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Sarah Wiener ist auch keine Lösung.

Die Analyse eines Artikels, der so nicht veröffentlicht hätte werden dürfte.

Um jeden auf den gleichen Stand zu bringen: Sarah Wiener ist Köchin und Restaurantinhaberin und unter ihrem Namen wurde ein Gastbeitrag auf der Webseite des Wirtschaftsmagazins enorm veröffentlicht – mit dem Titel „Vegan ist auch keine Lösung.“ Unter dem Artikel, aber auch in den üblichen Sozialen Netzwerken entwickelt sich seitdem, mal wieder, ein Streit zwischen Veganer, Vegetarier und Fleischesser (Wenn euch ein besserer Begriff einfällt, immer her damit).

Das Problem ist aber, dass es im Artikel gar nicht um Veganismus geht. Vielmehr ist er eine Sammlung von Plattitüden und Polemik, der – bewusst oder unbewusst – so gebaut ist, dass sich zwei sowieso schon verfeindete Lager nur noch mehr in die Haare kriegen. Dabei sind zwischen all den hohlen Phrasen auch ein paar interessante Gedankengänge, die leider untergehen.

Mir geht es nicht darum, eine Meinung zu Inhalt zu formen, sondern vielmehr die Bauart des Artikels zu analysieren und darzulegen, warum ein Magazin wie enorm so einen Artikel nicht hätte veröffentlichen dürfen. Gehen wir Absatz für Absatz vor, die Überschriften lasse ich weg, denn diese werden normalerweise vom Magazin geschrieben und darauf komme ich später:

Essen ist etwas Kostbares. Ein Genuss! Allerdings haben heute viele das Genießen verlernt. Weil wir mit unserem Körper, mit unserer Seele nicht mehr verbunden sind, essen wir oft nebenbei. Wir kauen viel zu wenig, wir schlingen. Und denken nicht darüber nach, was wir essen, sondern stopfen uns voll mit hochverarbeitetem Fast Food. So mancher hat zu seinem Auto ein innigeres Verhältnis als zu seinem Körper. Billig-Benzin, das dem Motor schadet, will keiner in sein Fahrzeug pumpen. Aber das Billigindustrieöl im Essen: nur rein damit!

Im ersten Absatz ihres Artikels geht Frau Wiener auf den Wert von Essen ein und kritisiert  die Fastfoodmentalität der heutigen Generation. Das ist ihr gutes Recht, lediglich die Art, wie sie das macht ist höchstens plausibel. Und plausibel ist in diesem Kontext nicht positiv, später dazu mehr. Die ersten beiden Sätze „Essen ist etwas Kostbares. Ein Genuss!“ stellen eine Behauptung als Tatsache dar, während sie höchstens eine Meinung sein kann. Essen ist zuallererst Nahrungsaufnahme, das Aufrechterhalten der Körperfunktionen.

Während Frau Wiener dies als Genuss bezeichnet, gibt es seit Jahrzehnten eine große Masse an Menschen, die tatsächlich nur Nahrung aufnehmen wollen, damit sie weiter leben. Die aktuell extremste Form davon sind mehrere Firmen, die Nahrungsmittelersatz anbieten, Pulver, welches mit Wasser vermischt wird und alle wichtigen Nährstoffe liefert, die der Mensch braucht. Astronautennahrung, die nicht schmeckt, sondern nur liefert. Und dabei vielleicht immer noch besser ist, als das Fast Food, das wir sonst kennen. Aber das ist ein anderes Thema, worauf ich hinaus will: Ob essen ein Genuss ist, ist eine Meinung, keine Tatsache.

Der Zweite Teil des ersten Absatzes, die Abrechnung mit den Fastfoodläden und den Verweis auf Billigindustrieöl, wirkt wie ein Anachronismus. Der Trend von „Bio“ boomt, die Besucherzahlen bei McDonalds sind seit Jahren rückläufig, und in jedem Discounter finden sich mittlerweile Produkte und Alternativen, die mit dem gleichen Bio-Siegel versehen sind, wie die Produkte aus dem Hause Sarah Wiener selbst.

