Ich frage mich, ob das innere Kind auf einer Mauer sitzt.

Über das Erwachsenwerden und die Entscheidung, kindlich zu bleiben.

Vor ein paar Wochen saß ich auf einer Mauer und habe auf meinen Mentor gewartet. Die Mauer war so hoch, dass meine Füße baumelten, es war früh am morgen und ich war aufgeregt, weil das unser erstes Einzelgespräch werden sollte und ich schlug meine Fersen abwechselnd gegen die Mauer und guckte hier und da hin und irgendwann schalteten sich die zweiten Gedanken ein und sagten zu mir

Fabian, du bist fast 30. Aber du benimmst dich, als wärest du 12.

Ich stocke für einen Moment, dann grinse ich und denke, ja, ist cool. Ich bin oft und gerne 12 Jahre alt. Nur, wenn ich ein hübsches Mädchen sehe, werde ich für einen Moment 16. Und ich bin damit vollkommen zufrieden. Aber natürlich folgt ein Gedanke dem anderen: Als mein Vater in meinem Alter war, war ich schon auf der Welt. Hat er sich damals auch wie 12 gefühlt? Und wie fühlt er sich jetzt? Ist er immer noch Kind?

Ein paar Wochen später sitzen wir beide im Porsche Museum in einem „französischem Dorf“ inmitten vieler Leute und ich sage, Papa, ich muss dich was fragen. Und dann erzähle ich ihm von der Mauer und dem Kind und meinen Gedanken und frage ihn meine Fragen. Und er nickt und gibt mir eine Antwort. Eine Antwort, die mit frühem Tod und aufgezwungener Verantwortung zu tun hat. Eine Antwort, die mich ernst nicken lässt. Aber dann grinst er und sagt, aber wenn ich kann, bin ich auch heute immer noch 12. Und ich lache erleichtert und nicke, denn ich kenne meinen Vater, wenn er 12 ist.

Wieder ein paar Wochen später sitze ich auf dem Sommerfest meiner ehemaligen Zivildienststelle neben meinem ehemaligen „Chef“. Der Mann ist Anfang 70 und kann sich selbst nach zehn Jahren genau an mich erinnern. Wir sitzen inmitten vieler Leute und ich sage, ich muss dich was fragen. Und dann erzähle ich ihm von der Mauer und dem Kind und meinen Gedanken und meinem Vater und frage ihn, ob er noch 12 ist. Und noch während ich rede, grinst der alte Mann neben mir und nickt und erzählt, dass er erst letztes Wochenende in einem Vergnügungspark fünfmal hintereinander mit der Achterbahn gefahren ist.

Und dann sitze ich vor kurzem bei meiner besten Freundin zu Hause. Wir beide allein und ich sage, ich muss dich was fragen. Und dann erzähle ich ihr von der Mauer und dem Kind und meinen Gedanken und meinem Vater und meinem Chef und frage sie, ob sie noch 12 ist. Aber natürlich ist sie das.

Es waren, wahrscheinlich weil Sonntag war, nur wenig Leute auf dem Gang. […] In fast regelmäßigen Entfernungen voneinander saßen sie auf den zwei Reihen langer Holzbänke, die zu beiden Seiten des Ganges angebracht waren. […] Da keine Kleiderhaken vorhanden waren, hatten sie die Hüte, wahrscheinlich einer dem Beispiel des andern folgend, unter die Bank gestellt. Als die, welche zunächst der Tür saßen, K. und den Gerichtsdiener erblickten, erhoben sie sich zum Gruß, da das die Folgenden sahen, glaubten sie auch grüßen zu müssen, so daß alle beim Vorbeigehn der zwei sich erhoben.

aus Franz Kafka – Der Process

Ich sage, ich glaube jeder ist immer Kind. Aber irgendwann kommt man in ein Alter, in dem alle um einen herum so tun, als wären sie erwachsen. Aber man weiß nicht, dass sie nur so tun, sondern man glaubt, sie seien so. Und man selbst weiß, man ist nicht so, aber man tut eben so. Ebenso. Und dann ist das wie im Prozess bei Kafka, in den Kanzleien, wo jeder aufsteht, weil das die anderen tun, aber eigentlich weiß man nicht, warum genau man das tut.

Und sie sagt, ja, wahrscheinlich. Aber es gibt auch Momente, da wirst du gezwungen, nicht mehr Kind zu sein. Momente wie bei deinem Vater.

Und ich frage mich, ob das innere Kind auf einer Mauer sitzt. Manche, wenige, bleiben darauf sitzen. Andere springen aus verschiedenen Gründen runter. Wieder andere werden heruntergezogen oder geschubst. In die Erwachsenheit. Wie schwer ist es, diese Mauer wieder hochzuklettern? Und will das überhaupt jeder?

Ich habe noch keine Antwort auf diese Frage. Aber ich glaube, wenn das innere Kind auf einer Mauer sitzt, dann ist sie zwar so hoch, dass die Beine in der Luft hängen, aber so niedrig, dass man mit ein wenig Anstrengung immer wieder hoch kommt.

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