Text: Tag 8

Es war der achte Tag, nachdem mein rostiger Vogel den staubigen Boden geküsst hatte. Acht lange Tage war ich nun schon in dieser Wüste, die tagsüber so heiß war wie die Hölle und nachts so kalt wie das Herz mancher Frauen. Seit mehr als 21 Jahren flog ich nun Pakete um die Welt, doch diese acht Tage im Sand kamen mir länger vor, als die gesamte Zeit in meinem Flugzeug. Es war aber auch die längste Zeit, die ich in den letzten Jahren am Stück am Boden verbracht habe hatte. Sonst war ich immer nur angekommen, hatte mich mit einem Umweg über eine Flughafenbar ins Bett geworfen und war am nächsten Mittag weitergeflogen. Es gab nirgendwo irgendetwas, was mich länger am Boden gehalten hätte. Die Frauen, die ich traf, konnte ich mir nicht länger als eine Nacht leisten.
Sechs Tage ohne Essen, zwei Tage ohne Wasser. Und definitiv nicht der erste Tag, an dem ich mir ernsthafte Gedanken um mein Überleben machte.
Aber fangen wir acht Tage vorher an:
Es war ein Mittwoch, als meine Beechcraft abstürzte. Eine Strecke über der Wüste Namib, die ich schon zu oft geflogen war, als dass ich mich um irgendwas zu kümmern brauchte. Über die Wüste zu fliegen ist wie mit einem Auto auf der Route 66 durch die Staaten zu fahren. Hunderte von Kilometern ohne eine Veränderung. Und plötzlich, mitten über der endlosen Fläche aus Sand und kargen Steinen, fing der rechte Propeller an zu brennen. Dann fiel er aus. Also ab in den Tiefflug und notlanden. Und noch bevor ich den Boden berührte, wusste ich: Diesen Vogel werde ich nie wieder fliegen. Beim Aufsetzen fühlte sich der Sand an wie Beton. Wie Wasser, wenn man mit zu hoher Geschwindigkeit aufschlägt. Dann grub sich das Fahrwerk samt Bug in den Sand. Irgendwann kam der Flieger zum Stehen. Stille. Nach dem stundenlangen Brummen und den Fehlzündungen während des Fluges und vor allem nach dem ohrenbetäubendem Absturz war die Stille unheimlich. Benommen stieg ich durch die zerborstene Frontscheibe. Scheiße. Immer wenn Kollegen von Abstürzen erzählt haben, war das unendlich weit weg. Wie ein Krieg in den Nachrichten, im flackernden Bild des Fernsehers  der Flughafenbar, dem du eh weniger Beachtung schenkst, als dem Bier und der Frau neben dir. Und jetzt war ich selbst ein Abgestürzter. Keine Geschichte in meiner Erinnerung, sondern eine reale Beule an meinem Kopf.
Die komplette Bordelektronik war Schrott. Okay, die Beechcraft war schon ein bisschen älter und das gesamte Flugzeug war schon lange Schrott, doch jetzt funktionierte gar nichts mehr. Mir dagegen ging es wunderbar. Vorher erwähnte Beule und schlechte Laune, ansonsten war ich erstaunlich lebendig.
Die Hoffnung, gefunden zu werden, ließ mich dennoch die ersten zwei Tage im Flieger übernachten. Umgeben von hunderten John Denver-Schallplatten. Diese würden wohl nicht mehr ihren Weg in die verstaubten Schränke von Vinylsammlern finden. Traurige Ironie war es tatsächlich, mit der Musik eines Künstlers abzustürzen, der mit seinem eigenen Flugzeug ums Leben gekommen war.
Tagsüber lag ich im heißen Schatten des Laderaums und fächerte mir Luft mit einer Platte zu. Des Nachts vergrub ich mich unter meiner Jacke und den kleinen Styroporkügelchen, in welche die Platten eingepackt waren. Eines musste ich zugeben: Die Platten waren sicher verpackt gewesen. Nur 42 der 1492 Vinylscheiben waren beim Absturz zu Bruch gegangen. Zeit zum Zählen hatte ich ja genug. Es waren genau 1492 Schallplatten. Noch so eine Ironie. Aber vielleicht war das auch ein Zeichen, dass ich gefunden werden würde!