Aber wir verstehen, was Frau Wiener sagen will: Essen ist kostbar, Fast-Food nicht, passt auf euren Körper auf. Über Veganismus steht hier nichts.

Der nächste Punkt ist: Wir essen zu viel Fleisch. In den Industrieländern ist das die größte Ernährungssünde. Denn dieses Fleisch kommt ganz überwiegend aus tierquälerischer Haltung. Und wir unterstützen so ein Massentierhaltungssystem, das die Würde der Tiere mit Füßen tritt und der Umwelt massiv schadet. Zudem spitzt unser hoher Fleischkonsum die globale Ernährungsungerechtigkeit weiter zu. Die Menschen in Südamerika zum Beispiel leiden unter unserem immensen Fleischhunger – denn die Felder, auf denen Getreide und Früchte wachsen sollten, dienen nur dem Anbau von Futtermittel. Machen wir so weiter mit dem Fleischessen, brauchen wir bald eine zweite Erde.

Nunja, sie fasst den Absatz in den ersten Sätzen zusammen: „In den Industrieländern ist das die größte Ernährungssünde.“ Die Erklärung dafür könnte so auch genauso bei Peta stehen. Dort ist es ein wenig ausführlicher. Absatz 2 sagt: Fleisch essen ist nicht gut! Immer noch kein Wort von Veganismus.

Und trotzdem wird dieser Gastbeitrag kein Aufruf, sich dem Trend zur veganen Ernährung anzuschließen. Denn leider rettet auch sie nicht die Welt. Sie garantiert noch nicht einmal eine gesunde und nachhaltige Ernährung.

Ich habe den Absatz nochmal geteilt, weil er thematisch nicht nur ein Absatz ist. Dieser erste Teil sagt überhaupt nichts über das Thema aus, sondern redet nur über den Artikel selbst, meta. Was hier drin steht, steht auch in der Überschrift und deshalb haben wir angefangen zu lesen. Der Absatz sagt: Veganismus ist nicht gut. Wie im ersten Absatz ist das aber eine Meinung, und es gibt keinerlei Gründe oder Tatsachen dazu.

In den letzten Monaten habe ich vegetarisch gelebt. Ich esse generell schon wenig Fleisch, aber zuletzt, während einer Auszeit in Südamerika, habe ich ganz auf Tierisches verzichtet. Bis auf den einen oder anderen Milchbrei, den ich mir ab und zu gemacht habe. Und hier und da ein Löffelchen Honig.

In dieser kleinen Ausschweifung widerspricht sich Frau Wiener selbst. Sie bezeichnet ihre Lebensweise in den letzten Monaten als Vegetarisch, sagt dann aber, sie habe – mit kleinen Ausnahmen –  „ganz auf Tierisches“ verzichtet. Was nach gängiger Definition Vegan bedeutet. Zweiter Teil des Absatzes sagt also: Sarah Wiener hat in letzter Zeit Vegan gelebt. Das ist zwar das Thema Veganismus aufgegriffen, aber gewiss nicht in die Richtung, in die uns die Überschrift schicken will.

Warum mein Verzicht auf Fleisch und Tier-Produkte? Ganz einfach: Ich konnte mir nicht sicher sein, dass die Tiere artgerecht gehalten wurden. Was sie zu fressen bekamen. Bio steckt in Südamerika noch in den Anfangsschühchen, Transparenz in der Lebensmittelkette ist dort noch ein Fremdwort. Für mich ist es kein Genuss, in den Schenkel eines Huhns zu beißen, das weder Sonne noch Wind gespürt hat, dessen Schnabel amputiert wurde und das schon nach wenigen Tagen sein Körpergewicht kaum mehr tragen konnte. In ihrem kurzen Leben bekommen Hähnchen bis zu acht verschiedene Antibiotika – bei einer 40-tägigen Mast also statistisch gesehen jeden vierten Tag! Solches Fleisch will ich nicht essen, aus ethischen Gründen. Und als Köchin würde es mich ekeln, es zuzubereiten.

