Bericht: Literarisches Schreiben in Hildesheim, Semester 1.

Seit Oktober 2014 studiere ich also den Master Literarisches Schreiben in Hildesheim. Das erste Semester ist nun vorbei, hier mein Zwischenbericht:

Wie Sprechkunst auch, ist Literarisches Schreiben ein Luxusstudiengang. Ein Studiengang an einer staatlichen Universität mit einer Semesterstärke von 20 Personen. Wir studieren nicht am Hauptcampus der Universität, sondern an der Domäne Marienburg, einem umgebauten Gehöft, das Studiengänge wie Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus, Philosophie, Kunst & Medien, aber auch Musik und Szenische Künste beherbergt, ein paar Kilometer außerhalb von Hildesheim. Man ist umgeben von Künstlern verschiedener Art, auch das hat der Master mit meinem Bachelor gemein.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist der grundsätzliche Aufbau der Studiengänge, natürlich jeweils auf das Sprechen oder das Schreiben gemünzt:

In Sprechkunst lernte ich

  1. eine breite Basis für das Sprechen, samt theoretischer und praktischer Vertiefung in verschiedene Richtungen (beispielsweise Anatomie, Schauspiel und Phonetik),
  2. wieder anderen das Sprechen beizubringen (Unterrichtspraxis), und
  3. im Einzelunterricht das eigene Sprechen zu optimieren (Hauptfach).

In Literarischem Schreiben lerne ich

  1. eine breite Basis für das Schreiben, samt theoretischer und praktischer Vertiefung in verschiedene Richtungen (beispielsweise Kontrolle und Literatur, Kulturjournalismus und die Geschichte des Creative Writing),
  2. wieder anderen das Schreiben beizubringen (Creative Writing als Kulturtechnik), und
  3. mit einem Mentor am eigenen Roman zu arbeiten.

Es gibt aber auch große Unterschiede. Obwohl ich in beiden Studiengänge sehr kleine Semestergruppen hatte und habe (8 bzw. 20, jeweils mit ungleich mehr Frauen im Jahrgang), ist der Zusammenhalt ein ganz anderer. Das liegt meiner Meinung nach an der Studienstruktur. An der Hochschule in Stuttgart wird jedes Semester ein Stundenplan vorgelegt, den man zu besuchen hat. Alle Kurse sind vorgegeben, ich habe mich in Stuttgart in vier Jahren kein einziges Mal mit Semesterwochenstunden oder ETCS-Punkten beschäftigt, das war nicht notwendig. Nach einem Jahr kann man zwischen Literaturkursen wählen und nach dem Grundstudium ein Profil, grundsätzlich hat man aber fast alle Kurse im Semesterverband, was zumindest aus meinem Semester eine zweite Familie geschmiedet hat. Wir kannten uns alle sehr gut.

In Hildesheim dagegen wird durch die Studienordnung vorgegeben, was man in den beiden Masterjahren zu schaffen hat, wann man aber was macht, liegt bei einem selbst. Man wählt jedes Semester neu, welche Kurse man gerne hätte und versucht dies mit dem Plan abzugleichen. Was dazu führt, dass ich im ersten Semester noch nie meinen kompletten Jahrgang gesehen habe. Wir haben keinen einzigen Kurs miteinander und ich kenne nicht einmal alle. Auf der anderen Seite ermöglicht diese Struktur mir, alle Kurse auf zwei Tage die Woche zu legen, sodass ich das erste Semester relativ sauber aus Stuttgart pendelnd leisten konnte. Den Großteil der Zeit verbringe ich mit Schreiben und das geht in Stuttgart und in Zügen ebenso gut, wie in Hildesheim.

Trotz des versprengten Semesters haben wir uns zu einer relativ festen Gruppe von etwa 8 Leuten zusammengefunden, die sich regelmäßig trifft und mir auch in Hildesheim eine Familie gibt, ein Umfeld, in dem ich mich sehr wohl fühle.

Das Studium selbst ist unglaublich toll. Viele Sachen bauen auf meinem vorherigem Studium auf, beziehungsweise kann ich viele Strukturen aus dem Sprechen im Schreiben weiterführen. Während ich in Stuttgart der Schreiber war, bin ich in Hildesheim der Sprecher und darf oft vorlesen. Ich arbeite an meinem Roman und habe jedes Semester wechselnd einen anderen Mentor, der mich bei dem Projekt begleitet. Was will ich mehr?

Zwei Sachen, dir mir noch aufgefallen sind:

  1. Es wird einem leicht gemacht, nichts zu sagen. Egal, ob ich in „Einführung in den Kulturjournalismus“ mit 90 Leuten sitze, oder in „Schrift und Sprache im Mittelalter“ mit 6 Leuten, es gibt Menschen, deren Stimme ich noch nie gehört habe. Die Dozenten stellen ihre Frage und wenn niemand antwortet, reden Sie weiter. Und da sie das schnell tun, gibt es auch immer weniger, die reden. Natürlich gibt es die Üblichen, die oft etwas sagen und eine Diskussion führen. Aber das sind sehr wenige. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob es eine Mentalität der Studierenden oder eine der Lehrenden ist, aber trotz aller Bemühungen, Diskussionen zu führen, werden die Stunden oft zu Vorlesungen verformt. Und das ist sehr schade. Wieso wird der unglaubliche Vorteil kleiner Gruppen nicht genutzt? Sowohl von den Dozenten, und viel mehr noch, von den Studierenden?
  2. Der Studiengang ist in einer andauernden Verteidigungshaltung. In Stuttgart ist eher das Problem, dass außerhalb einer kleinen Interessengruppe niemand den Studiengang kennt. Das geht soweit, dass ich auf der Suche nach einem Praktikumsplatz fast durchgehend überrascht angesehen wurde. Sprechkunst, so etwas kann man studieren? Und wenn selbst potentielle zukünftige Arbeitgeber so reagieren, dann hat man meiner Meinung nach einen zu geringen Bekanntheitsgrad. Wenn ich jetzt mit Menschen über mein Studium rede gibt es immer noch Leute, die sagen, so etwas kann man studieren? Aber weit weniger. Was es dagegen umso häufiger gibt, ist eine gewisse Skepsis darüber ob man jemandem beibringen kann, zu schreiben. Diese Skepsis ist in Hildesheim (und wahrscheinlich auch in Leipzig) bekannt und immer wieder kommt man innerhalb des Studiums darauf zu sprechen. Manchmal hatte ich dabei das Gefühl, eine Institution, die sich sogar innerhalb ihrer Gruppe so sehr verteidigt, kann sich doch selbst nicht ganz sicher sein. Verständlich, was ich meine?

Ich bin gespannt, wie es im kommenden Semester weiter geht. Die Mentoren werden Verlagslektoren sein und es wird viel Neues zu lernen geben. Jetzt aber erstmal Semesterferien. Ich schreibe nun ein wenig.

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