Nach zwei Tagen verließ ich das Wrack. Das Essen war alle, auch die Wasserreserven neigten sich dem Ende zu. Ich war ja auch nicht darauf vorbereitet gewesen, die Wüste unter meinen Füßen zu spüren. Eigentlich hätte ich sie nur aus ein paar tausend Fuß Höhe sehen sollen.
Kurz bevor die Sonne aufging, lief ich los. Schon die ersten Schritte brachten Schweißausbrüche, ich warf alles von mir, was Ballast machte. Nur gerade so den Körper bedecken, um Sonnenbrand zu vermeiden. Und natürlich die Wasserflaschen. Vier an der Zahl, in einen Pullover gebunden, auf dem Rücken liegend. So machte ich mich auf den Weg durch den Sand. Nach ein paar Hundert Metern drehte ich mich um und verabschiedete mich von meiner Lady. Die alte Maschine hatte mich länger begleitet als es jemals eine Frau getan hatte. Sie war mir treu geblieben, eben bis jetzt. Bis dass der Tod uns scheidet. Ich weinte nicht, Wasser war hier kostbar, aber mein Herz schmerzte schon. Ich war mir sicher, den Vogel nicht mehr wieder zu sehen. Ich täuschte mich.
Als es dämmerte wurde es schlagartig kühler. Die Kühlung motivierte zum Laufen, bis ich irgendwann erschöpft in den Sand stürzte. Ich drehte mich auf den Rücken, die Augen geschlossen, alle Viere von mir gestreckt, ein Lächeln umspielte meine trockenen Lippen. Nach Tagen des Nichtbewegens war es trotz der Hitze ein gutes Gefühl, mal wieder etwas getan zu haben. Dann kroch mir die Nacht in die Glieder. Was ich noch vor kurzem als angenehme Kühle empfunden hatte, war nun klirrende Kälte, die den verschwitzten Körper schneller umschloss und durchdrang, als mir lieb war. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie gut ich es unter all den Styroporkügelchen gehabt hatte. Hatte ich das gelesen oder gehört, ich wusste es nicht mehr, aber ich hatte im Kopf, Nomaden waren immer komplett eingekleidet, das würde die Wärme isolieren. Und nachts vor der Kälte schützen. Ich musste zurück. Die restlichen Klamotten mitnehmen. Also erhob ich mich und lief in der Nacht meinen eigenen halb verwehten Fußspuren nach, zurück zu meiner Lady. Normalerweise waren es die Frauen, die mich verließen und sie kamen nie zurück. Jetzt  verabschiedete ich mich und schon eine Nacht später war ich reumütig auf dem Rückweg. Zu meiner Verteidigung muss man sagen, es war Vollmond, ich hätte sowieso nicht schlafen können. Und das Laufen hielt warm.
Beim Sonnenaufgang kam ich wieder bei der Beechcraft an. Erschöpft warf ich mich in das Verpackungsmaterial. Weder Körper noch Geist waren gewillt, sofort wieder ohne den geringsten Schatten durch die Wüste zu laufen. Also blieb ich versteckt vor der Sonne ein weiteres Mal in meiner Lady. Die Beechcraft war tatsächlich sehr weiblich. Sie war gemütlich, machte manchmal Zicken und in ihr drin fühlte man sich sehr wohl.
Bei Anbruch der Nacht machte ich mich wieder auf den Weg. Diesmal aber in die andere Richtung, den Sand in der ersten Richtung kannte ich ja schon.
Nach meiner Rettung sagte man mir, ich hätte nur zwei Stunden weiter in die erste Richtung laufen müssen und ich wäre auf ein Camp gestoßen. Traurige Ironie. Mal wieder.
Ich packte mich komplett ein. Nur die Augen ließ ich aus. Wie auf diesen Postkarten, auf denen man nur die schönen Augen einer Nomadin sieht, während alles andere in blaue Tücher gehüllt ist. Vielleicht traf ich ja eine solche hier. Der Rest meines Körpers war samt meiner zwei letzten Wasserflaschen in Kleider verhüllt. Ich hatte die Hosenbeine meiner Leinenhose zugeknotet und jeweils eine der beiden Flaschen hineingesteckt. Die Konstruktion hing mir jetzt um den Hals auf dem Rücken. So konnte ich die Flaschen transportieren, ohne sie die ganze Zeit in der Hand zu halten. Mein Fahrtenmesser hatte ich eingesteckt. Das hatte ich als Kind einmal einem alten Mann geklaut. Seitdem begleitete es mich. Und wenn ich schon hier in der Wüste mein Leben lassen sollte sollte, dann mit diesem Messer. Dann lief ich los.