Langsam kommen wir zu den rhetorischen Finessen des Artikels. In dieser Ausführung beschreibt sie die Lage von Bio und Transparenz in der Lebensmittelkette in Südamerika und dass diese nicht gut ist. Aber durch genau diesen Satz „Bio steckt in Südamerika noch in den Anfangsschühchen, Transparenz in der Lebensmittelkette ist dort noch ein Fremdwort.“ und ihre vorherige Aussage, dass sie in Deutschland zwar wenig, aber zumindest Fleisch gegessen hat, impliziert sie, dass die Lage in Deutschland besser ist und man hier sowohl auf „Bio“ und „Transparenz in der Lebensmittelkette“ zurückgreifen kann. Zumindest ist statistisch belegt, dass Deutschland auf einem guten Weg ist. Das Land, deren Menschen sie im ersten Absatz noch vorwirft, nur hochraffiniertes Fast-Food zu konsumieren. Sneaky, Sarah Wiener!

Was soll uns dieser Absatz sagen? In Deutschland sind wir mit hochwertigem Essen besser dran, als in Südamerika? Immer noch keine Gründe für oder gegen Veganismus. Den folgenden Langen Artikel teile ich wieder auf.

Ich habe Hochachtung und Respekt vor Menschen, die aus Achtung vor dem Tier auf Fleisch und alles andere Tierische verzichten. Sie sind zu Recht wütend über die Zustände in der Landwirtschaft.

Wir halten fest: Veganismus gehört respektiert.

Was mich aber stört, ist die Haltung vieler, die glauben, allein der Verzicht auf alle tierischen Produkte sei die richtige Antwort.

Diesen Satz müsste man fast Wort für Wort auseinandernehmen. Ersteinmal, „die Haltung vieler“ geht von einer großen Masse an Leuten aus, die so denken. Ich weiß noch nicht, wie sie denken, aber ich würde gern wissen, wie Frau Wiener darauf kommt, dass viele diese Haltung haben? Wir kommen gleich drauf zurück. Diese „vielen“ denken also, „allein der Verzicht auf alle tierischen Produkte sei die richtige Antwort.“ Die richtige Antwort auf was? Dieser und die folgenden Sätze nennt man Plausible Argumente. Die werden eingesetzt, damit die Leute sagen können, „Ja, so ist es doch!“ Aber sobald man darüber nachdenkt, bleibt von diesem Argument nichts übrig.

Vegane Ernährung ist keine Lösung des Grundproblems!

Immer noch: Was soll denn das Grundproblem sein? Und wer hat gesagt, dass es darum geht „das Grundproblem“ zu lösen? Vielleicht geht es dem Veganer einfach darum, dass weniger Tiere geschlachtet werden. Oder dass ihm tierische Produkte einfach nicht schmecken. Niemals hat jemand jemals gesagt: „Werdet Veganer! Das löst das Grundproblem!“ Immer noch davon ausgehend, dass wir keine Ahnung von dem Problem haben. Das sind polemische Sätze, die nur dazu da sind, dass die eine Hälfte sagen kann, „Ja, sie hat Recht!“ und die andere Hälfte das vollkommen verneint. Frau Wiener, wir schlittern gerade ganz knapp an Stammtischparolen vorbei.

So mancher Veganer baut sich da schlicht eine Parallelwelt auf.

„So mancher“, ebenso wie „die Haltung vieler“ bedeutet so viel wie: Das sind ganz schön viele von den Veganern, die „so“ denken. Wobei wir aber immer noch nicht wissen, worum es geht.

Er lässt zwar keine Tiere melken, schreddern oder schlachten. Aber durch seinen Verzicht verbessert er auch nichts an den üblen Verhältnissen in der Nahrungsmittelproduktion.

Einen Moment. Haben wir, Sarah Wiener, das statistische Bundesamt und der ganze Rest, nicht weiter oben festgestellt, dass es in Deutschland um die Nahrungsmittelproduktion gar nicht so schlecht steht? So gut, dass Frau Wiener in diesem Land zumindest manchmal zu Fleisch greift? Woher kommen jetzt die „üblen Verhältnissen in der Nahrungsmittelproduktion“? Auch hier: plausibles Argument. Aus dem heiteren Himmel kommen plötzlich üble Verhältnisse daher. Und auf diesen baut sich der Rest auf. Ich muss die Sätze wieder in kleine Brocken aufteilen.

