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Der schmale Grat von Hilfsbereitschaft

Auf meinen wöchentlichen Zugfahrten kommt es regelmäßig zu Verspätungen, Gleis- und Zugänderungen. So auch an diesem Tag.

Der Zug ist ein Ersatz und fährt nur einen Teil der Strecke. Dann müssen die Fahrgäste den Zug wechseln. Kurz vor mir steigt ein hochgewachsener junger Mann aus, der einen zusammengeklappten Blindenstock in den Händen hält. Direkt an der Tür bleibt er stehen, alle anderen fließen um ihn herum und die Treppe herunter auf das nächste Gleis. Ich stelle mir vor, wie ich den jungen Mann am Arm nehme und sicher über den vereisten Bahnsteig, die beiden Treppenabsätze herunter und auf der anderen Seite wieder rauf bis zum Zug, in das Abteil und auf einen Sitz führe und dabei jeden Schritt erkläre. Vor etwa zwei Jahren habe ich den Audioguide für die evangelische Hochschule Ludwigsburg aufgenommen, der Blinden und Sehbehinderten helfen soll, sich auf dem Campus und in den Gebäuden zurechtzufinden. Dabei habe ich viel über das räumliche „Sehen“ von Blinden und deren Verständnis von Hilfsbereitschaft gelernt. Dass sie oft ganz normal behandelt werden wollen und nicht als nicht funktionierende Teile der Gesellschaft. Das ist auch der Grund, warum ich dem jungen Mann am Bahnsteig nicht meine Hilfe angeboten habe.

Zwei Minuten später gehen die Türen der Bahn auf und eine Frau geleitet den jungen Mann in den Zug und auf den Platz mir gegenüber. Er bedankt sich und sie sagt, gerne, auch für sie ist das eine neue Erfahrung, jemanden so durch die Welt zu führen. Und ich denke, scheiße, ich hätte ihm doch helfen sollen. Und habe ein schlechtes Gewissen.

Einen Tag später, anderer Bahnhof, andere Uhrzeit, warte ich auf eine Bahn und sehe eine Frau samt Kinderwagen zum wartenden Zug am Gleis gegenüber eilen. Noch bevor sie an der Tür ankommt, habe ich mich in Bewegung gesetzt. Sie drückt auf den Knopf der Tür und sieht sich nach Hilfe um und entdeckt mich, wie ich bei ihr ankomme. Sie ist überrascht und dankbar, ich helfe ihr, den Kinderwagen in den Wagen zu hieven, sie sagt Danke und ich gehe davon. Mit einem leichten Gefühl, mich ihr aufgedrängt zu haben.

Wo also ist der richtige Grat von Hilfsbereitschaft? Kann man zu hilfsbereit sein?

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