In der Nacht war alles gut. Dann wurde es warm. Zu der Erinnerung, Nomaden seien immer verhüllt kam jetzt auch der Fakt, dass sie knapp 10 Liter pro Tag trinken. Soviel Wasser hatte ich nicht. Also runter mit den Klamotten. Was nichts an der Temperatur änderte. Dann dachte ich an die Kälte der Nacht und zog die Klamotten wieder an.
Die nächsten zwei Tage tröstete mich der Gedanke, immer zum Flugzeug zurückkehren zu können. Danach war ich definitiv zu weit entfernt. Meine Spuren würden spätestens jetzt verweht sein. Ich musste mitten in der Wüste sein, hin und wieder kam ich zwar an Steinformationen vorbei, aber hauptsächlich schlurfte ich durch Sand. Nichts zu sehen von den Felsen, die in der Nähe der Skelettküste zu finden waren. Ich hoffte, irgendwann auf welche zu stossen, denn an der Küste fand man immer wieder Schiffswracks, die ein wenig Schutz bieten konnten. Es war nur eine Frage der Zeit, dass mich ein Sandsturm erwischen würde. Diese kamen in Namib extrem oft vor. Ich hatte viele dieser Stürme bei meinen Flügen beobachten können, zu der Zeit als ich noch fasziniert nach unten sah und begeistert war von der Wüste. Damals wünschte ich mir, ich würde so einen Sandsturm auch aus der Nähe betrachten können. Sobald mich jetzt einer erwischen würde, würde ich mein damaliges Ich für den Wunsch verfluchen, denn so ein Sturm endete meist mit Sand in der Lunge und einem raschen Ende.
Wieder zwei Tage später war das Wasser alle. Die Lippen platzten auf. Die Haut wurde rissig. Der dehydrierte Kopf schmerzte. Wie wenn man zuviel Alkohol und zuwenig Wasser getrunken hatte. Ich fühlte mich wie nach einer durchzechten Nacht, die etwa ein Jahr lang gedauert haben musste. Eine Nacht, nach der man aufwacht und denkt, so sehr wie der Kopf brummt, so gut kann die Nacht gar nicht gewesen sein. Und Aspirin war keines da.
Das Schlimmste aber waren weder die trockene Haut, noch das Pochen im Kopf. Es war die Stille. Ich war noch nie ein Mensch gewesen, der viel Gesellschaft braucht. Einerseits mochte ich Menschenmassen nicht, andererseits beruhte das meist auf Gegenseitigkeit. Eine Frau reichte mir normalerweise, aber keine hielt es lang mit mir aus. Was irgendwie verständlich war. Ich hielt es ja manchmal selbst nicht mit mir aus. Meine besten Freunde waren die Beechcraft und der jeweilige Barkeeper der Flughafenbar gewesen. Der eine schwieg oft, während die andere andauernd brummte. Dennoch, trotz dessen, dass ich nicht der Mensch für Gesellschaft war, die absolute Einsamkeit zerstörte mich. Die unheimliche, unüberbrückbare  und ewige Stille in der Wüste machte mich verrückt.
Anfangs hatte ich nur geflucht. Dann hatte ich erst die Songs von John Denver und kurz darauf auch alle anderen, die ich kannte gesungen. Dann sprach ich mit mir selbst. Und irgendwann schwieg ich. Einerseits kostete das Sprechen Kraft. Andererseits ging ich mir auf die Nerven. Und irgendwie gab es dann auch nichts mehr zu sagen.
Ich dachte an buddhistische Mönche. Deren Ziel war es, nichts mehr zu denken. Durch einfache Arbeit, die sehr bewusst ausgeführt wird, soll man aufhören zu denken. Und durch Koan. Koan waren kurze Anekdoten oder Fragen, die den Schülern vom Meister aufgetragen wurden. Das waren solche Sachen wie „Wie hört sich das Geräusch einer einzelnen klatschenden Hand an?“ oder „Die Freiheit des Himmels, eines Baumes, eines Steines ist die Messlatte.“ Noch konfuser als die Sätze des Meisters sind dann oft die Antworten der Schüler, die sie nach Jahren dann bringen. Manchmal glaube ich, sobald etwas so schwer ist, dass es niemand versteht, wird es als genial erachtet. Jedenfalls, durch die Koan sollen die Schüler lernen, nicht mehr zu denken. Weil es  sowieso nichts bringt und man nur ohne Gedanken erleuchtet werden kann. Wenn das tatsächlich so ist, dann musste ich kurz davor gewesen sein, am achten Tag.