Denn: Vegan zu leben fördert weder die Nachfrage nach Produkten aus einer anständigen Tierhaltung

Richtig! Vegan zu leben, bedeutet: Überhaupt keine Nachfrage nach Produkten egal welcher Tierhaltung zu haben! Das ist der Sinn von Veganismus! Und genau dafür haben die Veganer ein paar Absätze vorher den Segen bekommen.

noch die nach natürlichen, ökologisch erzeugten Lebensmitteln aus der eigenen Region.

Und plötzlich werden hier „regional“ und „bio“ ins Spiel gebracht. Erinnern wir uns: Wie leben in einem Land, in dem seit Jahren immer mehr „Bio“ produziert und konsumiert wird. Und jetzt behauptet Frau Wiener, eine Vegane Lebensform fördert nicht die Nachfrage nach bio und regional. Wieder eine Behauptung, keine Tatsache. Und vor allem: Sie sagt das ganz allgemein. Nicht „manche veganer“, sondern „Vegan zu leben“. Aus den „so manchen“ sind alle Veganer geworden, die weder bio noch regional fördern. Das sagt Frau Wiener. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft sieht das anders. So schreibt dieser in der Broschüre aus diesem Jahr:

Rund 0,9 bis 1,2 Mio. Menschen in Deutschland ernähren sich nach Angaben der Veganen Gesellschaft und des Vegetarierbundes vegan; das sind 1,1 bis 1,5 % der Bevölkerung. Dieser Anteil scheint unbedeutend, doch legt ein Großteil dieser ernährungsbewussten Verbraucher Wert auf Bio. Außerdem bietet der Handel vegane und vegetarische Produkte häufig ausschließlich in Bio-Qualität an. So entfallen gut zwei Drittel des Umsatzes mit Fleisch- und
Milchersatzprodukten auf Bio-Produkte.

Für all das hier ist besonders der letzte Satz interessant. Das bedeutet, dass die Behauptung, auf der dieser Artikel von Frau Wiener fußt, widerlegt ist. Aber noch etwas anderes ist in diesem Kontext spannend: Es sind etwa 1,5% der deutschen Bevölkerung, die Vegan leben. Das heißt, dass im Schnitt 98,5% der Leute, die Frau Wieners Artikel lesen, bei all den polemischen Parolen sagen werden, „Ja, sie hat doch Recht!“ und genau diese „Argumente“ beim nächsten Mal einsetzen, wenn sie auf einen der 1,5% stossen. Durch solche Texte und Kniffe wird nur das Unverständnis geschürt und die beiden, ungleichen, Seiten werden aufeinander gehetzt.

Der Rest des Absatzes fußt auf dieser falschen Behauptung, ich brauche da nicht weiter darauf einzugehen, lasse ihn aber der Vollständigkeit halber stehen. Jetzt haben wir ja die rhetorischen Kniffe verstanden, hier sehen wir sie nochmal in Aktion.

Im Gegenteil: Auch vegane Industrieprodukte lassen Böden erodieren, versauen das Klima und vergiften das Wasser. Das System, in dem sie entstehen, ist ebenso grundlegend falsch wie das System der Fleischproduktion. Natürlich gibt es auch unter Veganern Menschen, die auf Fertigprodukte und industrielle Lebensmittel verzichten, die sich biologisch und regional ernähren. Aber auf dem Trendmarkt Veganismus boomen eben auch all die Kunstprodukte von Seitan-Truthahn bis zum Soja-Hamburger.

Um den Absatz abzuschließen, eigentlich will er sagen: Vegan essen ist genauso schädlich für die Umwelt, wie konventionell zu essen. Diese Behauptung lässt sich nicht halten. Aber was hier noch, fast im Nebensatz, eingebracht wird: Es wird kein Unterschied gemacht zwischen Fleischalternativen und Fleischersatzprodukten. Hier wird nicht behauptet, sondern durch die Wortwahl impliziert: Der Großteil der Veganer konsumiert Fleischersatzprodukte.

