Text: Das Glück im Wasserglas

Es musste mitten in der Nacht gewesen sein, als er die Decke zurückwarf, aufstand und seinen Morgenmantel überwarf. Leise und vorsichtig lief er durch den Flur, der nur vom Licht des Mondes erhellt wurde. Er kannte das alte Farmhaus genau. Er war hier geboren worden und hatte fast sein ganzes Leben hier verbracht. Auch in völliger Dunkelheit fand er sich zurecht und wusste ganz genau, welche Dielen knarrten. Er ging durch den kalten Wohnraum – das Feuer im Kamin war schon seit Stunden erloschen – und ging in den wärmsten Raum des Hauses. Die Küche. Grace, die Haushälterin war noch bei den letzten Arbeiten, anscheinend bereitete sie schon das Essen für den nächsten Tag vor.
Grace war nicht nur Angestellte, Grace war Teil der Familie. Früher war sie sein Kindermädchen gewesen und dann, als er in den Krieg zog, war sie einfach geblieben. Seufzend setzte er sich an den Tisch, Grace stellte ihm ein Glas Wasser hin.
„Kann der Herr nicht schlafen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Zu viele Gedanken und Sorgen halten den Kopf wach.“
„Ist irgendetwas passiert? Ist jemand erkrankt?“
„Nein, nichts passiert, niemand erkrankt. Das Geschäft, das Streben nach Glück zerbricht mir den Kopf. Sag mir Grace, wollen die Menschen immer mehr? Warum können sie nicht glücklich sein?“
„Schmeckt dir dein Glas Wasser, Herr?“
Er nickte und leerte das Glas in einem Zug.
Grace füllte das Glas erneut mit Wasser. Sich selbst aber presste sie zwei Orangen aus und trank den frischen Saft. Fast neidisch sah er ihr zu.
„Machst du mir auch ein Glas mit Oragensaft?“
Grace lächelte.
„Ich dachte, dein Wasser ist gut?“
„Ja, aber Oragensaft ist besser.“
Grace stellt ihm das neue Glas hin.
„Du wärest vollkommen glücklich mit dem Wasser gewesen, hättest den Saft nicht gesehen, Herr. Du musst lernen, das Glück im Wasserglas zu sehen.“

Die Gedanken zum Text gibt’s hier.

Eine Version des Textes wurde abgedruckt in der „Anthology der Gier“, hg. von michason & may.

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7 Gedanken zu „Text: Das Glück im Wasserglas“

  1. ein paar Fragen zum Text: sind da drei personen in der szene? und spricht grace mal in der 3.Person mit dem Herrn und mal duzt sie ihn? und warum sagt der Herr (ist er denn jetzt der Erzähler oder nicht?) so – Verzeihung- flappsig gleich die Essenz der Frage, also eigentlich den Clou der Geschichte?

  2. Ah! Du hast Recht, es sind nur zwei Personen, „ich“ und „mein“ hat sich da reingeschlichen, ich verbessere es gleich. Zur zweiten Frage, wann duzt sie ihn denn nicht? Und zu allerletzt, aber am wichtigsten, was ist für dich die Essenz der Frage, bzw der Clou der Geschichte? ich bin gespannt 😉

  3. oh..jetzt seh ich meinen denkfehler, bzw. ich hab nicht weit genug gedacht.
    also nun verstehe ich es so: der Herr, zu dem man irgendwie gleich sympathien entwickelt beim lesen, eigentlich ein positiver Charakter, beschäftigt sich mit großen gedanken. Er macht sich sorgen um die Welt und versteht nich warum andere („die Menschen“) so profitgierig, geizig, erfolorientiert sind.
    Seine Haushältern zeigt ihm aber in einer sehr einfachen, gar nicht hochtrabend anmutenden Situation, dass es nicht nur „Menschen sind“ , sondern er genauso.
    Das ist für mich der Clou der geschichte 😉
    Seine Frage wird direkt gar nicht beantwortet, sie wird nur umgedeutet zu einem: Und was machst du persönlich mit deiner Einstellung, damit es weniger „solcher menschen“ gibt?

