erschien bei RandomHouse Audio. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.