Die Sonne hatte ihren Zenit erreicht. Mein Schatten war direkt unter mir. Langsam zog ich immer einen Fuß vor den anderen. Ich dachte an Beppo Straßenkehrer. Dem alte Mann aus Michael Endes „Momo“. Er sagte, dass es keinen Sinn mache, eine Straße schnell und im Stress zu kehren. Man muss es ganz langsam machen. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Dann ist man irgendwann fertig, hat Schritt für Schritt die Straße gemacht. Man hat gar nicht gemerkt wie und ist nicht aus der Puste. Genauso lief ich durch die Wüste. Den Kopf gesenkt, meinen eigenen Schatten betrachtend, setzte ich immer einen Fuß vor den anderen. Irgendwann musste ich das Ende der Wüste erreichen, ohne aus der Puste zu kommen. Leider hatte ich nicht Beppos Disziplin. Immer wieder sah ich auf. Dann stöhnte ich, wenn ich die endlosen Weiten Sand sah. Also wieder auf den Boden starren. Und weiter. Schritt. Für. Schritt.
Als ich wieder aufsah, stöhnte ich, sah wieder runter und gleich wieder auf. Ein bisschen rechts von mir lag etwas im Sand. Da war ein Stein und nebendran lag etwas. Ein kleinerer Stein? Nein, es sah irgendwie nach… Tier aus. Ein Esel? In meiner ganzen Zeit in Namib hatte ich außer Sand und Stein nichts gesehen. Ab und an entdeckte ich die Skelette einiger Skorpione, ansonsten hatte die Zeit und die Hitze alles ziemlich verjagt. Eben bis auf diesen braun-grauen Haufen, der genau vor mir lag. Zumindest wenn ich ein bisschen nach rechts schaute. Ich änderte meine Richtung und ging auf die Erhebung zu. Ein Esel konnte es nicht sein, er hat in dieser Gegend nichts zu suchen. Es muss also ein Spießbock sein. Im Näherkommen erkannte ich die schwarzen Flanken und  die Hörner. Es war ein Spießbock. Und er schien tot zu sein. Schlafen würde er dort nicht. Erschöpft ließ ich mich in den Sand fallen und lehnte mich an die schattige Seite des Steines. Sorgsam war ich darauf bedacht, mit keinem Teil meines Körpers den Sand oder den Stein direkt zu berühren. Verbrennungen waren das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte. Dennoch spürte ich die enorme Hitze des Felsens durch die vielen Lagen über meinem Körper. Zumindest traf mich die Sonne ein paar Momente lang nicht direkt. Ich sah mir das Tier an, das links von mir lag. Es musste erst vor kurzem gestorben sein. Es sah noch frisch aus.  Ich schälte meine Hand aus den Stofflagen und berührte das Tier. Die Vorstellung, dass sich unter diesem störrischen Fell Flüssigkeit und Fleisch verbarg, welche mir das Leben retten konnten, liessen mich handeln. Mit zitternden Händen zog ich mein altes Messer hervor. Bevor ich zustach zögerte ich einen Moment. Nicht, dass ich Vegetarier bin, auf keinen Fall. Aber es ist eine Sache, zubereitetes Fleisch zu essen, und eine komplett andere, rohes Fleisch aus einem Tier herauszuschneiden. Selbst für einen zynischen und abgebrühten Bastard wie mich. Dann schlitzte ich das Fell des Bocks auf. Blut quoll mir über meine Hand. Ich spürte es aber kaum. Wenn ich fettige Pizza mit der Hand esse, läuft mir manchmal das Fett die Hand herunter. Ich bemerke es aber nicht, weil es die gleiche Temperatur wie meine Haut hat. Genauso ging es mir mit dem Blut. Ich sah es, spürte es aber kaum. Mit ungelenken Bewegungen schnitt ich mir ein mundgerechtes Stück Fleisch aus dem Tier und steckte es in den Mund. Erst saugte ich all das Blut aus dem Stück, schüttelte mich wegen des metallischen Geschmacks und fing an zu kauen. Der Spießbock musste viel gelaufen sein, das Fleisch war zäh und sehnig. Und vor allem: roh! Ich habe die Franzosen nie verstanden, die ihr Fleisch blutig essen. Aber wie sagt man so schön: In der Not frisst der Teufel Fliegen. Ich kaute lange an meinem ersten Stück. Wollte meinen Magen nicht überstrapazieren. Und als ich also am Kauen bin – mit geschlossenen Augen, das blutige Stück in meinem Mund geniessend und mit Vorfreude auf viele weitere Stücke – hörte ich plötzlich etwas.
