Text: Persönliche Briefe in Großbuchstaben.

Es war ein Dienstagabend. Schnee lag keiner mehr, aber es war trotzdem nass und kalt.
Ich hatte nach dem Abendessen meine Frau und meinen Sohn geküsst und war in den Park spazieren gegangen. Ich hatte meine Lieblingsbank, auf die ich zusteuerte, doch ich musste sehen, dass jemand schon auf ihr saß. Ein Kerl, gerade erwachsen und halb so alt wie ich. Ich gesellte mich zu ihm. Er saß vornüber gebeugt und schien mich nicht zu bemerken. In seinen Händen drehte er einen Zettel hin und her. Wir saßen vielleicht eine Viertelstunde schweigend, plötzlich drehte er sich zu mir.
„Kann ich Sie etwas fragen?“
Ich nickte.
„Ich habe heute diesen Zettel mit der Post bekommen.“
Er gab mir den Zettel. Ich rückte meine Brille ein Stück höher und las die Großbuchstaben.

ICH HABE DEINE FREUNDIN GEBUMST.

DAS MUTTERMAL LINKS SIEHT AUS WIE EIN PIERCING, ODER?

„Meine Freundin hat am linken Schenkel innen ein kleines rundes Muttermal. Das ist so nah, das sieht man auch nicht, wenn sie einen Bikini anhat.“
Er erzählte von sich aus. Er redete über die Zeit, die er schon mit diesem Mädchen zusammen war und er redete von seinen Gedanken, die er hatte, als er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte. Er erzählte, dass sie noch arbeiten war, als der Brief kam und er dann die Wohnung verlassen hatte, bevor sie kam. Er erwähnte die Gedankengänge, die Rachepläne und die Verzweiflung, die er spürte. Dann schwieg er. Ohne mich etwas gefragt zu haben. Ich antwortete trotzdem.
Ich beschwichtigte ihn, nur um ihn wieder aufzuregen.
Ich machte ihm Vorschläge, nur damit er kontern konnte.
Ich ulkte, nur damit er noch trauriger wurde.
Dann verzweifelte ich und er öffnete sich. Er lenkte ein, erzählte von ihren letzten Krisen, die sie gemeistert hatten. Er sagte, er würde sie trotzdem lieben. Ich warf ein, dass er sie darauf ansprechen musste. Er gab mir Recht. Das erste Mal an diesem Abend. Wir ergänzten uns gegenseitig bis er endlich wieder ein wahrhaftes Lächeln auf den Lippen hatte.

„Das Leben ist so kurz, da sollte man sich nicht ärgern.“

Ich nickte und stand dann auf.
„Das ist richtig, lieber Freund. Wenn du Probleme oder Sorgen hast, melde dich.“
Er nickte.
„Ich werde wohl immer mal wieder Sorgen haben, aber ich sollte mich nicht von ihnen runterziehen lassen, sondern tun, was ich tun möchte.“
Diesmal lächelten wir beide. Ich schüttelte seine Hand, dankte ihm für sein Vertrauen, wünschte ihm noch eine schöne Zeit und machte mich mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf den Weg heim.
Am nächsten Morgen las ich von ihm in der Zeitung. Er hatte sich umgebracht und plötzlich änderten alle Worte, die wir gestern gewechselt hatten, ihre Bedeutung.

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