Text: Über den Mond – lange Fassung

Im Rahmen der Gelb-Roten-Performance für die Staatsgallerie entstand folgende Langfassung des Straßenpoesietextes Über den Mond. An dieser Stelle vielen Dank an Chantal für die Hilfe.

Das helle Licht der Sonne kommt von hinten und wirft unsere langen Schatten auf die vernarbte Oberfläche des Mondes. Der Sonnenuntergang hinter uns beginnt gerade. Wir sitzen mittendrin im Sonnenlichtorangerotgelb. Im Warmen nach dem Sommerregen. In der Warmwettergegenlichtstimmung.
Zwischen meinen Fingern tanzen kleine Kieselsteine. Die Dachschindeln unter unseren Körpern sind rau und riechen nach nassem Ton. Nach Erde. Du riechst nach herben Tabak. Du riechst warm. Unsere Gesichter können wir nur anhand des Geruches erkennen.
Die Wärme des Tages kuschelt sich zwischen unsere Körper und in unsere Gedanken, während wir schweigend die Schatten beobachten, die über den Mond und die Wolken wandern.
Ich höre, wie unter uns die Welt vorbeirauscht. Sich weiterdreht. Autos rasen, Menschen rennen, grelle bunte Lichter blinken. Ohne sich selbst wahrzunehmen. Aber das ist Realität. Wenn “real” nicht “echt” bedeutet. Ich frage mich, wer behauptet hat, dass das da unten “echt” ist. Und dass es richtig ist, so und so, wie es ist. Ich frage mich, warum die Realität anscheinend soviel wirklicher ist, als die Wirklichkeit und wie es sein kann, dass man sich einfach daran gewöhnt. An diesen immerwährenden Geräuschpegel, das Hupen, die dumpfe Musik, die aus den Kopfhörern anderer schallt, die eine Hälfte des Gesprächs, das am Handy geführt wird. An die sich ewig bewegenden bunten Lichter, an Ampelmännchen, die von Grün auf Rot und von Rot auf Grün springen, an die Leuchtreklamen und die poppigen Plakate? Selbst, wenn sie in die richtige Richtung sehen würden, würden sie das Sonnenlichtorangerotgelb nicht bemerken. Ich sehe es auch nicht, ich sitze mittendrin. Sehen tue ich nur dich.
Du betrachtest den Mond, die Kapuze über dem Kopf, deine Lippen leicht geöffnet. Staunend wie ein kleines Kind. Alles echt. Hier oben, das ist Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit.
Den Geschmack dieser, deiner Lippen habe ich noch auf meinen. Du schmeckst süß und salzig gleichzeitig. Und dann ist da noch dieser raue Geschmack von Zigaretten. Ich mag den Geruch nicht. Aber wenn der Geschmack von deinen Lippen kommt, bin ich fasziniert.
“Heute ist eigentlich Vollmond.” sagte ich. “Wenn da jetzt nicht unsere Schatten wären. So, wie die Wolken ihre Schatten auf die Erde werfen und mit ihnen über die Felder ziehen, werfen wir unsere auf den Mond.” Du reagierst nicht. Deine Gedanken spielen in den Kratern des Mondes Verstecken. Dann reißt du dich los, sammelst sie wieder ein und drehst den Kopf ein wenig zu mir. Dein Schatten auf dem Mond macht es dir nach. Ich kann deine Augen nicht sehen, aber sie spüren. Du umschließt mit deinen Lippen die selbstgedrehte Kippe und bringst sie zum glühen. Ein roter Punkt im dunklen Gesicht. Dann quillt der Rauch heraus und verhüllt es. Ich kann deinen Mund nicht sehen, aber hören.
“Heute ist gar kein Mond”, sagst du. Deine Hand zeigt in den Himmel. Der Schatten des Rauches hat den Mond geschluckt, die Wirklichkeit vernebelt. Ich kann deine Hand nicht sehen. Aber sie fühlen. Deine kalten Finger tasten über die rissigen Schindeln und suchen meine Haut, meine Hand. Vereinzelte Sandkörner, die auf deinen Fingerspitzen kleben. Während der Mond langsam wieder zum Vorschein kommt, werden unsere Schatten auf ihm größer. Du bist aufgestanden, ziehst mich an der Hand nach oben. Der Boden knirscht unter unseren Füßen, als wir die paar Meter zur Leiter laufen. Sie steht auf dem festen Biden der Realität, führt an diesem Dach, unserer Wirklichkeit, vorbei und endet auf dem Mond. Dem Ziel unserer Träume. Ich lasse dir den Vortritt, helfe dir auf die erste Sprosse, als du noch einmal innehältst und dich umschaust. Als würdest du dich verabschieden wollen, von der Wirklichkeit. Dann siehst du mich an.
“Realität oder Träume”, frage ich. Du lächelst. Ich schaue nach unten, sehe mir die Realität an. Ich blicke nach hinten, in das Sonnenlichtorangerotgelb. Dann spüre ich deine kalten Finger, die meine warme Hand umschliessen und nach oben ziehen. Und ich spüre die Sonne, die mir den Rücken wärmt.

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