Text: Der Frühaufsteher

Ich bin ein Frühaufsteher. Schon beim ersten Sonnenstrahl, wenn die frühen Vögel die ersten Würmer fangen und dabei ihre Liebeslieder zwitschern, stehe ich auf. Ich habe mir angewöhnt, noch vor dem ersten Frühstück eine Zeitlang zu arbeiten, bevor ich mir dann am Bahnhofscafé meinen ersten Kaffee gönne.
Mein Name ist Kasimir Dax, und ich bin einer der wichtigsten Mitarbeiter der Getränkeindustrie.
Ich arbeite auf Provisionsbasis. Ein ungeregeltes Einkommen, sicher. Aber dafür kann ich mir meine Arbeitszeit selbst einteilen. Schon früh am Morgen bin ich unterwegs und sammele die Flaschen des letzten Tages auf. Manchmal, wenn große Ereignisse oder Festlichkeiten anstehen, dann arbeite ich spätabends, wenn alle anderen am feiern sind. Ich mische mich unter sie und räume hinter ihnen her. Was sie im Gras und an Müllleimerm stehen lassen, sammel ich auf. Wenn ich eine volle Flasche finde, meist ist es Bier, dann gebe ich sie den jungen Erwachsenen, die auf Treppen und Mäuerchen sitzen, ich selbst trinke nämlich keinen Alkohol.
Oft arbeite ich auch zur Mittagszeit, wenn alle anderen am Essen sind. Dann streife ich durch den Park und nehme den Müllmännern ein bisschen Arbeit ab und selbst ein bisschen Geld ein. Dann ernte ich aber oft böse Blicke von Menschen, die im Anzug auf der Parkbank ihre Pause geniessen wollen.
„Diese Penner, sie sind ein Schandfleck unserer sauberen Stadt.“, zischeln sie dann, so leise dass ich es gerade noch hören kann.
Dann bleibe ich extra für sie am nächsten Mülleimer stehen und wühle darin, damit sie später noch etwas haben, was sie ihren Arbeitskollegen erzählen können.

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2 Gedanken zu „Text: Der Frühaufsteher“

  1. Kommentare von ci-jou:
    # Marianne SEB
    09. November 2009 um 18:06Uhr

    Oh ja – diese Überheblichkeit !
    Dabei……. gerade in heutiger Zeit kann es sehr schnell gehen und man ist selbst in der Situation und überlegt, wie man zu Geld kommen kann, auf ehrliche Weise.
    # Fritzi
    10. November 2009 um 18:09Uhr

    Nun, solange sie noch “Arbeitskollegen” haben, denen sie das erzählen können … wenn es mir bei dem, was ich seit meiner Rückkehr nach Deutschland (Januar 2008) beobachte, auch oftmals so erscheint, als habe sich in den bis dahin (für mich in Italien) vergangenen 25 Jahren irgendetwas – irgendetwas Unfassbares, Vages, Ungenaues, Nicht-wirklich-Benennbares – am hiesigen Spiessertum verändert …
    DAMALS waren es die vorherrschenden “Auto-Häuschen-Garten-Spiesser”, die jede “gefallene Existenz” als störend in ihrem Blickfeld empfanden (damals war es allerdings auch wirklich noch so, dass Wer arbeiten wollte, auch Arbeit fand) … HEUTE begegnet mir diese Arroganz der Armut gegenüber hauptsächlich von Seiten jener, die sich gerade Mal noch so auf einem Bein halten und damit – bisher – vor dem sozialen Absturz retten.
    Ich weiss nicht, ob es mir hier auf die Schnelle gelingt, auszudrücken, was ich meine … wie gesagt: “irgendetwas Unfassbares, Vages, Ungenaues, Nicht-wirklich-Benennbares” … aber: während die Überheblichkeit damals dem wahren Spiessertum entsprang, habe ich heute oftmals das Gefühl, sie sei der seltsame Versuch eines “Exorzismus” = des Negierens dieser “Möglichkeit” ansich, generell und im speziellen – aus purer Angst, dass es einem selbst demnächst sehr wohl so ergehen könnte – und indem man sich “bewusst(?!)” und explizit davon distanziert, erscheint die Distanz wesentlich größer …
    Auch so eine seltsame Art von “Klassenkampf” – aber den führen sowieso immer jene, denen die Abgrenzung von “jenem” zum “mir”, vom “uns” zu “denen” wichtig erscheint.

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