Ich glaube, dass sich viel Angst und Unsicherheit in unseren Essgewohnheiten ausdrückt. Nahrung wird uns zur Ersatzreligion. Wir stellen strenge, zum Teil absurde Essensregeln auf, durchleuchten Speisepläne bis ins letzte Molekül, unterwerfen uns Verboten für bestimmte Nahrungsmittelgruppen – nur, um zumindest ein bisschen Kontrolle über unser zunehmend komplexes Leben zu gewinnen.

Frau Wiener beginnt diesen Absatz mit „Ich glaube“, also eindeutig eine eigene Meinung, die aber mitten im Absatz von einer Meinung zu einer Behauptung erhoben wird.

Die Nahrungsmittelindustrie seziert unser Essen wie Frankenstein seine Leichen. Und dann baut sie es wieder zusammen und serviert es als sterilisierte Kunstprodukte, angereichert mit Aromastoffen, Geschmacksstoffen, Farbstoffen und Emulgatoren – um am Ende ein bestimmtes Bissgefühl und den gewünschten Look zu schaffen. Als Beispiel dafür muss man gar nicht so extreme Auswüchse heranziehen wie tierfreie Shrimps oder milchfreien Käse.

Hier werden, sie sagt es selbst, Extrembeispiele angeführt, die aber dann als Sinnbild für die gesamte Industrie und Branche genommen werden. Was Frau Wiener sagt, ist nicht falsch, aber durch den Kontext vergilbt der Absatz zur reinen Polemik.

Es fängt schon bei einer schlichten Sojamilch an. Kochen und drücken Sie Sojabohnen einmal aus – die Brühe ist kaum trinkbar, die möchte sich niemand in seine Latte Macchiato kippen. Die Sojamilch, die heute in jedem Supermarkt steht, ist ein hochverarbeitetes Industrie-Produkt – und in etwa so künstlich wie eine Cola.

Allein das Wort in diesem Kontext zu benutzen ist problematisch, denn das Getränk Cola kann sehr wohl natürlich hergestellt werden. Aber hier wird es als Sinnbild und Phrase für den uns allen am besten bekannten Colahersteller genommen, samt den Bildern mit den Zuckerstückchen und dem Fleisch, welches sich in einem Glas voll Cola auflöst: Das Sinnbild schlechter Nahrungsmittel. Gehen wir also davon aus, dass Frau Wiener diese eine bestimmte Cola meint. Dann ist doch der Vergleich allein deshalb nicht haltbar, weil jede Sojamilch, die ich kenne, mindestens Bio ist.

Das Schlimme ist: Vor stark industrialisierten Nahrungsmitteln ist man heute in keinem Supermarkt mehr sicher. Auch bei Bio entdeckt der clevere Stratege, dass man nicht unbedingt Idealist und Überzeugungstäter sein muss, um am Bio-Trend mitzuverdienen. Geld regiert die Welt.

Steht da wirklich „Geld regiert die Welt“? Ein Sprichwort, welches seit mehr als 399 Jahren verwendet wird, muss jetzt als Argument dafür herhalten, dass auch bei Bio nicht alles koscher ist? Ich meinte ja, nicht alles, was Frau Wiener sagt, ist falsch. Dass auch mit jedem Boom versucht wird, Geld zu machen, ist klar. Und dass also auch bei Bio nicht alles grün ist – Haha – ist eine Sache, die man ruhig mal sagen kann. Wurde auch schon gemacht. Aber das doch bitte nicht mit diesem Sprichwort, das auch noch falsch verwendet wird! „Geld regiert die Welt“ bedeutet: Wer Geld hat, hat Macht. Was Frau Wiener aber sagen will: Wo man Geld verdienen kann, wird keine Rücksicht genommen. Ganz anderer Kontext, da hat dieses Sprichwort nichts zu suchen. Und habt ihr es bemerkt? Von Veganismus ist mal wieder nicht die Rede, hier geht es rein um Bio.

