Text: Das U-Bahn Seminar

Es ist ein düsterer Dienstag. Und das nicht nur, weil es früh am Morgen ist. Die Wolken werden an diesem Tag, wie schon seit Tagen, nicht aufreißen. Dafür nieselt es vielleicht noch ein bisschen. Auf jeden Fall ist es kalt. Die Menschen in der U-Bahn sind Pendler. Sie fahren die Strecke jeden Tag, um in die Arbeit zu kommen. Wie an jedem Dienstag. Der Hauptbahnhof ist noch eine Station entfernt. Noch 5 Minuten Schweigen unter Fremden. Die Türen schließen sich. Die Bahn fährt an. Ein Mann steht auf. An einem Ende des Abteils stehend reibt er sich die Hände und lächelt die Menschen an, die ihm noch keine Beachtung schenken.

„Guten Morgen, meine Damen und Herren. Schön, dass sie zu unserem U-Bahn Seminar gekommen sind! Und das auch noch zu so früher Stunde!“
Er lächelt in die Gesichter jener, die den Kopf heben.
„Heute haben wir 5 Minuten Zeit, um über das Thema Sprechen zu reden.“
Begeistert sieht er in die fragenden Gesichter vor ihm. Die ersten Menschen, die mit dem Rücken zu ihm sitzen, drehen sich um.
„Kennen Sie das? Sie sitzen in der U-Bahn, sagen wir an einem Dienstag. Der Großteil der Arbeitswoche liegt noch vor ihnen und Sie haben eigentlich, und das sage ich bewusst so wie ich es sage, überhaupt keinen Bock in die Arbeit zu gehen und zählen insgeheim noch vor Arbeitsbeginn die Stunden, bis Sie wieder in der Bahn nach Hause sitzen.“
Er macht eine kurze Pause, schaut motiviert in die Runde, klatscht einmal in die Hände, nickt und redet weiter, voller Leidenschaft.
„Sie sitzen also in der U-Bahn und wollen eigentlich nur ihre Ruhe, da steht plötzlich so ein Kerl auf und redet auf sie ein und erzählt irgendwas vom Sprechen. Kennen Sie das? Wer kennt das? Könnten Sie mal die Hand heben?“
Er hebt seine eigene, drei weitere gehen hoch, eine kommt zögernd nach. Er zwinkert in die Runde, die jetzt teilweise neugierig schaut, ansonsten aber verwirrt dreinblickt.
„Danke! Jetzt aber ernsthaft. Heute geht es hier um Sprechen. Miteinander sprechen.“
Er zeigt auf einen jungen Mann in seiner Nähe.
„Sie zum Beispiel. Du. Darf ich dich duzen? Ja? Okay gut, danke. Kasimir“
Er schüttelt dem Kerl die Hand.
„Also Martin, hast du dieses hübsche Mädchen da hinten mit dem Buch schon mal gesehen? Ja? Sitzt sie auch öfter hier in der Bahn?“
Martin nickt und die junge Frau schaut aus ihrem Buch auf. Als sie bemerkt, dass sie gemeint wird sie rot und lächelt schüchtern.
Kasimir geht mit schnellen Schritten durch das Abteil, setzt sich neben die Frau und reicht ihr die Hand.
„Hallo, ich bin Kasimir. Hallo Eva, das da drüben ist Martin. Martin, wink mal!“
Ein Schmunzeln geht durch das Abteil.
„Martin hat dich schon öfter hier in der Bahn sitzen sehen. Du ihn auch? Ja? Aber gesprochen habt ihr noch nie miteinander?“
Kasimir nickt und steht auf und geht langsam durch das Abteil zu seinem alten Platz.
„Wer kennt das auch noch? Wem geht es wie Martin und Eva, die sich schon öfter gesehen haben, aber noch miteinander geredet haben?“
Er hebt seine Hand, ein Großteil der Leute im Abteil tut es ihm gleich.
„Ich weiß, man will nicht mit jedem sprechen, aber Martin.“
Er legt Martin eine Hand auf die Schulter und zeigt mit der anderen auf Eva.“
„Ganz im Ernst, so schlecht sieht Eva nicht aus, oder?“
