Text: Die Bibliothek der vergessenen Bücher

und das Regal mit den Geschichten, die niemals enden dürfen.

Ich bog um die Ecke in die nächste Reihe von den Bücherregalen. Jetzt war ich voll aus dem Sichtfeld des Bibliothekars verschwunden. Auch wenn der Alte immer ein warmes Lächeln für mich übrig hatte, fühlte ich mich unter seinen Blicken etwas beobachtet.

Über dem Regal, vor dem ich nun stand, hing ein kleines Schild, verwittert und staubig:

Geschichten, die niemals enden dürfen.

Das Wort „niemals“ hatte die schreibende Hand dreimal unterstrichen. Spontan fiel mir nur ein Buch ein, das in diesem Regal stehen sollte. Lustigerweise konnte ich Michael Endes „Unendliche Geschichte“ nicht in dem Regal finden. Ich konnte überhaupt kein Buch finden, von dem ich jemals gehört hatte. Die ganzen Bücher in dem Regal hatte alle keine Titel. Aus dem Bauch heraus legte ich einen Finger auf einen Buchrücken und zog das Buch heraus. Ich hörte die Schlurfenden Schritte des Bibliothekars, einen Moment lugte er um die Ecke und lächelte mich schweigend an. Ich zeigte ihm das namenlose Buch in meiner Hand.

„Warum haben all die Bücher keine Titel?“

„Weil es für das, was in ihnen steht, nicht genügend Beschreibungen gibt.“

„Was steht denn in ihnen?“

Zu dem Lächeln kam ein Augenzwinkern hinzu.

„Wie gesagt, das kann man nicht so leicht in Worte fassen. Am besten, sie schauen rein.“

Ich schlug das Buch auf, das ich in der Hand hatte. Die Sprache, in der es verfasst war, kannte ich nicht. Ja, ich konnte nichtmal etwas mit den Schriftzeichen anfangen. Ich lies die Seiten durch die Finger gleiten und wollte das Buch schliessen, als der Bibliothekar seine hand in das Buch legte.

„Bitte, die Geschichten dürfen niemals enden.“

Er nahm mir das offene Buch aus der Hand, blätterte in die Mitte des Buches und schloss es. Dann gab er es mir wieder.

„Verstanden?“

Ich nickte, verdutzt, er lachte und wandte sich zum gehen.

„Dann viel Spßa beim Entdecken.“

„Haben die Bücher eine Reihenfolge?“

Er war schon verschwunden und steckte seinen Kopf nochmal hinter einem Regal hervor.

„Keine Reihenfolge, keine Ordnung. Die Geschichten finden schon ihren Platz.“

Dann war ich allein mit all den namenlosen Büchern. Ich sah mir das Regal genauer an. Bücher in jeglicher Form waren hier aneinandergereiht. Manche waren dicke Wälzer in edlen ledereinbänden, einige waren eher Notizblöcke und ein paar Exemplare waren eher lose Blattsammlungen als richtige Bücher. Eine Ordnung schien es tatsächlich nicht zu geben. Die Bücher waren wild aneinandergereiht, gestapelt und manchmal sogar in mehreren Reihen hintereinander aufgestellt. Frei nach meinem Gefühl zog ich eines nach dem anderen und betrachtete es. Ein recht dickes Buch, dessen Schrift ich zwar lesen konnte, aber nicht verstand, blätterte ich langsam durch. Anfangs war die Schrift kragelig, unsicher ud recht groß. Im Laufe der Seiten wurde sie immer feiner und geübter und schöner, bis sie irgendwann ihren Höhepunkt erreicht hatte und dann zwar fein blieb, aber immer zittriger wurde.

Lange betrachtete ich den letzten, festen, aber entgültigen Punkt. Dann blätterte ich zurück zu den Seiten, auf denen die Schrift kalligraphische Züge angenommen hatte, und schlug das Buch zu. Eine Schrift in einem Heftchen, das höchstens ein Dutzend Blätter enthielt, hatte die Regelmäßigkeit eines Herzschlages. Als ich auf der letzten Seite einen langen gerade Strich sah, fröstelte es mich.Ein Buch hätte ich fast gleich wieder zugeschlagen, weil weil die Seiten weiß waren. Erst auf den zweiten, viel genaueren Blick sah ich die feinen Erhebungen der Blindenschrift, die in das Papier geprägt waren. Ein Buch war voller tanzender Noten, ein anderes mit blutroter Farbe geschrieben. Ich fand Bücher voll Kinderzeichnungen, Schriften, die von Tränen verlaufen waren, angekokelte Seiten und parfumiertes Papier.

Jedes Buch hatte seine eigene Geschichte. Nein, jedes Buch war seine eigene Geschichte. Und keine der Geschichten konnte ich in Worte fassen. Der Bibliothekar hatte Recht gehabt.

Ich legte ein kleines Büchlein zurück, in dem sich ein aufgerissenes Kondompäkchen und sonst nur leere Seiten befanden und zog ein Buch heraus, dessen Seiten aus Hanfpapier bestanden und farbenfroh bemalt und berschrieben waren. Mit dem Buch ging ich zu dem Alten zurück.

„Was soll das kosten?“

Der Alte schüttelte den Kopf.

„Die Geschichten kann man nicht kaufen, nur mitnehmen.“

Ich nickte.

„Und wann soll ich es wieder zurückbringen?“

Der Alte winke ab.

„Die Geschichten haben bis jetzt immer ihren Weg gefunden.“

Ich lächelte. Obwohl ich nicht genau verstanden hatte, von was der Alte redete, hatte ich das Gefühl, er hatte Recht.Ich tippte an meinen imaginären Hut, lief an den Regalen voll mit Büchern vorbei und verschwand in dem Augang, der sich neben der Wand voller Sanduhren befand.

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