Wenn man sich nach langer Zeit mal wieder rasiert, dann fühlt sich die Haut dann ganz ungewohnt an. Genauso erging es mir mit der Stille und diesem Geräusch, welches nicht von mir kam. Ich öffnete die Augen. Und ich erkannte einen Löwen. Erst konnte ich es nicht glauben. Ich musste fantasieren. Doch das Tier, welches langsam auf mich zukam, war echt. Ich erinnerte mich, die Wüstenlöwen der Skelettküste Namibias galten seit mehr als 20 Jahren als ausgestorben. Erst vor zwei Jahren hatte man die ehemaligen Könige der Wildnis in einem kleinen Tal wiederentdeckt. Eine Sensation. Seitdem versuchte man, die Population der Wüstenlöwen wieder zu steigern. Mittlerweile waren sie einer Hauptgründe für Touristen, nach Namibia zu kommen.
Das Tier vor mir hatte sich auf jeden Fall weit in die Wüste getraut. Das hieß einerseits, ich war nicht so weit von der Küste entfernt wie ich dachte. Andererseits hatte ich jetzt ein großes Problem. Mein erster Reflex war die Flucht. Wäre ich nicht so erschöpft gewesen, hätte ich Fersengeld gegeben. Aber meine fehlende Kraft gab mir die Freiheit der Entscheidung. Ich sah zwei Alternativen. Nummer eins war aufstehen, das Essen hinter mir lassen und flüchten. Für den Fall, dass mir der Löwe nicht hinterherhetzte, würde ich in den nächsten paar Tagen in der Wüste verhungern. Nummer zwei hieß sitzenbleiben und weiteressen. Dann würde der Löwe mich wahrscheinlich einfach hier reissen. Ich hatte also die Freiheit, zwischen zwei fast sicheren Todesmöglichkeiten zu entscheiden. Mein Trotz und mein Stolz meldeten sich. Wenn ich schon sterben würde, dann wollte ich nicht auf der Flucht sterben! Also schluckte ich das erste Stück Fleisch herunter, blieb sitzen und schnitt ein weiteres Stück aus dem Bock.
Als der Löwe wieder näher kam und die Zähne fletschte, bereute ich meine Entscheidung schon. Dennoch blieb ich sitzen. Hunde konnten Angst anscheinend riechen. Löwen auch? Ich wusste es nicht. Es war im Grunde aber auch egal. Das Tier kam langsam auf mich zu. Sah mich dabei mit einem tiefen Blick an. Ich mochte die Bewegungen von Raubkatzen. Der majestätische Gang. Die Schulterblätter, welche bei jedem Schritt sichtbar wurden. Die Muskeln, die unter dem Fell spielten. Dann stand das Tier vielleicht noch eine Armlänge von mir weg. Trotzig schnitt ich weiter am Fleisch rum, ohne aber das Tier aus den Augen zu lassen. Der Löwe sah mich weiter an. Fletschte die Zähne. Dann lies er sich langsam vor mir nieder. Wie die Sphinx in Kleinformat. Und zwischen uns lag meine Mahlzeit. Ich schnitt mein zweites Stück Fleisch aus dem Spießbock und steckte es in den Mund. Der Löwe sah mich noch einen Moment an, legte dann eine Pfote auf das tote Tier zwischen uns, fuhr mit dem Maul über das Fell und riss dann ein blutiges Stück aus dem Bock. Verblüfft sah ich der kauenden Raubkatze zu. Ich wusste, Löwen essen auch Aas, aber nur in Ausnahmesituationen und dann wird auch jeder vertrieben, der das Essen streitig macht.
