Irgendwie versuchen wir Menschen oft, alles in Kategorien einzuordnen, um sie schneller benennen zu können. Beim Versuch, meinen Lebensstil in eine Kategorie zu fassen, komme ich immer wieder auf Straight Edge, aber das fühlt sich nicht ganz richtig an. Die wörtliche Bedeutung, „der Vorteil des Nüchtern sein“, mag ich sehr, aber in der Schublade Straight Edge sind dann aber auch so viele andere Sachen, die mir nicht taugen. Irgendwann bin ich auf den Begriff Asket gestossen:

[Askese] bezeichnet (…) eine Übungspraxis im Rahmen von Selbstschulung aus religiöser oder philosophischer Motivation. Angestrebt wird damit die Erlangung von Tugenden oder Fähigkeiten, Selbstkontrolle und Festigung des Charakters. Der Praktizierende wird Asket (griechisch ἀσκητής askētḗs) genannt.

Eine asketische Schulung beinhaltet Disziplinierung sowohl hinsichtlich des Denkens und Wollens als auch hinsichtlich des Verhaltens. Dazu gehört einerseits „positiv“ das beharrliche Einüben der angestrebten Tugenden oder Fähigkeiten, andererseits „negativ“ das Vermeiden von allem, was nach der Überzeugung des Asketen der Erreichung seines Ziels im Wege steht. (…) Die auffälligste Auswirkung auf die Lebenspraxis besteht im freiwilligen Verzicht auf bestimmte Bequemlichkeiten und Genüsse, die der Asket für hinderlich und mit seinem Lebensideal unvereinbar hält. Meist betrifft der Verzicht in erster Linie die Bereiche Genussmittel und Sexualität. Hinzu kommen Maßnahmen zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung, in manchen Fällen auch Übungen im Ertragen von Schmerzen.

Im heutigen Sprachgebrauch ist die Bedeutung der Wörter Askese, asketisch und Asket im Allgemeinen auf den Aspekt einer freiwilligen Enthaltsamkeit eingeengt, die zwecks Erreichung eines als höherwertig geltenden Ziels praktiziert wird. Dabei können religiöse oder philosophische Motive in den Hintergrund treten oder ganz entfallen.

Soweit in großer und allgemeiner Sichtweise. Was das für mich persönlich bedeutet, kommt in folgender Liste des Verzichts. Diese Liste ist eine Momentaufnahme. Keiner, am wenigsten ich selbst, weiß, wie es in Zukunft aussieht. Los geht’s:

Kein Kaffee. (Seit 1986)

Das war einfach. Kaffee hat mir einfach noch nie geschmeckt. Lustigerweise prophezeiten mir Gefährten in jedem meiner Lebensabschnitte, dass ich spätestens zum Abi / im Zivi / beim Radio / im Studium mit dem Konsum beginne. Ich mag den Geruch gerösteter Bohnen und habe es immer wieder probiert, aber das war es dann auch. Kaffee ist mir einfach zu bitter. Und ein Mittel, um des Morgens wach zu werden, brauche ich nicht. Ich glaube, Kaffee zum Wachwerden ist langfristig ein psychologischer Effekt. Und für den psychologischen Effekt brauche ich den Geschmack nicht.

Keine Zigaretten. (Seit 1986)

Auch dies war einfach. Keine rauchenden Eltern, ein sehr rauchfreies Umfeld in meiner Jugend. Also gab es zwei oder drei Versuche, an einer Zigarette zu ziehen, etwa im Alter von 12 bis 16, aber niemals genug, um wirklich auf den Geschmack zu kommen oder so viel cooler dadurch zu sein. Tatsächlich kann ich aber die Coolness des Rauchens nachvollziehen. Ich mag beispielsweise das Ritual von Zigarettendrehen. Auch das ziehen, halten und loslassen ist ein schönes Ritual. Leider schmeckt es mir aber überhaupt nicht. Und eine geschmackvolle Variante dieser Coolness habe ich noch nicht gefunden.

Was hier aber auch dazu gehört, dass ich etwa von 16 bis 20 ziemlich intensiv Wasserpfeife geraucht habe. Tatsächlich, weil auch dieses gemeinschaftliche Ritual mir sehr gut gefällt und auch, weil es mir schmeckt. In den letzten Jahren aber hat sich der Konsum auf etwa ein Mal pro Jahr reduziert. Mehr ist auch nicht nötig.

Kein Alkohol. (Seit 2009)

Ich habe schon von Anfang an sehr selektiv Alkohol konsumiert, weil mir viele Varianten einfach nicht schmecken. Inklusive Bier. Ich kann den herben Geschmack nicht ab. Ab und zu mal Bier Mischgetränke, meist dann aber Rotwein oder Wodka. Hier ein Gruß an die italienischen und polnischen Wurzeln. Irgendwann gab es ein paar Punkte, die zusammenkamen:

  • Es schmeckt mir nicht nicht. Klar gibt es gute Weine. Aber so grundsätzlich gesehen muss ich sagen, mag ich den Geschmack von Alkohol nicht. Und im Laufe der Zeit ist mir immer klarer geworden, dass ich nicht des Genusses wegen trinke, sondern „weil man das so macht“. War ja schon schlimm genug, den Leuten jedes Mal erklären zu müssen, dass ich kein Bier trinke und lieber zum Wein greife. Dazu kommt der
  • Kontrollverlust. In meiner ganzen Beziehung zum Alkohol habe ich einmal davon gekotzt, einmal einen Blackout gehabt und einmal beides zusammen erlebt. In einem Zeitraum von etwa 6 Jahren. Und mir wurde immer klarer, dass ich diesen Kontrollverlust nicht haben will. Das ist ganz wichtig wegen des nächsten Punktes.
  • Ich kann alkoholisierte Menschen oft nicht ernst nehmen. Grundsätzlich Menschen unter Einfluss von Bewusstseinsverändernden Mitteln. Es gibt da diese Anekdote einer Feier auf der ich nicht betrunken, aber ganz gut dabei war und da dieses Mädchen aus der Arbeit war, die einfach cool war. Und an diesem Abend traute ich mich endlich und zählte ihr all die Sachen auf, die c0ol an ihr waren. Was für ein gutes Gefühl, das endlich vermitteln zu können. Endlich den Mut aufbringen zu können. Am folgenden Montag aber kommt sie auf mich zu und sagt, Fabi, wie süß war das, als du betrunken warst, du hast so liebe Sachen gesagt. Und ich sagte, das hat nicht mit dem betrunken sein zu tun gehabt, ich meinte das alles ernst und kann es auch jetzt noch wiedergeben. Aber sie lachte und ging davon. Und genau so geht es mir auch oft. Und das ist schade. Denn oft sind es Gespräche mitten in der Nacht oder an ungewöhnlichen Orten, nach Stunden der Annäherung, des Tanzens, des Zusammenseins, die wunderschön und erinnernswert sind. Wenn aber Alkohol oder andere Drogen im Spiel sind, dann schmälert das meine Erinnerung und mein Gefühl, weil ich nie weiß, ob das der Mensch ist oder der Alkohol. Und wie schade wäre das, wenn die Menschen die tiefen Worte nur unter Drogeneinfluss aussprechen können? Und deshalb als letzten und auch zusammenfassenden Punkt:
  • Oft war es mir das nicht wert. Ich glaube, die gute Stimmung, die durch Alkohol oder andere Drogen erreicht wird, bekommt man auch so hin. Oder anders: Ich für mich komme an den gleichen, wenn nicht sogar besseren Punkt, ohne Einfluss. Aber dazu kommen wir gleich bei den restlichen Drogen.

Wegen all der Punkte sagte ich mir also dann, das ist es nicht wert. Ich lasse den Alkohol einfach weg. Nie bereut, nie Gelüste danach gehabt.

Keine anderen Drogen. (Seit 2006)

Ich habe auch nicht viele Drogen probiert. Marihuana und das damals noch legale Salvia Divinorum, das war’s. Während Halluzinogene eine gewisse Faszination ausstrahlen, war mir beim kiffen ziemlich schnell klar, dass ich auch hier nicht dir Droge brauche, um die gewünschte Wirkung zu erreichen.

Meine Lieblingsmetapher für Drogen aller Art ist der Fahrstuhl. Ich kann in den Fahrstuhl steigen und schnell auf die gewünschte Ebene kommen. Ich kann aber auch die Treppe nehmen. Ich nehme lieber die Treppe.

Kein Fleisch. (Seit 2010)

Mein bester Freund ist Vegetarier, seit ich denken kann. Deshalb war ich auch bei etlichen Diskussionen für den Fleischverzicht dabei und musste jedes Mal feststellen, dass er Recht hat. Ich kann keine Argumente für die Art von Fleischkonsum finden, wie sie derzeit gemeinhin praktiziert wird. Rechtfertigungen, ja. Die haben diese Entscheidung dann auch um Jahre verschoben. Bis ich immer mehr Vegetarier und Veganer kennengelernt habe und ich jedes Mal gesagt habe, ich habe kein Argument dagegen, aber glaube nicht, dass ich das hinkriege. Und eine Freundin sagte mir dann Ende 2010, keiner zwingt dich, von jetzt auf gleich Vegetarier zu sein. Aber du kannst bei jedem Essen neu entscheiden, ob du Fleisch essen willst, oder nicht. Seitdem habe ich noch zwei Tiefkühlpizzen  mit Salami darauf gegessen.

Besonders im ersten Jahr hatte ich immer wieder noch Lust auf Fleisch. Noch nichtmal auf ein gutes Steak oder so, sondern eher auf Schnitzel mit Pommes oder ein Döner. Aber immer, wenn es um die konkrete Entscheidung ging, war das Fleisch nicht mehr relevant. Und mir geht es sehr gut damit.

Mittlerweile strebe ich danach, vegan zu leben. Aber eben mit oben genannter Methode: Bei jedem Essen neu zu entscheiden, ob ich Tierprodukte zu mir nehmen möchte. Und wenn, dann ist das okay.

Ob ich noch Spaß habe?

Diese Frage bekomme ich häufig gestellt. Tatsächlich glaube ich aber, dass Spaß haben und Rauschzustände durchaus ohne all die oben genannten Sachen möglich sind. Auf eine reinere, bewusstere Art. Denkt an die Fahrstuhlmetapher.

Mir geht es sehr gut mit dieser Lebensweise. Wobei ich auch nicht das Gefühl habe, wirklich auf etwas total tolles zu verzichten. Im Gegenteil bin ich eher ziemlich erschrocken, wenn jemand sagt, er braucht jetzt unbedingt Kaffee / Alkohol / Fleisch, sonst kann er nicht arbeiten / feiern / Spaß haben / die nächste Woche überstehen.

Ich will kein Moralapostel sein, niemanden bloßstellen oder mich höherstellen. Ich möchte meine Sichtweise, meine momentane Meinung darlegen. Aber ich bin sehr gespannt auf eure Gedanken dazu.