    Lg
    und tschüssi!

  4. Hm… ich seh‘ das ein bisschen anders. Ich gehe sehr wohl davon aus, dass der Herr sich auch zu „den Menschen“ zählt. Was Grace macht, ist ihm ja zu sagen, worin die Kunst des Glücklichsein besteht: Im Zufriedensein mit dem was man hat, und nicht immer nach mehr zu streben.

  5. ach herrlich, da hab ich doch glatt ne neue geschichte von dir entdeckt! und noch dazu eine so tolle!
    weise gedanken in wunderschönen worten…
    weisst du, warum mir indien so gefällt? da hab ich menschen getroffen, die hatten fast nix und haben sich doch an ihrem „glück im wasserglas“ erfreut.
    doch je mehr orangensaft ihnen vor die nase gehalten wird, desto unglücklicher werden sie…

  6. Ci-Jou Kommentare:
    1. Iris
    16. März 2009 um 10:18Uhr

    Einfach auf den Punkt gebracht – Klasse!
    2. Archimboldo
    16. März 2009 um 11:31Uhr

    Die Parabel ist überzeugend, die Erkenntnis präzise gebracht.
    – Nur der Hintergrund bereitet mir Schwierigkeiten, klingt wie eine Geschichte aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert. – Wer kann in seiner Biographie noch auf solche treuen “Perlen” zurück greifen, wer hat den Krieg noch miterlebt?
    Ich vermisse eine Übertragung in gegenwärtige Wahrnehmungs-Möglichkeiten, in die Sprache unserer Gegenwart. – – –
    3. nightheart
    16. März 2009 um 12:00Uhr

    Die Idee hinter dem Glück im Wasserglas war: Ein Beispiel in ein echtes Umfeld unterbringen und daraus dann wieder eine Metapher machen. Ich benutze das Bild von Wasser schon lange als Bild dafür, warum Menschen glücklich sein können, auch wenn sie nur einfache Sachen haben. Eben solange sie nicht das bessere kennen. Solange wir nur Wasser kennen und trinken, schmeckt es und alles ist gut. Erst wenn wir einmal Orangensaft getrunken haben, wissen wir eben, dass es auch anders geht. Baut darauf nicht die Konsumgüterwirtschaft auf? Zeige dem Menschen was für tolle Sachen er nicht hat und bringe ihn dann dazu, sie zu kaufen.
    Also ist doch die Kunst, all die Luxusgüter zu kennen, nicht aber das Verlangen zu haben, sie zu besitzen.
    Die Geschichte sollte genau das wiederspiegeln. Nur sollte das Wasserglas tatsächlich in einer Umgebung sein, in der es sehr geschätzt wird. Mir gefiel die Idee eines alten Farmhauses in einer Zeit, in der wohlhabendere Menschen ihre Haushälterinnen haben. In der das Wasser im Glas so einen leichten trüben Schimmer hat. Und es Orangensaft nur gibt, wenn man sich die Orangen selbst auspresst.
    4. Herr Beil
    16. März 2009 um 12:30Uhr

    Moin Faby, mein Lieber – du weißt, ich kenne alle deine Texte, auch wie sehr ich sie bzw. deine Schreibe schätze – dieser hier gehört für mich zu deinen besten, sag ich jetzt mal, auch, weil dein Kommentar bestätigt, was ich beim Lesen heute morgen dachte, haste prima “metaphert” ! 😉
    5. Archimboldo
    16. März 2009 um 12:37Uhr

    Ich denke, ich habe schon beim ersten Lesen die Botschaft verstanden – und gehe damit weitgehend konform! – So habe ich im Kollegium zum Nachdenken angeregt, als es plötzlich Mode wurde, Wasser in PET-Flaschen mitzubringen, kam doch das beste Wasser weitum direkt aus dem Wasserhahn – Viele hatten es vorher in Kanistern bis nach Würzburg mitgenommen.
    Dein Text suggeriert leider auch etwas Nostalgisches, baut eine Kulisse auf, die bedeuten könnte `zurück in die romantische Vergangenheit` – und dagegen wende ich mich.
    – Hatte doch die Öko-Bewegung schon Ähnliches auf breiter Basis in Bewegung gesetzt!
    Eine Rückbesinnung auf den wahren Luxus, das ´existenziell Notwendige’, mit vertretbaren und genießbaren kleinen Verbesserungen (ohne Verschwendungs-Effekt) scheint mir eher das Ziel zu sein.
    6. Herr Beil
    16. März 2009 um 12:55Uhr