Martin ist es der rot wird, Eva lächelt in an und Kasimir zwinkert. Er reibt seine Hände und schaut dann in die Runde.
„Vielleicht hat der Herr hier die perfekte Lösung für das Problem für die Dame, die mich so grimmig ansieht.“
Er hebt beide Hände hoch, die Handflächen nach außen gerichtet.
„Nicht dass ich Ihnen ein Problem unterstellen möchte! Im Gegenteil! Ich hoffe, Sie sind der glücklichste Mensch der Erde! Aber wenn nicht, vielleicht könnte der Mann dort ihnen helfen! Ich will Sie einladen, Sie und auch alle anderen hier im Raum. Ich möchte Sie alle einladen, einfach mal mit den Menschen, die sie jeden Tag sehen zu sprechen. Vielleicht bleibt es bei einem Small Talk, vielleicht wird aber die Freundschaft des Lebens daraus. Vielleicht werden sie enttäuscht, weil sie sich das Leben des Anderen ganz anders vorgestellt haben. Wie auch immer, was können Sie verlieren? Eine U-Bahnfahrt, in der nicht geschwiegen wurde. Ich für mich muss sagen, dass ist es doch wert.“
Eine Durchsage unterbricht ihn:
„Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund einer technischen Störung verzögert sich unsere Ankunft um 2 Minuten.“
Kasimir schaut zum Lautsprecher, dreht dich zu seinem Publikum und strahlt.
„Wie es aussieht haben wir zwei weitere Minuten Zeit, uns über das Reden und das Schweigen zu unterhalten.“
Und dann spricht er weiter. Nochmal 2 Minuten voller Leidenschaft.
„Sie werden sich vielleicht fragen, vielleicht werden Sie auch gleich mich fragen wollen, worüber man denn sprechen könnte. Hier sind keine Grenzen gesetzt. Lassen sie ihrer Fantasie freien Lauf! Oder fangen sie bei den einfachen Dingen an. Wer Sie sind und was sie tun.“
Er zeigt auf sich.
„Hi, mein Name ist Kasimir. Und ich bin Seminarleiter. Und schon reden wir darüber, was für Seminare ich halte und wie meine Eltern damals auf den Gedanken gekommen sind, mir diesen Namen zu geben. Und wenn mein Gegenüber mir auch noch sagt, wie er heißt und was er macht, dann reicht eine Bahnfahrt gar nicht mehr für das Gespräch. Die Themen dürften nie das Problem sein, sobald sie das Schweigen gebrochen haben.“
Die Dame aus den Lautsprecher verkündet den nächsten Halt: Hauptbahnhof. Und das gleiche nochmal auf Englisch.
„So, meine Damen und Herren, das war es von meiner Seite aus. Haben sie noch irgendwelche Fragen?“
Aufgeschlossen schaut er in die Runde. Manche sehen ihn lächelnd an, andere packen schon zusammen, um auszusteigen.
„Gut, dann wären wir heute fertig. Ich freue mich, dass Sie heute alle trotz der frühen Uhrzeit gekommen sind und vor allem, dass sie bis zum Ende geblieben sind. Mein Name ist Kasimir Dax und ich wünsche ihnen einen schönen Tag!“
Er lächelt in die Runde, nimmt seinen Mantel und seine Tasche in die Hand und verlässt das U-Bahn Abteil durch die Türen, die sich gerade geöffnet haben.

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19 thoughts on “Text: Das U-Bahn Seminar”

  1. und noch ne neue geschichte. die is auch gut! 🙂
    ich kann mir richtig gut vorstellen, wie du so ein seminar hältst. hihi. machs doch mal wirklich!

  2. ach…!? Und ich dachte, die Geschichte sei eben so passiert. (Dachte ich anfangs wirklich) *lach* Könnte ich mir auch gut vorstellen.