Der Hunger liess meine Gedanken hinter sich. Schweigend saßen wir beide in der Sonne und aßen. Respektvoll liess ich meine Finger vom Bock, wenn der Löwe gerade daran riss. Genauso geduldig schien er aber auch mir gegenüber zu sein. Er näherte sich mit seiner mittlerweile blutigen Schnauze erst wieder dem Fleisch, wenn ich mir ein Stück abgeschnitten hatte.
Meine Furcht vor dem Löwen hatte sich ein bisschen gelegt, nach einiger Zeit. Ich tröstete mich dann auch noch mit dem Gedanken, wenn er mich jetzt anfallen sollte, könnte ich mit dem Messer zustechen. Ich hätte wahrscheinlich dennoch überhaupt keine Chance gehabt.
Ich musste aufpassen. Nach mehreren Tagen ohne Essen wollte ich mir das Fleisch nicht gleich nochmal durch den Kopf gehen lassen. Ich legte eine Pause ein und sah dem Löwen zu, wie er sich durch den Kadaver wühlte. Dann irgendwann putzte er sich mit Pfote und Sand das Maul sauber und stand auf. Ich stockte. Dann drehte sich das Tier um und ging. Ich starrte. Bis es mehrere hundert Meter weg war. Dann widmete ich mich wieder dem Fleisch. Irgendwann war auch ich fertig. Meine Hände, mein Gesicht und das Messer. Alles war blutverschmiert. Und jetzt, wo ich keinen Hunger mehr hatte und das Blut langsam trocknete, sah ich mir das ausgeweidete Tier an und versuchte noch irgendeine Spur des Löwen auszumachen. Ich musste eine Halluzination gehabt haben! Hatte ich gerade zusammen mit einem Löwen einen Spießbock ausgeweidet? Unmöglich! Mein verdorrtes Hirn musste mir einen Streich gespielt haben.
Ich erhob mich von dem Stein und lief weiter. Zumindest hatte ich jetzt keinen Hunger mehr und nach langer Zeit mal wieder etwas anderes als Sand gesehen. Auch wenn ich mir einzureden versuchte, dass es nicht echt gewesen sein konnte.
Am Abend des achten Tages erlebte ich den lange gefürchteten Sandsturm. Es fing als kleiner Windstoß an, der kühlend durch meine Kleidung Strich. Doch viel zu schnell wurde daraus ein Wind, gemischt mit Sand, sodass die Sicht auf wenige Meter beschränkt war.
Dann traf ich endlich auf die Skelettküste. Ironie, mal wieder, dass die Küste meine Rettung vor dem Sturm sein sollte. Skelettküste hieß die Gegend aufgrund der vielen, die ihr Leben lassen mussten, nachdem sie mit ihren Schiffen und Booten hier gestrandet waren. Eines dieser Boote musste ich nun finden, um mich darin vor dem Sturm zu schützen. Ich hastete so schnell ich konnte am Strand entlang zu der dunklen Erhebung, die ich im Sturm ausmachen konnte. Das Laufen wurde immer problematischer, denn so nah am Wasser mischte sich die Luft nicht nur mit Sand, sondern wurde auch noch feucht. Der Matsch hing in meinen Kleidern als ich das erste Wrack erreichte. So schnell es mein untrainierter und geschundener Körper schaffte, schlupfte ich durch ein verrostetes Loch in den Rumpf des Kahns. Kniend kroch ich in das dämmrige Innere. Plötzlich erstarrte ich. In der Dunkelheit vor mir strahlen mir zwei Augen entgegen. Wie von einer Katze, nur größer. Meine Augen gewöhnten und ich erkannte das blutverschmierte Maul. Scheiße. Und das gleich zweimal. Scheiße zum ersten, ich hatte nicht halluziniert. Ich hatte mit einem Löwen gegessen! Und scheiße zum zweiten, genau der Löwe lag an dem einzig sicheren Platz vor dem Sturm. Ich hatte wieder meine Freiheit. Ginge ich wieder raus in dem Sturm, könnte ich in ihm sterben. Bliebe ich bei dem Löwen, könnte ich durch ihn sterben.