Sicher, in Bio-Lebensmitteln sind immerhin viel weniger Zusatzstoffe erlaubt sowie Pestizide und Mineraldünger verboten. Anbauverbände garantieren hohe Standards. Aber ansonsten: Auch dort steht viel Industrielles in den Regalen.

Auch in diesem Teil werden verschiedene Begriffe durcheinander gebracht. Spätestens ab hier wird das Wort „industriell“ negativ besetzt. Dabei bedeutet es erstmal, dass etwas die Industrie betreffend ist. Und zur Lebensmittelindustrie gehört alles, bis egal welches Essen vor uns auf dem Teller liegt, ganz egal, ob Bio oder nicht. Auch das Pflücken und abpacken regionaler Äpfel ist eine Industrie. Wieso ist „industrielles“ jetzt schlecht? Weil es vorher mit „künstlich“ in Verbindung gebracht wurde. Hier werden wieder Worte in Kontext gesetzt, den sie ursprünglich nicht haben.

Und im konventionellen Handel?

Warum reden wir jetzt über den konventionellen Handel? Und wir erinnern uns, „gut zwei Drittel des Umsatzes mit Fleisch- und Milchersatzprodukten [entfallen] auf Bio-Produkte“.

Ein Grauen, das ich nicht als genießbar bezeichnen würde: Eingeschweißte, normierte und schrill verpackte Aufforderungen, die schreien: Kauf mich! Friss mich! Nimm zwei von mir! Vorne drauf ein Bild, das der Realität Hohn spottet. Was wirklich drinsteckt, ist so klein aufgedruckt und ellenlang, dass es kaum zu lesen ist – und wenn doch, versteht man trotzdem nichts.

Das alte Bild der Mogelpackungen ist nicht grundsätzlich falsch, hat aber in diesem Artikel über Veganismus aber nichts zu suchen. Als ob das Grauen bei Fleischessern weniger schlimm sei.

Vegane Ersatzprodukte sind ein Tor für die Nahrungsmittelindustrie, um noch mehr künstliche, stark verarbeitete Lebensmittel minderer Qualität auf den Markt zu werfen.

Immer noch: „Gut zwei Drittel des Umsatzes mit Fleisch- und Milchersatzprodukten [entfallen] auf Bio-Produkte“. Wieners Behauptung ist nicht haltbar und vermischt gleichzeitig Worte wie „künstlich“ und „verarbeitet“. Und immer noch wird kein Unterschied gemacht zwischen Ersatz und Alternative.

Aber je gezielter und selbstverständlicher wir unsere Nahrungsmittel nach unserer Vorstellung kreieren,

Wo genau machen wir das? Und wer genau ist „wir“? Die 1,5% der Veganer? Oder „die Industrie“? Polemische Aussage.

desto mehr entfernen wir uns von der Natur – und damit von unseren Wurzeln.

Plausibles Argument. Nicht haltbar und falsch. Als ob es vor dem Trend des Veganismus natürlicher zugegangen wäre.

Und jetzt kommt das einzige Argument „gegen“ Veganismus im gesamten Artikel, verpackt zwischen kruden anderen Behauptungen:

Für mich stellt sich durchaus die Frage, ob es nicht unser Schicksal ist, auch Tiere zu essen

Schicksal ist ein großes, nicht sauber definiertes Wort. Wir „müssen“ also Tiere essen?

– weil wir Allesfresser sind,

Was so viel bedeutet, wie: Unser Nahrungsmittelsystem ist in der Lage, alles zu verarbeiten, was wir ihm vorsetzen. Was aber nicht bedeutet, dass wir es auch tun müssen. Nur weil wir Allesfresser sind, fressen wir nicht alles. (Auch das ist übrigens eine rhetorische Form, etwas mit sich selbst zu erklären. Nennt sich Tautologie.)

weil wir bestimmte tierische Enzyme brauchen, um gesund zu bleiben

Hier! Der Körper ist vielleicht gar nicht dazu ausgelegt, vegan zu leben! Ein sehr streitbares Thema und wie gesagt, das einzige Argument. Meines Wissens ist es zumindest ungleich viel schwerer, manche Nährstoffe auf rein veganem Wege zu konsumieren. Schwerer, aber nicht unmöglich. Die Frage ist dann, ob wir unseren Fokus auf das Wohl der Tiere oder auf das eigene legen.

und weil der Tierdung unsere Felder düngt.