    An der Stelle wo er die Frage stellt und seine eigene Hand dabei hebt, konnte ich mein Glucksen nicht mehr halten. ^^ …Erinnert mich an was.

  3. Ci-Jou Kommentare:
    1. Carmelita
    23. März 2009 um 08:09Uhr

    Gute Idee, aber leider nur fiktiv.

    Da ich zu den Plappermäulern gehöre habe ich schon viele gute Erfahrungen damit gemacht, fremde Menschen anzusprechen. Nur selten bekommt man Ablehnung zu spüren. Und es stimmt wirklich; der eigene Tage wird auch bereichert.
    2. Sibylle E.
    23. März 2009 um 12:13Uhr

    Es ist schon manchmal bedrückend zu sehen, wie in öffentlichen Verkehrsmitteln die Menschen grummelig vor sich hin schauen. Da würde solch ein Seminar wahrscheinlich wirklich mal gut tun.
    Die Vorstellung hat mir gefallen 🙂
    3. SimplyMe
    23. März 2009 um 14:18Uhr

    Mancher Busfahrer ist morgens schon leicht überfordert, wenn meine Kids einsteigen und einen “guten Morgen” wünschen…. aber die Idee ist gut….
    4. Fritzi
    23. März 2009 um 14:39Uhr

    Auf welcher Linie fährt Kasimir? – Wenn ich nur den Mut zu sowas hätte … ich denke nicht, dass sich niemand finden würde, der mitmacht!
    Schöner Anstoss!
    (Ich versuch´s also demnächst mal zumindest mit dem neben mir …)
    5. nightheart
    23. März 2009 um 17:27Uhr

    Ich (Wir, Kasimir und Ich) sind in Planung. Hauptproblem: Finde mal eine U-Bahnlinie, in der es zweischen 2 Stationen 5 Minuten Fahrt gibt! In Stuttgart ist das nicht gegeben.
    6. Sibylle E.
    23. März 2009 um 19:02Uhr

    Könnte doch auch bei der Bahn klappen???
    Aber ich hab auch nicht den Mut dazu 🙁
    7. Fritzi
    23. März 2009 um 19:08Uhr

    Ich glaube auch eigentlich nicht, dass zwischen zwei Stationen= weniger als 5 Minuten die Leute wirklich Notiz von anderen nehmen.
    Dieses “Sich schon mal gesehen haben” trifft doch eher auf die zu, die aus den nahen Randgebieten kommen.
    Warum nur fünf Minuten? – Und wenn schon nur fünf Minuten: warum dann unbedingt im Innenstadtbereich??
    Ich glaube, das beste Publikum hättest du von 5/10km außerhalb der Stadt bis zum Zentrum.
    Wie würde sich sowas nennen, was du “dann tätest”? – Ich habe mich gerade für die Ausbildung zur “Sprach- und Kulturvermittlerin” beworben … ist, so wie ich es einschätze, ein ähnlicher “Animationsjob”, wenn auch an anderes Erst-Publikum gerichtet.
    Find ich auf alle Fälle eine klasse Idee! … wenn sie mich auch ein bißchen an Nicholson über dem Kuckuksei erinnert.
    8. Loup Garou
    24. März 2009 um 09:41Uhr

    Uaah…
    Allein schon die Vorstellung, ich müsste morgens U- und/oder S-Bahn fahren und dann sollte ich auch noch reden… Nee, das kann keiner wollen :p

    Aber zu späterer Stunde geht´s dann – mit Hund/en kommt man eh dauernd mit anderen ins Gespräch…

    LG
    😉
    9. nightheart
    24. März 2009 um 10:27Uhr

    @Fritzi, wo kann man denn Sprach- und Kulturvermittlerin werden? Und was genau macht man damit?
    10. Anneli Nelly
    25. März 2009 um 16:11Uhr

    Hallo,
    absolut einleuchtend, das Menschen nur animiert werden müssen, um aus sich heraus zu gehen. Ich benutze gerne Züge oder öffentliche Vekehrsmittel und komme auf so manches interessante Themen.
    Anneli

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