Ich weiß, man sollte sein Glück nicht überstrapazieren, ich weiß auch, man sollte sich eigentlich nicht in der Nähe eines Löwen aufhalten, besonders, wenn dieser Hunger haben könnte. Ich weiß aber nicht, was mich geritten hat. Ich schüttelte den nassen Sand von meinen Klamotten und kroch langsam weiter in die Dunkelheit. Der Sturm draussen toste und pfiff durch das Wrack, aber je näher ich dem Tier kam, desto stiller wurde es. Ich wagte es nicht, die Raubkatze zu berühren, aber ich lehnte mich in ihrer Nähe gegen die rostige Wand des Wracks. Der Löwe sah mich noch eine Weile mit seinen glühenden Augen an, dann legte er sein Haupt auf seine Pfoten. Zeit verlor angesichts des sausenden Winds die Bedeutung. Irgendwann wurde aus dem dämmrigen Licht Dunkelheit. Aber der Sturm tobte weiter. Irgendwann wurde es kalt. Das rostige Metall in meinem Rücken kühlte schnell ab. Ich zog meine Beine an mich und wickelte mich enger in die Schichten der Kleider ein. Dann spürte ich neben mir eine Bewegung. Der Löwe rückte näher zu mir. Durch die Stoffschichten hindurch spürte ich den warmen Körper. Angespannt zuckte ich immer zusammen, wenn sich die Muskeln des Tiers bewegten. Ich befürchtete, plötzlich die Zähne des Löwen irgendwo in meinem Fleisch zu spüren. Vergebens. Irgendwann entspannte ich mich. Schmiegte mich noch ein bisschen näher an das Tier. Schlief erschöpft ein.
Wie in einem Zelt, welches in der prallen Sonne steht, wurde es irgendwann unerträglich heiß in dem Wrack. Ich erwachte. Allein. Ich hörte aber Stimmen. Menschliche Stimmen, die sich in der Nähe des Wracks befinden mussten. Benommen kletterte ich aus dem rostigen Kahn und stand zwei verblüfften Männern gegenüber. Die beiden Mitarbeiter des Skeleton Coast Park sagten mir, ich könnte meinem Gott danken, sie seien eigentlich nicht so weit draussen. Sie waren nur dem Löwen gefolgt. Löwen sind immer eine Gefahr für die Besucher des Parks. Zwischen mir und den beiden lag der Löwe. Das Blut des Bocks klebte immer noch an seinem Maul. Sein eigenes verlief langsam im Sand.

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Ein Gedanke zu „Text: Tag 8“

  1. Kommentare von ci-jou:
    1. Gummibroetchen
    18. September 2009 um 19:18Uhr

    Mit größter Spannung gelesen. Das ist faszinierend geschrieben. Aber mir tut der Löwe leid. Ich hätte mir gewünscht, der Ich-Erzähler hätte von seiner gelungenen Flucht berichtet.
    2. nightheart
    19. September 2009 um 10:42Uhr

    Macht er das nicht?
    3. Marianne SEB
    19. September 2009 um 13:30Uhr
    4. Fritzi
    19. September 2009 um 13:32Uhr

    Welcome back in der “Zivilisation” … denke ich da.
    Tolle Geschichte, trotz einiger “dann” zuviel, die hier aber nur oberflächlich gestört haben, weil´s einfach spannend ist.
    Gern gelesen!
    5. nightheart
    19. September 2009 um 14:26Uhr

    Marianne, ich glaube dein Kommentar wurde irgendwie verschluckt.
    6. Gummibroetchen
    19. September 2009 um 19:16Uhr

    habe ich den Satz “Sein eigenes verlief langsam im Sand.” falsch verstanden? Sag bitte, dass ich ihn falsch verstanden habe, und dass der Löwe fliehen konnte! 🙂
    Wie auch immer: es ist eine faszinierende Erzählung!
    7. nightheart
    19. September 2009 um 19:26Uhr

    Ah du meinstest den Löwen mit de gelungenen Flucht.. da muss ich dich leider enttäuschen. Er gibt sein Leben für das des Erzählers.
    8. Gummibroetchen
    19. September 2009 um 19:37Uhr

    So gesehen ist das Ende ja auch stimmig. Die gelungene Flucht des Löwen wär wohl zu viel Disneyland-heile-Welt für Kids gewesen. Du hast jedenfalls ein Händchen auch für Abenteuergeschichten, nicht nur für Texte mit paranormalem Touch!
    9. nightheart
    22. September 2009 um 13:00Uhr

    ich habe meine Werke nie als Texte mit paranormalem Touch gesehen, aber danke für das Lob!

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