Um Tierdung zu erhalten, ist es nicht nötig, das Tier zuvor zu essen.

Doch eines muss klar sein: Unsere Bestimmung ist sicher nicht, Tiere wesensfremd zu halten und zu füttern – und ihnen keinen würdevollen Platz als Mitgeschöpfen einzuräumen.

Dieser Absatz sagt: Tiere sind Respektvoll zu behandeln. Da wird nichts zu Veganismus gesagt und jeder Veganer wird zustimmen.

Was will ich damit sagen? Es ist nicht einfach mit der richtigen Ernährung in diesen Zeiten. Wir haben alle schon genug Stress zu Hause und im Job. Wir können nicht alle zu Ernährungsexperten werden.

Der Absatz sagt: Sich richtig zu ernähren, ist nicht ganz leicht. Ich habe die Argumente dafür zwar nicht ganz rauslesen können, aber ich stimme zu. Aber: Wo ist der Veganismus in diesem Moment? Es ist ja ebenso schwer für einen konventionellen Esser, wie für alle anderen auch. Dieses Argument gilt für alle.

Die Lösung aber ist ganz einfach. Denn die simpelsten Wahrheiten sind immer noch die besten: Kochen Sie selber und mit natürlichen Zutaten. Kaufen Sie saisonal und regional. Und essen Sie nur ab und zu ein Stückchen Fleisch – aus artgerechter Tierhaltung!

Ob die Lösung, oder besser die Umsetzung, wirklich so einfach ist, ist die eine Sache. Die andere ist: Was bittesehr hat dieser Schluss mit Veganismus zu tun? Gar nichts, wie übrigens fast der gesamte Artikel zuvor auch. Er behauptet, Veganer sein sei nicht die Lösung (für was auch immer), sagt aber nicht, warum.

Im Endeffekt haben wir hier einen Artikel, der in manchen Punkten, wie die Vorsicht bei „Bio“-Produkten und das Problem von Fleischersatzprodukten, gute Dinge anspricht, der aber durch seine Art gegen eine Ernährungsweise aufhetzt, die überhaupt nichts damit zu tun hat. Und um bei der Lösung rauzukommen, bei der Frau Wiener am Ende rauskommt, hätte es den Veganismus nicht gebraucht. Im Gegenteil, vielleicht ist der Apell sinnvoller, wenn er an die 98,5% der Deutschen geht. Und nicht an die 1,5%, deren Großteil als „ernährungsbewusst“ gilt.

Keiner, der den Artikel liest, sagt, „Ja, Sarah Wiener hat Recht, lasst uns wieder natürlicher und regionaler einkaufen und essen.“ Stattdessen schreien sich die Veganer und die Fleischesser an, wer nun „besser“ ist. Und hier kommen wir endlich zum enorm-Magazin. Ein Artikel, eine Sammlung an Behauptungen wie dieser, der journalistisch nicht haltbar ist, der sich durchweg schwarzer Rhetorik bedient und dann auch noch mit so einer Überschrift und diesen Zwischenüberschriften gespickt wird, hat meiner Meinung nach nur den Zweck, Klicks und Kommentare zu erzeugen, aber nichts zu diesem Thema beizusteuern. Und das in diesem Wirtschaftsmagazin zu finden, empfinde ich als Armutszeugnis für die Redaktion. Das solltet ihr besser können.

 

Eins noch: Ich bin vieles, aber kein Veganer. Mir geht es hierbei nicht darum, meine Meinung zu stärken. Aber zuzusehen, wie mit solchen Artikeln samt seiner Falschaussagen Missverständnisse geschürt werden und gegen persönliche Einstellungen von wem auch gehetzt wird, macht mir ein beschissenes Gefühl. Und ich habe ungern ein beschissenes Gefühl.

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