    Och Robert, dieses “Nostalgische” bedeutet für mich nix anderes, als sich wieder auf die kleinen Dinge des Lebens zu besinnen – “früher” haben die Menschen auch gelebt, und das glücklich, wenn nicht sogar glücklicher und zufriedener – ohne all den Schmonsens, der uns heute so selbstverständlich geboten wird – wie Faby schon schreibt – was man nicht kennt, fehlt auch nicht – ich persönlich finde den Vergleich Wasser/Orangensaft recht originell und prima.
    7. nightheart
    16. März 2009 um 13:15Uhr

    @Archimboldo, ich denke ich weiß was du meinst. Ich denk mal drüber nach, je nachdem wie motiviert ich heute aus dem Studio komme, gibt’s morgen eine Gegenwartsversion. Ich hab da sowas im Bauch… Mal sehen.
    8. Sibylle E.
    16. März 2009 um 13:23Uhr

    Genau dieses Prinzip ist es doch, das die Werbung hemmungslos benutzt um in uns Bedürfnisse zu wecken, die gar keine sind.
    Mir hat diese Metapher unglaublich gut gefallen, vielleicht weil meine persönliche Situation so ist, dass ich die Köstlichkeit des Wasser würdigen kann (muss?). Orangensaft gönne ich den anderen.
    9. Iris
    16. März 2009 um 14:12Uhr

    zur Zeit: mein erster Gedanke war – nach dem amerikanischen Bürgerkrieg … könnte aber auch genau so gut in England spielen. Ich glaube nicht das es wirklich maßgeblich für die Metapher ist, es war nur mein erster Gedanke beim Lesen.
    10. nightheart
    16. März 2009 um 14:22Uhr

    @Sibylle E. Dieses Prinzip, dieses Bedürftnis hat aber nicht nur Nachteile. Als ich auf einer langen Fahrt in die Schweiz mit einem Freund über das Glück im Wasserglas geredet habe, ist aufgefallen: Ohne dieses Streben nach Mehr gäbe es keine Veränderung. Wären wir immer nur glücklich mit dem, was wir haben, wären wir noch in der Steinzeit.
    11. Sibylle E.
    16. März 2009 um 16:00Uhr

    @ nightheart: volle Zustimmung… aber Zufriedenheit zu empfinden, wenn man weiß, dass es Dinge gibt, die nicht erreichbar sind, wie z.Zt. für mich der Orangensaft, das gibt mir die Gelassenheit, die Situation als gut zu ertragen…um es mal mit Simmel zu sagen: Es muss nicht immer Kaviar sein…
    so habe ich deine Metapher verstanden…
    12. Archimboldo
    16. März 2009 um 17:19Uhr

    @ nightheart, ich freu mich zu lesen, dass mein Gedanke bei dir angekommen scheint und bin gespannt auf die neue Variante der Metapher!
    – Ich denke auch darüber nach und ahne bisher nur, dass es sich um eine Neu-Definition der Werte handeln muss, eine Rückkehr zu Einfachheit, Selbstverständlichkeit und direktem Kontakt sowohl mit den grundlegenden Dingen, als auch mit dem Anderen!
    Denn das wird auch unsere Zukunft bestimmen bei schrumpfenden Resourcen, der freiwillige Verzicht auf Menge, Komplexität und Konkurrenz-Denken – ohne dabei auf qualitativen Fortschritt (den es ja auch gibt) zu verzichten!
    – Märchenhafte Bilder sind schön zum Verweilen, doch wenige der “Blumenkinder” beackern heute noch ihr Gärtchen, obwohl zu Zeiten Seymours das ein ernst zu nehmendes Ziel war!

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